Fast wie im wirklichen Leben. Klassenspiele sind eine Synthese von Kunst, Pädagogik und Therapie

Von Annette Haage-Riedlinger, Mai 2010

In der Waldorfschule stehen die Klassenspiele der achten und zwölften Klasse an Schnittpunkten im Leben des jungen Menschen – sie markieren entscheidende Abschnitte der jugendlichen Entwicklung: das Achtklassspiel den Abschied vom Kindsein und den Übergang ins Jugendalter, das Zwölftklass-Spiel den Eintritt in das Erwachsensein und den Abschied von der Schule.

Theaterarbeit mit Schülern verbindet Pädagogik und Therapie

Diese einschneidenden Umbrüche sind den jungen Menschen deutlich anzumerken. Sie beeinflussen die Arbeit und die Auseinandersetzung mit der Rolle entscheidend. Wenn sie nicht bewusst von der Regie führenden Person begleitet werden, wird der Sinn eines Klassenspiels nicht erfüllt. Annette Haage-Riedlinger, die  freiberuflich an verschiedenen Waldorfschulen als Theaterpädagogin und Theatertherapeutin arbeitet, schildert, worauf es bei den Klassenspielen ankommt und wozu sie gut sind.

Der künstlerische Auftrag des Theaters

Die Schule möchte am Ende der Proben ein Stück auf der Bühne sehen, das so umgesetzt ist, dass Schauspiel, Sprache, Geste, Handlung, Bühnenbild und Kostüme zu einem schlüssigen Ganzen werden. Dieses Ergebnis erreichen die wenigsten Stücke, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Als Gründe dafür werden häufig genannt: mangelnde Erfahrung, mangelnde Vertiefung, mangelnde Zeit, Überlastung der Regisseure. Diese Gründe sind oft einleuchtend, bilden aber nur einen Teil der Wahrheit ab. Denn der wirkliche Mangel liegt vielfach in der Motivation des Regisseurs.

Ebenso wichtig wie der künstlerische ist der pädagogische Auftrag. Denn wir wollen an dieser Stelle die Schüler für das Medium Theater begeistern, ihre Ausdrucksfähigkeiten schulen und ihr Selbstvertrauen stärken.

Das Schauspielen ist ein Grundbedürfnis des Menschen, gleichzusetzen mit Essen, Trinken und Schlafen. Alles, was wir im Leben erreichen wollen, hängt von der Fähigkeit ab, in eine Rolle zu schlüpfen. Kinder schauspielern im Grunde dauernd: Sie ahmen eine Tätigkeit nach und dadurch können sie etwas lernen. So funktionieren und entwickeln wir Menschen uns von klein auf. Ohne diese Fähigkeit gäbe es keine Veränderung unserer Person. Das wirkliche Selbst wird davon permanent umspielt. Prägungen von außen, aber auch die innere Entwicklung – der Mensch, den man in den verschiedenen Konstellationen darstellt und verkörpert, ermöglicht Begegnungen mit dem eigenen Selbst. So wie unser Körper sich während der Lebenszeit verändert, verändert sich unsere Persönlichkeit – man könnte auch vom seelischen Wachstum sprechen, welches uns niemand mehr nehmen kann. Der Mensch trägt das Bedürfnis nach Entwicklung in sich, deshalb ist das Rollenspiel als ein Grundbedürfnis anzusehen.

Die erwachsenen Begleiter eines Stückes sollten sich diese Bedeutung  des Theaters klar machen und die Möglichkeiten, die darin liegen – auch die negativen.  Deshalb trägt der Regisseur, besonders wenn er mit Kindern und Jugend­lichen arbeitet, eine große Verantwortung. Wenn er sensibel ein klares Konzept erarbeitet und das richtige Stück für die Klasse findet, ist schon ein wichtiger Schritt getan, um gute Ergebnisse zu erzielen.

Zwischen der Klasse und dem Stück muss es funken. Die Auswahl eines Stücks ist daher  eine pädagogische Aufgabe, in die auch eine therapeutische hineinspielt. Wir wollen erreichen, dass die Schüler sich mit dem Stück verbinden und der »Theaterfunke« überspringt. Wir müssen ein Stück finden, das die Themen der Klasse und des Alters, in dem die Klasse sich befindet, widerspiegelt. Nur wenn die Schüler sich mit dem Stück und ihrer Rolle identifizieren, Anteile ihrer selbst in ihr wiedererkennen, auch Anteile, die sie vielleicht erst entdecken und entwickeln werden, finden sie die nötige Begeisterung und das Feuer, die für das Spielen gebraucht werden. Es muss eine Resonanz zwischen Klasse und Stück geben.

Der Regisseur oder Lehrer darf also nicht seine eigenen Lebens­themen durch die Schüler darstellen lassen. Oder seine Vorliebe für bestimmte Klassiker mit dem Argument rechtfertigen, ihre Sprache sei heilsam. Ohne Zweifel ist sie das. Aber das rechtfertigt nicht, dass Schüler stundenlang unverstandene, auswendig gelernte Verse auf der Bühne rezitieren, zu denen sie keine innere Verbindung aufgebaut haben. Sonst sind Schüleraufführungen eine Qual, deren Ende jeder herbeisehnt, auch die Schüler. Das ist nicht der richtige Weg, eine sprachliche und seelische Entwicklung durch die Theaterarbeit anzuregen. Auch ist nicht jedes Thema, nur weil ein Klassiker es behandelt hat, passend für die Situation der jeweiligen Klasse oder die Entwicklung der Schüler.

Den vollständigen Artikel finden Sie in der Printausgabe der Erziehungskunst Mai 2010.

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