Feste oder Fakten?

Von Rada Pakrowska, November 2013

Leserbrief zu »Osteuropäische Annäherung. Die Internationale Assoziation für Waldorfpädagogik feierte ein großes Fest in Riga« von Christoph Johannsen in »Erziehungskunst«, September 2013

Aus dem Artikel erschloss sich mir nicht, zu welchen Ergebnissen die Waldorfbewegung in verschiedenen Staaten Mittel- und Osteuropas gekommen ist. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich die Waldorfschule in Osteuropa anders entwickelt als in Mitteleuropa, obwohl sie auf den gleichen Prinzipien basiert. Was sind die Gründe für diesen Misserfolg? Hat doch Steiner in seinem Vortrag über »Das russische Volkstum« die wichtige Rolle Osteuropas für die Zukunft Europas prophezeit.

Ich frage mich, was in Riga gefeiert werden sollte? Laut Herrn Johannsen sollte dies ein Fest der Begegnung gewesen sein. Aber welcher Art von Begegnung? Hat man dort neue Gesichter gesehen, die aus 15 verschiedenen Staaten gekommen waren? Wo und wann wurden in den letzten Jahren neue Initiativen gegründet? Wie viele neue Schulen sind in den letzten Jahren entstanden, wie viele sind in Planung?

Da der Großteil der Waldorfschulen in den 1990er Jahren gegründet wurde, wäre es interessant gewesen, zu erfahren, wie sich die Oberstufe in den Waldorfschulen in Mittel- und Ost-Europa entwickelt hat. Sind genug ausgebildete Oberstufenlehrer vorhanden? Welche Schritte unternimmt die IAO, um die Waldorfbewegung besonders in Osteuropa an das gesellschaftliche Leben dort anzupassen?

Ist man im Dialog mit den Behörden und den akademischen Kreisen? Warum stehen die Waldorfschulen bis jetzt im Schatten? Welche Erfahrungen hatten diese Länder mit solch schwerwiegenden Problemen wie Korruption und

Abhängigkeit von der Regierung? Darf es überhaupt eine Waldorfschule mit Direktor geben? Die Frage der Freiheit ist in diesem Zusammenhang ein großes Thema.

20 Jahre sind Zeit genug, Verantwortung zu übernehmen. Nur Musizieren, Tafelzeichnen, Eurythmie, feiern und gemeinsam Volkstanz machen sind nicht genug. Es ist an der Zeit, nüchtern zurückzuschauen, die entscheidende Frage zu stellen und zu beantworten: Wie können die Waldorfschulen in Mittel- und Osteuropa weiterentwickelt werden, ohne die landeseigene Kultur zu verlieren? Wie kann sich die Waldorfpädagogik weiterentwickeln, ohne die Grundlage der Waldorfpädagogik zu verlieren? Es geht nicht darum, ein Fest zu feiern, sondern über die Krise in der Entwicklung der Waldorfbewegung in Europa zu berichten.

Eine konstruktive Diskussion über die Waldorfentwicklung in verschiedenen Ländern mit Fakten und Statistiken von Seiten der Internationalen Assoziation für Waldorfpädagogik wäre sinnvoll und wünschenswert. Dann hätte man mehr Gründe, optimistisch in die Zukunft der Waldorfpädagogik in den ehemaligen kommunistischen Ländern zu schauen.

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