Ernstnahme des Humors

Von Ute Hallaschka, Oktober 2018

Der neue Film von Sönke Wortmann »Der Vorname« basiert auf dem französischen Theaterstück »Le prenom«, einer bissigen Gesellschaftskomödie. In der französischen Kultur hat die Sprache nach wie vor eine besondere Bedeutung. Brillante Redeschlachten, rhetorische Wortgefechte und intellektuelle Anspielungen sind eine Herzenssache der Hochkultur. Dies in einen deutschen Film zu übertragen geht erfahrungsgemäß oft schief und endet in seichtem Klamauk.

Dass es anders kam, ist dem Ensemble hochkarätiger Schauspieler zu danken. Allen voran Caroline Peters, soeben zur Theaterschauspielerin des Jahres gekürt. Sie spielt Elisabeth, von ihrem Mann, dem Literaturprofessor Stephan (Christoph Maria Herbst) – ausdrücklich mit ph – Sabeth genannt, so heißt eine Romanfigur von Max Frisch. Es wimmelt in dem anderthalbstündigen Film von solchen literarisch, geisteswissenschaftlichen Bezügen. Der gebildete Zuschauer kann sich also fortwährend identifizieren und amüsieren über sein eigenes Wissen. Das ist die Falle und man sitzt bald mittendrin im Getümmel.

Natürlich beginnt es mit Goethe-Zitaten, in der Goethestraße, und einer kurzen Reflexion über die meist männlichen Straßennamen herausragender Geistesgrößen. Hier wohnt das Bildungsbürgerehepaar, das zum Abendessen Elisabeths Bruder Thomas (Florian David Fitz), seine schwangere Verlobte Anna (Janina Uhse) und den Adoptivbruder Rene (Justus von Dohnanyi) erwartet.

Klaus, dessen Verlobte später kommt, eröffnet den anderen während des Abendessens, dass sie ihren Sohn Adolf nennen wollen. Damit setzt ein Vorgang ein, der im besten Sinne die Parole der 68er bestätigt: das Persönliche ist politisch und umgekehrt! Ein Kammerspiel, das auf sozialen, philosophischen und individuellen Feldern stets das Zwischenmenschliche beleuchtet. Der rote Faden ist die Frage der Erinnerungskultur. Wie weit gehen Kontexte von Namen und Zeichen? Kann Tabuisierung – so darf nie wieder ein Kind genannt werden – nicht gerade im Sinne der Banalität des Bösen zur unmerklichen Verdrängung führen? Sind es nicht sowieso die Eltern, die sich in der Namensgebung selbst zum Ausdruck bringen? So heißt die Tochter des Literaturprofessors tatsächlich Antigone …

Im Lauf des Abends stellen sich alle möglichen Freund-Feindbilder heraus und die typischen Muster der familiären Lebensbeziehung. Es ist ein Spiel um Projektionen, Illusionen und die Vorstellungen, die wir voneinander ungefragt durchs Leben tragen. Neben vielen anderen Entdeckungen kommt ans Licht, dass die Familie den Adoptivsohn Rene aufgrund von bestimmten Klischees stets für homosexuell hielt. Ein entlarvter Automatismus, – mag die Sexualität auch gesellschaftlich befreit sein, unsere Vorstellungen von ihr sind es noch lange nicht. Sie bewegen sich in anderen Zwängen. Seine Verschwiegenheit in Bezug auf sein Sexualverhalten hat jedoch ganz andere Gründe. Als diese herauskommen, fällt der Rest der Familie fassungslos vom Stuhl. Schon für diese Szene lohnt der Kinobesuch. Wie der Darsteller seine Liebe erklärt, das ist eine schauspielerische Meisterleistung. So offen verletzbar, so naiv, ohne die geringste ironische Distanz, so aus der Mitte des Herzens.

Was dieser Film gegen alle Erscheinungen der Spaßkultur zeigt, das ist die Ernstnahme des Humors. Ein eher unfreiwilliger Witz ist allerdings die Freigabe ab 6 Jahren. Kinder haben darin nichts zu suchen, sie würden kein Wort verstehen und für Jugendliche unter 14 ist der Film nicht ungefährlich, da sie sich vermutlich zu Tode langweilen. Endlich mal wieder ein Film für uns Erwachsene und das ist auch gut so!

Film: Der Vorname. Komödie. Von Sönke Wortmann. Mit Christoph Maria Herbst, Florian David Fitz, Caroline Peters, 91 Min, FSK 6, Deutschland 2018

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