Feierabend

Von Ute Hallaschka, Dezember 2013

Wir haben ihn vergessen, er ist aus dem Leben verschwunden: der alltägliche Feierabend – eine märchenhafte Erinnerung aus einer anderen Zeit. Er könnte jedoch der Schlüssel sein zu einem aktuellen Lebensrätsel.

Foto: © Charlotte Fischer

Unsere größte Zeitkrankheit heißt Stress. Wo er herkommt und wie wir ihn mindern, das ist ein Rätsel. Alle Maßnahmen ändern nichts daran, dass er dauernd nachwächst, wie ein vegetativ wucherndes Gebilde. Was der Stress uns anzeigt wie eine Fieberkurve, das ist eine Kulturfrage kosmischer Dimension. Menschliche Arbeit verlief einst im Rhythmus des Lichts. Wenn es dunkel wurde, ruhte sie. Das menschlich erzeugte Kerzen- und Öllicht, die Feuerstätten gewährten nur einen begrenzten Zeitraum, in dem sich die Arbeit ins Innere zurückzog. Sie wurde still, gemütlich. Mit dieser natürlichen Tag-Nachtgrenze korrespondierte im Jahreslauf die Schwingungskurve der Feste. Religiöse Feiertage, in denen der Mensch sich seines Zusammenhangs mit dem Kosmos bewusst wurde.

Von all dem haben wir uns notwendigerweise komplett emanzipiert. Aber unsere Vitalität, die Organisation der Lebenskräfte verlangt mehr denn je nach dem inneren Freiraum, einem Spielraum des Menschseins. An Festtagen haben wir freie Zeit – Freizeit. Aber sie dient uns immer weniger zur Muße. Die Freizeit nötigt uns zur Unternehmung, sie zu füllen – zu erfüllen mit Sinn. Wenn die Arbeit wegfällt, wissen wir kaum noch wohin mit uns. Außerdem hört die Arbeit scheinbar nicht mehr auf. Kaum endet das Tagesgeschäft, türmen sich die Berge des Liegengebliebenen von gestern und vorgestern. Wir bekommen ein schlechtes Gewissen. Wer die Kraft aufbringt, sich innerlich darüber hinwegzusetzen, fühlt schon die neue Nötigung, den Zwang. Wenn ich schon frei mache und alles liegen lasse, dann muss es sich »lohnen«. Wenigstens Erholung muss dabei herauskommen. Für neue Arbeitskraft. Wellness-Tage und -Wochenenden sind die feierlichen Pausen, zu denen wir uns mit letzter Kraft schleppen – Urlaub, um auszuspannen. Wie Ochsen im Joch, die verzweifelt kurz ihre Last abwerfen. Ein größeres Fest zu Hause vorzubereiten ist beinah eine Horrorvorstellung geworden – so viel Arbeit. Wer irgend kann, ruft das Catering an. Feste sind wie Inseln im Ansturm der Tage. Wir schleppen uns an den Strand und wollen nur noch schlafen.

Wie wäre es, wenn wir Feierabend hätten? Jeden Tag, irgendwann abends einfach Feierabend wäre. Welch eine unsagbar köstliche Vorstellung. Aber schon die pure Vorstellung macht Angst und ruft Abwehr auf. Darf man das? Einfach sein Tagwerk beenden und sich sagen: Jetzt ist Schluss mit der Arbeit. Das Interessante ist: Nichts und niemand kann mir das erlauben – noch befehlen. Niemand außer mir kann das entscheiden, gewähren, verantworten. Welch eine Übung der Konzentration, der Gelassenheit, der Positivität, der Absichtslosigkeit, der Ausgewogenheit, der geistigen Präsenz ist damit gegeben. Den Abend zu feiern als Ende des Tages, als Übergang in die Nacht, wo wir uns physisch verlieren und geistig finden. Welch ein Fest!

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