Capernaum

Von Ute Hallaschka, Januar 2019

Der Film der libanesischen Regisseurin Nadine Labaki, erspart uns nichts – »Capernaum« ist zwar ein Spielfilm, doch er führt drastisch die Wirklichkeit vor Augen.

In Beirut lebt Zain, ein zwölfjähriger Junge mit seiner vielköpfigen Familie. Sie sind aus Syrien geflüchtet, rechtlos und illegal hausen sie in einem Slumviertel. Der Film kommt ohne jede Sozialromantik aus. Es sind klare, nüchterne Bilder, die das Elend vermitteln. Abwechselnd aus der Vogelperspektive, wenn die Kamera die Straßenschluchten Beiruts überfliegt und in Nahaufnahmen das Chaos, im täglichen Überlebenskampf der Kinder.

Sentimentalität ist hier nicht gefragt, aber auch nicht moralische Überheblichkeit, wenn man ein Baby sieht, dem Fußfesseln angelegt werden. Es geschieht, damit das Kleine, auf das keiner achten kann im Durcheinander, nicht zu Schaden kommt. Zain und seine geliebte Schwester Sahar sind ein Geschwisterpaar wie Hänsel und Gretel. Als die Eltern in ihrer Not die Elfjährige mit einem Gemüsehändler zwangsverheiraten, in dessen Bruchbude sie wohnen dürfen, bricht für Zaid die Welt zusammen. Er geht erneut auf die Flucht, aus seinem elenden Leben.

Die folgende Odysee führt ihn zu einer jungen Frau aus Äthiopien, die mit ihrem Baby ebenfalls illegal im Libanon lebt. Hier erfährt Zain eine familiäre Gemeinschaft, die bei aller Not doch von Liebe und Fürsorglichkeit geprägt ist. Solange bis die Mutter plötzlich verschwindet und er sich nun allein mit dem Baby durchschlagen muss.

Der zweistündige Film ist komplett improvisiert, es gab keine Drehbuchtexte, sämtliche Darsteller, allen voran der Protagonist Zain Al Rafeea, sind Laienspieler. An den über 500 Stunden Filmmaterial haben die Cutter rund zwei Jahre lang gearbeitet, um diesen Film daraus zu destillieren.

Ähnlich wie der Wechsel der räumlichen Perspektive zwischen oben und innen, ist die Kamera in Bezug auf den Hauptdarsteller eingerichtet. Wir sehen immer wieder Zains Gesicht in Nahaufnahme. Wortlos, trotzig verschlossen und doch unendlich sprechend. Dem Jungen gelingt es, in völliger Reglosigkeit der Mimik, nur durch die Augen und den Mund sichtbar Sprache zu erzeugen. Um nicht zu sagen: Man sieht ihn denken! Das liegt vielleicht daran, dass er aus eigener Erfahrung kennt, was er darstellt. Wenn er auch anders als im Film aus einer liebevollen Familie stammt, so ist seine Lebenserfahrung des Elends doch real. Die zweite Einstellung ist noch erschütternder. Wenn ihn die Kamera auf seinen Arbeitsgängen begleitet, wenn er schwere Gasflaschen und andere Lasten wuchtet, dann sieht man ihm förmlich körperlich an, dass er auch diese Anstrengung erfahren hat. Alles das, was ein Kind buchstäblich belastet.

Wie die Geschichte im Film endet, bleibt der Phantasie des Zuschauers überlassen. Zain verklagt in der Rahmenhandlung, zu Beginn und am Ende, seine Eltern vor Gericht, weil sie ihn in eine Welt geboren haben, in der er nicht leben kann.

Wer Gelegenheit hat, den Film im arabischsprachigen Original (mit deutschen Untertiteln) zu sehen, sollte es tun. Nur so versteht man, woher die poetischen Zwischentöne stammen, die den Bildern dennoch unterlegt sind. Das ausgesprochene Anliegen der Regisseurin ist es, den Millionen unsichtbaren Kindern im Elend eine Stimme zu geben. Dies wird hörbar und fühlbar.

Der echte Zain ist inzwischen mit seiner Familie, nicht zuletzt dank dieses Films, in Schweden aufgenommen worden. Alle anderen Kinder in lebensbedrohlicher Not warten auf uns, auf die individuelle Einsicht, wie wir ändern können, was wir ändern müssen.

Capernaum – Stadt der Hoffnung, Spielfilm, Regie: Nadine Labaki, 126 Min., Libanon 2018, FSK 12

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