Immigrant der Phantasie

Von Ute Hallaschka, April 2018

Seit Ostern läuft die mit Spannung erwartete Neuverfilmung von Jim Knopf im Kino. Nun ist eine kleine Kulturkontroverse entbrannt um den Film des Regisseurs Dennis Gansel.

Der FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube bemängelt in seiner Kritik, letztlich sei es doch ein Fantasyfilm geworden und damit tue man der Vorlage von Michael Ende unrecht. Das literarische Original habe ja geradezu Schulbuchcharakter – es würde den Kindern darin so viel Realität erklärt, beispielweise wie eine Fata Morgana entsteht. Das ist ein interessanter Standpunkt, könnte aber doch auf einem Missverständnis beruhen. Sicher kann Literatur Unterrichtsmaterial werden, aber ein Kunstwerk ist und bleibt dieser Kinderbuchklassiker.

Das eigentliche Problem besteht darin, dass der Film weniger mit der Vorlage konkurriert als vielmehr mit der berühmten Inszenierung der Augsburger Puppenkiste. An diese werden sich mit einer gewissen Wehmut die heutigen Erwachsenen erinnern. Puppen versus Computer-Animation – diese Frage wäre ein lohnender Diskussionsgegenstand vor dem Hintergrund des bekannten Aufsatzes von Kleist über das Marionettentheater zum Beispiel.

Ebenso wird die verblüffende Tatsache thematisiert, wie aktuell Michael Endes Phantasieschöpfungen sind. Jim Knopf ist ein Flüchtling und das ausgesetzte schwarze Baby sorgt angeblich für Überbevölkerung auf Lummerland. Damit kommt die Handlung in Gang, entweder Jim oder Lukas der Lokomotivführer müssen die Insel verlassen. Michael Ende hat das Buch 1960 veröffentlicht, 15 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, doch es könnte von heute stammen …

Der Regisseur und sein Schauspielteam geben sich in dieser Realverfilmung alle Mühe, die kindliche Phantasie zu öffnen, statt sie zu überwältigen. Dennoch wird man nicht recht glücklich mit diesem Film, jedenfalls nicht als Erwachsener. Die Kinder sehen das vermutlich ganz anders. Das liegt an den radikal veränderten Sehgewohnheiten. Ein Beispiel ist das Drachenbild. Was einmal als Archetyp nur innerlich als Originalschöpfung der eigenen Phantasie ausgemalt werden konnte, das liegt heute als unendliche Reproduktion äußerlich vor in der Welt. Von Fantasy bis zur Gegenständlichkeit im Spielzeugladen, überall fliegen Drachen herum. Die Kinder können nicht einfach davon absehen, sie sind in gewisser Weise bereits überwältigt von den Bildern der kommerzialisierten Bild-Industrie. Da tut der Film in seiner buchstäblichen Harmlosigkeit mit realen Schauspielern durchaus gut. Was er vermittelt: Jim Knopf ist, ähnlich wie Pippi Langstrumpf, ein unsterblicher Immigrant der Phantasie.

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, Film, 110 Min., Deutschland, FSK 0

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