Astrid

Von Ute Hallaschka, Dezember 2018

Astrid Lindgren gehört zu den Unsterblichen. Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter und Karlson vom Dach, um nur einige zu nennen, werden niemals aus der Wirklichkeit verschwinden. Weil Kinder sie lieben. Egal wie die Welt aussieht, in der sie gerade leben. Doch wer war der Mensch, der so aus der Ewigkeit der Kindheit schöpfen konnte?

Der Film mit dem schlichten Titel »Astrid« von Pernille Fischer Christensen, konzentriert sich auf Kindheit und Jugend der Schriftstellerin. Sie wächst auf im bäuerlich ländlichen Smaland. Ihre heitere und unbeschwerte Kindheit hat Astrid Lindgren selbst später immer wieder beschrieben. Der heutige Zuschauer kann dagegen verblüfft sein, denn die Idylle, ausgestattet mit wunderschönen schwedischen Landschaftsbildern, weist einige Härten auf. Nicht nur die schwere körperliche Arbeit der Kinder, die selbstverständlich auf dem Bauernhof mithelfen müssen. Der Film zeichnet ein Zeit- und Sittenbild des Lebens im Schweden der 1920er Jahre. Alles andere als unser aktuelles Skandinavienbild. Eine streng pietistisch, calvinistische Gesellschaftsordnung, mit rigiden Moralvorstellungen.

Astrids Talent wird früh wahrgenommen, sie erhält eine Volontariatsstelle bei der Tageszeitung. Dort kommt es zu einer Liebesbeziehung mit dem rund 20 Jahre älteren und (noch) verheirateten Redakteur. Sie wird schwanger und damit beginnt eine langjährige Lebenskatastrophe. Ein Glücksfall für den Zuschauer ist die Darstellerin Alba August. Sie könnte geradewegs aus einem der Bücher von Astrid Lindgren entsprungen sein. Es ist hinreißend, wie sie alles Glück und Leid ihrer Filmfigur mit ungebrochener, unmittelbarer Herzlichkeit ausspielt.

Astrid Lindgren war gezwungen, ihr uneheliches Kind heimlich in Kopenhagen zur Welt zu bringen und bei einer Pflegemutter aufwachsen zu lassen. Sie leidet entsetzlich unter der Trennung von ihrem Sohn und es vergehen Jahre, bis sie den kleinen Lasse endlich zu sich holen kann. Inzwischen ist sie Sekretärin im königlichen Automobilclub, wo sie ihrem späteren Ehemann Lindgren begegnet, und schlägt sich in Stockholm als selbstbestimmte moderne Frau und alleinerziehende Mutter durch.

Der rund zweistündige Film hat erstaunlicherweise keine Längen, man möchte nicht eine Minute dieser Darstellung missen. In die Filmbiographie eingestreut, hören wir immer wieder Kinderstimmen. Es sind Zitate aus den Briefen an die reale Autorin. Spätestens jetzt wird klar, was Astrid Lindgrens Schöpfungen auszeichnet. Kinder sind viel klüger, als Erwachsene denken. An diese Intelligenz des Herzens, die tiefer, weiter und lebensvoller ist, als je eine erwachsene Vorstellung sein könnte, wendet sich Astrid Lindgren, daraus sind alle ihre Figuren entsprungen und beseelt. Es ist unermesslich, was Millionen Kinder der Vergangenheit und der Zukunft diesem Menschen verdanken. Kein Wunder, dass man ganz verzaubert aus dem Kino kommt.

Astrid, Drama, 123 Min. Regie: Pernille Fischer Christensen, (2 Std. 03 Min.), Schweden, Dänemark 2018, FSK 6

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