Freiheitsmarsch

Von Ute Hallaschka, Mai 2015

Als der Film »Selma« über den Bürgerrechtler Martin Luther King gedreht wurde, ahnte kein Mensch, wie aktuell er sein würde.

Mitte der 1960er Jahre kämpfte die schwarze Bevölkerung Amerikas dafür, dass sie endlich praktisch die Rechte erhielt, die sie theoretisch längst hatte – zum Beispiel das Wahlrecht. Doch der real existierende Rassismus sorgte weiter für Apartheid und gewalttätige Unterdrückung. Und heute? Gleichberechtigung? Der überwiegende Anteil der Häftlinge in den USA ist schwarz. Vier von fünf Männern schwarzer Hautfarbe müssen laut Statistik damit rechnen, irgendwann in ihrem Leben ins Gefängnis zu kommen. Die Polizisten, die im August 2014 in Ferguson einen Schwarzen erschossen, gingen ebenso straffrei aus, wie der Ordnungshüter, der im Juli in New York vor laufender Kamera einen wehrlosen schwarzen Jungen erstickte, der vor ihm am Boden lag.

»Selma« ist der erste Spielfilm über das Leben von Martin Luther King, dargestellt von dem britischen Schauspieler David Oyewolo. Die Regisseurin Ava Du Vernay ist Afroamerikanerin, deren Vater die damaligen Aktionen miterlebte. Die Handlung setzt ein mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an den Baptistenpriester. Martin Luther King hieß ursprünglich Michael. Seinen neuen Namen erhielt er im Alter von fünf Jahren, als sein Vater auf einer Deutschlandreise vom Leben und Wirken des Reformators Martin Luther erfuhr.

In Selma, einem Südstaatenort in Alabama begann der berühmte Protestmarsch, der zur rund 80 Kilometer entfernten Hauptstadt Montgomery führen sollte. Am 7. März 1965 sahen die Fernsehzuschauer in Amerika wie die friedlichen Teilnehmer dieses Protestes zusammengeknüppelt, verletzt und erschlagen wurden. Eine Welle der Solidarität ging durch das Land. Am nächsten Marsch nahmen Unterstützer aus allen Schichten und Rassen teil. So wurde die Regierung gezwungen, den Schwarzen ihre verfassungsmäßigen Rechte zu gewähren.

Es ist ein großes Verdienst der Filmemacher, nicht der Verführung zum Folklorekitsch oder zum Action Drama nachzugeben.

Im Verlauf der mehr als zwei Stunden fürchtet man gelegentlich geradezu Langeweile, so unspektakulär ist die Inszenierung. Dafür tritt umso stärker in Erscheinung, was Gewaltlosigkeit und Friedfertigkeit kennzeichnet: Unendliche Beharrlichkeit, Vertrauen zum anderen, dass er weiter mitgeht und unnachgiebige Geduld, die sich nicht provozieren lässt. Gewaltfreier Widerstand braucht einen langen Atem. Sein energetisches Reservoir ist die Liebe zum Mitmenschen.

Selma, Historiendrama, 127 Min., FSK 12 Jahre, USA 2014

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