Fassungslos

Oktober 2020

Leserbrief zu »Gesichtslos«, dem Editorial in Erziehungskunst 10/2020.

Liebe Redaktion der Erziehungskunst,

mit Fassungslosigkeit und Enttäuschung habe ich in der Oktober-Ausgabe den Leitartikel »Gesichtslos« gelesen. 

Die Maskenpflicht auf dem Schulgelände und in den Schulgebäuden ist eine gesetzliche Vorschrift, die uns den Alltag sehr schwer macht.

Natürlich kann man sagen, dass wir uns nicht wundern müssen, wenn wir eine freie Schule mit frei denkenden Menschen bauen wollen, und wenn diese dann tatsächlich frei denken und vielleicht sogar noch frei handeln wollen!?

Aber eine gesetzliche Vorschrift ist eine Tatsache, und uns als Schule steht es nicht frei, ob wir ihr folgen wollen oder nicht. Tatsache ist auch, dass wir zunehmend mit vielen Maskenbefreiungen von Kindern und Eltern zu tun haben, die aller Anschauung nach nicht medizinisch begründet sind – es gibt Ärzte im Umfeld, von denen bekannt ist, dass sie quasi jedem so eine Bescheinigung ausstellen. Dies stellt uns als Schule vor Probleme, und die Spaltung der Gesellschaft kommt damit in der Schulgemeinschaft an.

Auf der einen Seite haben wir Eltern, denen wir kaum streng genug in der Umsetzung von Vorschriften sein können, und auf der anderen Seite haben wir eine laute Minderheit, die die Umsetzung der Gesetze in den Schulen boykottiert, in Frage stellt, aufweicht und uns damit in eine Polizistenrolle zwingt.

Solidargemeinschaft geht anders. Die Artikel der Erziehungskunst haben in den Waldorfschulen einen ungemein hohen Stellenwert. Gerade zu diesem Zeitpunkt hätten wir uns etwas anderes gewünscht – und wenn es nur ein einziger Satz in diesem Artikel gewesen wäre, der das »Gesichtslose« in eine Sinnhaftigkeit gestellt hätte. Etwas Mutmachendes vielleicht?

Der Burkavergleich ist da nicht hilfreich gewesen. Von der Erziehungskunst würde ich mir Argumentationshilfe wünschen, wie die Schulen in diesen schwierigen Zeiten ihre Kraft in ihre pädagogischen Aufgaben geben können, und sich nicht zerreiben müssen in einem Kampf, der in die Politik gehört und nicht in die Schule. 

Ina Kähler, Sekretariat der Waldorfschule in Heidelberg

Zum Editorial

Kommentare

Jenny Stolze, 18.10.20 20:10

Sehr geehrte Frau Kähler,
sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Redaktion der Erziehungskunst,

gern stelle ich ein paar Aussagen des Leserbriefes klar und äußere mich dazu:

1. "Die Maskenpflicht auf dem Schulgelände und in den Schulgebäuden ist eine gesetzliche Vorschrift, die uns den Alltag sehr schwer macht."

Das ist falsch. Die Maskenpflicht ist keine gesetzliche Vorschrift. Die Maskenpflicht ist in Verordnungen geregelt, die ohne Parlamentsvorbehalt zustande gekommen sind. Verfassungsrechtler halten dies für nicht nur bedenklich, sondern auch für verfassungswidrig, da das vom parlamentarischen Gesetzgeber abgekoppelte Sonderrechtsregime von Corona-Verordnungen in Konflikt mit den rechtsstaatlichen Vorgaben der Verfassung steht. Denn §§ 28, 32 IfSG enthalten keine rechtsstaatlichen, grundrechtlichen und demokratischen Erfordernissen genügende Ermächtigungsgrundlage.

Dies haben die Verwaltungsgerichte in der jüngeren Vergangenheit auch zunehmend in ihren Beschlüssen formuliert, sodass damit zu rechnen ist, dass die Verwaltungsgerichte - sofern der Deutsche Bundestag diese Warnhinweise der Verwaltungsgerichte jetzt nicht endlich aufgreift - das bestehende Verordnungsregime auch von einem auf den anderen Tag kassieren können.

2. "Aber eine gesetzliche Vorschrift ist eine Tatsache, und uns als Schule steht es nicht frei, ob wir ihr folgen wollen oder nicht."

Dass es sich um gesetzliche Vorschriften handelt ist schlicht falsch. Alle Regeln basieren auf Verordnungen, die gesetzlichen Regelungen gegenüber subsidiär sind und außerdem ohne Parlamentsvorbehalt entstanden sind (s.o.).
Was darüber hinaus bleibt - vor allem an Freien Schulen - ist ohnehin die Eigenverantwortung zur Reflexion und die Pflicht, Schaden und Nachteile von Kindern abzuwenden bei der Umsetzung jedweder Regel oder Anweisung.

3. "Tatsache ist auch, dass wir zunehmend mit vielen Maskenbefreiungen von Kindern und Eltern zu tun haben, die aller Anschauung nach nicht medizinisch begründet sind – es gibt Ärzte im Umfeld, von denen bekannt ist, dass sie quasi jedem so eine Bescheinigung ausstellen."

Diese Aussage ist mehrfacher Hinsicht ungeheuerlich und tendenziös: Erstens maßt sie sich an, den Gesundheitszustand anderer Menschen - gleichsam von außen - beurteilen zu können und dies ohne jedes medizinische Fachwissen und ohne jede Information über den Gesundheitszustand der jeweiligen Person. Zweitens diskreditiert die Aussage Ärzte durch eine bloße Unterstellung und wieder ohne Kenntnis der Einzelfälle. Es sind bloße Unterstellungen, die hier als Tatsache dargestellt werden.

4. "Gerade zu diesem Zeitpunkt hätten wir uns etwas anderes gewünscht – und wenn es nur ein einziger Satz in diesem Artikel gewesen wäre, der das »Gesichtslose« in eine Sinnhaftigkeit gestellt hätte. Etwas Mutmachendes vielleicht?"

Zu Mund-Nase-Bedeckungen, auch und gerade bei Kindern, gibt es keinerlei Nachweise, die den Schutz vor einer Infektion mit Viren beim Träger selbst oder bei Menschen in der Umgebung nachweisen können. Auch gibt es keine Studien zur Schädigung durch das Tragen nicht zertifizierter Mund-Nase-Bedeckungen. Eine Risiko-Nutzen-Abwägung hat insofern nicht stattgefunden. Das ist unverantwortlich. Um die Sinnhaftigkeit der Mund-Nase-Bedeckung zu hinterfragen, empfehle ich die Veröffentlichung von Frau Prof. Dr. med. Kappstein (Krankenhaushygiene up2date 2020; 15(03), Seite 279-295). Ich lasse jedem Interessierten gern die Datei der Veröffentlichung zukommen.

Mut zu machen ist die Aufgabe der Schule bzw. der Lehrer, die nicht einfach das Verordnungsregime zu Lasten der Kinder umsetzen sollte (von Kindern geht nach internationaler Studienlage - die auch schon im März bekannt war - keinerlei Infektionsrisiko aus). Mutmachend und gleichermaßen aufklärend ist das sehr sehenswerte Interview mit dem renommierten Kindheitsforscher Michael Hüter:

https://www.youtube.com/watch?v=k7blF3wmoeE

5. "Der Burkavergleich ist da nicht hilfreich gewesen."
Die Begründung für diese Aussage bleibt - anders als diejenige für die Anführung des Vergleichs im Artikel selbst - vollständig offen.

6. "Von der Erziehungskunst würde ich mir Argumentationshilfe wünschen, wie die Schulen in diesen schwierigen Zeiten ihre Kraft in ihre pädagogischen Aufgaben geben können, und sich nicht zerreiben müssen in einem Kampf, der in die Politik gehört und nicht in die Schule."

Von einem verantwortungsbewussten Umgang mit den oben beschriebenen Implikationen durch die Verordnungen wird sich die Schule aktuell nicht befreien können und sollte dies m.E. auch nicht. Vielmehr handelt es sich um eine der ureigensten und auch pädagogischen Aufgaben der genau dafür ausgebildeten und geschulten Lehrer, nämlich pädagogisch sinnvoll zum Wohle der Kinder zu handeln. Im Übrigen empfinde ich den Artikel der Erziehungskunst als genau so eine augenöffnende Hilfestellung: Die Pädagogik Rudolf Steiners ist der Gesundheitsförderung in Bezug auf Körper, Seele und Geist verpflichtet. Die spirituelle Dimension der Waldorfpädagogik sollte als Maßstab und Kompass bei der Anwendung von Regeln an der Schule gelten - auch wenn dies aktuell schwierig ist und ggfs. auch auf Ablehnung außerhalb der Schule stößt.

Mit freundlichen Grüßen

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