Frauenbewegung

Von Ute Hallaschka, Februar 2016

Ein Film über die Anfänge der Frauenbewegung, England 1912. Frauen schuften in einer Wäscherei wie Leibeigene. Sie werden körperlich versehrt, verbrüht, misshandelt. Kinderarbeit ist selbstverständlich. Es gibt keine Chance, dem Elend zu entkommen, es zu verändern. Frauen sind rechtlos. Sie haben kein Wahlrecht.

Es ist erschütternd diesen Film zu sehen. Doch das, was uns hierzulande im historischen Abstand als entlegenes Weltbild aus grauer Vorzeit erscheint, das ist hochaktuell! Ein Großteil der Frauen weltweit leidet heute noch unter genau diesen Zuständen. Der zeitliche Abgrund lässt erkennen, wo die eigentlichen Grenzen der Welt verlaufen: im Menschenbild. Es ist vollkommen verrückt, aber es lässt sich kaum anders sagen: Wer diesen Film sieht, der wird eingeweiht in die aktuelle Bewusstseinslage des Patriarchats. Plötzlich meint man zu verstehen, was im Kopf eines Mannes vorgehen muss, für den das in der Zukunft liegt, was für uns ein Jahrhundert zurück in der Vergangenheit spielt. Das ist eine schreckliche Erfahrung ätherischer Gleichzeitigkeit und darum ist sie heilsam. Dieser Schrecken setzt in Bewegung.

Da ist die Entwicklung der Hauptfigur im Film. Maud, gespielt von Carey Mulligan, wandelt sich von einer armen Wäscherin und liebenswürdig naiven Ehefrau, die ihrem Mann gehorcht, zu einer Kämpferin um Würde und Selbstbewusstsein. Die Darstellerin vermeidet alles Plakative, sie spielt mit leisen Tönen, aus innerer Spannung. Die zunehmende Tragik – Maud verliert ihr Kind, ihre Familie, die gesellschaftliche Existenz – entgleitet nie ins Melodramatische. Es wird die historische Entwicklung nachgezeichnet.

Meryl Streep hat einen zweiminütigen Auftritt als Emmeline Pankhurst, die 1903 die »Womens Social and Political Union« gründete, zur allgemeinen Gleichstellung und zur Erlangung des Wahlrechtes. Durch immer brutaler werdende staatliche Abwehrmaßnahmen wurde die Bewegung in die Militanz und den Untergrund gezwungen. Auch diese Radikalisierung zeigt der Film.

Das Unglaublichste kommt zum Schluss. Im Abspann erscheinen Daten, wann Frauen in den verschiedenen Nationen das Wahlrecht erhielten. Die Schweiz ist direkt vor Jordanien gelistet, 1971.

Man kommt wirklich auf Gedanken durch diesen Film. Plötzlich fällt einem wieder ein, dass es noch in den 1960er Jahren in Deutschland verboten war, dass Frauen ohne ausdrückliche, schriftliche Erlaubnis ihrer Männer arbeiteten. Oder dass es bis heute üblich ist, dass sie für die selbe Arbeit weniger Geld bekommen. Man verlässt das Kino als politisch neu impulsierter Mensch.

Suffragette, Drama, 147 Min,. ab 12 Jahren, Großbritannien 2015

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