Deine Welt – Heidi

Von Ute Hallaschka, Dezember 2015

Das weltweit meistübersetzte Buch nach der Bibel und dem kommunistischen Manifest ist »Heidi«. Das Kinderbuch von Johanna Spyri ist ein internationaler Klassiker, in Japan ebenso bekannt wie in Europa. Jetzt ist das Buch neu verfilmt worden, doch man fragt sich unwillkürlich: Brauchen wir das, die Idylle der Schweizer Berge, angesichts der Weltlage?

Der Film, der am 10. Dezember startet, gibt eine erstaunliche Antwort: Das kollektive Gedächtnis lässt sich besichtigen – es sind die Klischeebilder im Kopf, die man nicht brauchen kann. Jeder bringt welche mit, wir tragen tatsächlich »Heidi« im Unterbewusstsein. Doch in der Neuverfilmung unter der Regie von Alain Gsponser, weht ein frischer Geist, der das ganze Vorstellungsgerümpel in Windeseile hinwegfegt.

Die literarische Vorlage wird ernst genommen, die Schnitt- und Drehtechnik ist behutsam und feinfühlig eingesetzt und das Wichtigste: Der Regisseur vertraut vollkommen dem Spiel seiner Darsteller – allen voran dem berühmten Bruno Ganz als Almöhi und der zu Drehbeginn neunjährigen Anuk Steffen als Heidi. Ganz ist klapperdürr und hat für die Rolle tatsächlich trainiert, Holz zu hacken und schwere körperliche Arbeit zu verrichten. Aber das ist es nicht, was ihn so überzeugend macht. Es ist der darstellerische Mut, so kompromisslos die Härte, die Verbitterung und Depression der Figur zu zeigen. Um das zu können muss man tief in die Abgründe der eigenen Seele hinabsteigen, um Bilder zu finden und Gesten in jenem Dunkel, wo jede Hoffnung, alle Liebe und der Glaube an das Gute längst gestorben sind. Umso überzeugender wirkt seine Wandlung, das allmähliche Auftauen. Anuk Steffen ist wirklich ein Wunderkind. Aber keines früherer Zeiten, das man für die Darstellung dressiert hat: Dieses wilde Mädchen, das aussieht wie Ronja Räubertochter, spielt mit einer Herzenskraft, die keinem Erwachsenen mehr zur Verfügung steht. Alle Liebe-, Lust- und Leidenskräfte der Kinderseele treten in Erscheinung. Das hält kein erwachsener Zuschauer aus ohne Taschentücher. Die Kinder brauchen keine, die fühlen sich offenbar so wahrgenommen in ihrer Wirklichkeit, dass es tröstlich scheint. Dafür haben sie einiges zu lachen.

Aus den Dreharbeiten wurde Leben. Der Geißenpeter hat sich so in seine Herde verliebt, dass er am Ende überglücklich war, als er mit zwei echten Zicklein beschenkt wurde. Wer ebenfalls noch mitspielt, sind wirkliche Berge, nur leicht retuschiert und das unberechenbare Wetter.

Ein wundervoller Familienfilm.

Heidi. Regie: Alain Gsponer, mit Anuk Steffen, Bruno Ganz, Quirin Agrippi, 111 Min., Schweiz, Deutschland 2015, Start: 10. Dezember 2015

Ab 26. Mai 2016 auch auf DVD, Blu-ray und digital sowie als Special Edition erhältlich.

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