Gestutzter Adler

Von Ute Hallaschka, März 2011

»Der Adler der neunten Legion« – ist wieder mal ein denkwürdiges Übersetzungsdesaster. Hollywood verfilmt einen Klassiker der englischen Kinder- und Jugendbuchautorin Rosemary Sutcliff, deren Werke in Deutschland vor allem durch den Verlag Freies Geistesleben bekannt sind. In den Hauptrollen treten die beiden Jungstars Channing Tatum und Jamie Bell, an.

Wer die Bücher von Sutcliff kennt und liebt, der sollte auf keinen Fall in diesen Film gehen, das Experiment kann man sich sparen. Bücher zu verfilmen ist immer schwierig, muss aber nicht zwangsläufig zur Enttäuschung des Lesers führen. Oft ergibt sich eine interessante Korrespondenz, wenn die eigenen Phantasiebildungen auf die filmisch fixierten Bilder treffen, das kann spannend, widersprüchlich, herausfordernd, anregend sein. Das setzt allerdings  voraus, dass die Regie eine eigene Idee vom Stoff entwickelt, so dass der Leser nun als Zuschauer mit fremder Imagination konfrontiert, in einen inneren Dialog kommen kann. Im Fall des Adlers, in der Regie von Kevin Macdonald, kann davon keine Rede sein. Die vielschichtige Geschichte, die Sutcliff aus dem historischen Stoff formt – eine Erzählung von Schicksal, Treue, Freundschaft und Menschenwürde – wird hier in ein eindimensionales Machwerk umgeformt, das am Ende eine geradezu gefährliche Platitüde vermittelt. Es geht um einen Begriff von Ehre, der idiotisch simpel ist und für den zwei Filmstunden lang unablässig gemordet und geschlachtet wird. Damit ist Sutcliffs eigentliches Anliegen entstellt, denn ihr Buch handelt gerade davon, dass echte Ehre eine Herzensbildung verlangt, Großmut, Weisheit und Liebe.

Das ursprünglich dem Roman zugrundeliegende Rätsel der realen englischen Historie spielt im ersten nachchristlichen Jahrhundert, zur Zeit der römischen Besetzung Britanniens. Die neunte Legion, wegen der aufständischen Kelten in den Norden Schottlands entsandt, verschwand spurlos und mit ihr der römische Adler als Feldzeichen und Machtsymbol. Marcus Aquila (Channing Tatum), der Sohn des damaligen Heerführers, wird als Centurio verwundet und damit dienstuntauglich. Er geht auf die Suche nach dem Adler aus einem eigenen Schicksalsmotiv. Was er – im Buch – findet ist nicht nur die wiederhergestellte Familienehre, sondern vor allem Verständnis für fremde Kulturen, Verzicht auf imperiales Machtgehabe und Heimat in der Fremde. Dazu muss er durch spannende Außen- und tiefe Innenerlebnisse gehen, gemeinsam mit seinem Freund Esca ( Jamie Bell), einem ehemaligen Sklaven und Gladiator, den Marcus befreit und als dritte im Bunde seine Liebe und Lebensgefährtin Cottia. Letztere spart der Film gleich ganz ein, es gibt keine einzige Frauenrolle, alles Weibliche wird amputiert, auch die skurrile Figur der mütterlich bärbeißigen Köchin. Nur Männerhorden, die allesamt barbarisch scheinen. Die keltische Kultur wird vorgeführt als eine Mischung aus Irokesenverschnitt mit Neandertal, das ist peinlich blöde. Die römische Zivilisationshöhe dagegen als rachsüchtige Trotzmanier und feinere Benimmetikette. Die Freundschaft zwischen den beiden Helden hat keinerlei Motiv, um glaubwürdig zu werden und entsprechend ist die Darstellung. Man kann sich nur trösten mit dem Roman. Sollte darauf ein Zuschauer aufmerksam werden, so hätte der Film wenigstens einem guten Werk gedient. Was Sutcliff angeht, so wandert man mit ihren Texten real durch ätherische Welten. Ihre Erzählungen sind atmophärisch gedichtet, so dass vergangene Zeiträume authentisch sinnlich erfahrbar werden. Auch für Erwachsene empfehlenswert. Aber Achtung, man taucht dabei in die eigene Kindheit ein – erinnert an das heimliche Lesen unter der Bettdecke – man kann einfach nicht aufhören, bis die Augen zufallen.

Der Adler der neunten Legion. (The Eagle). Großbritannien 2010. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren - 114 Min. - Verleih: Concorde.

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