Flüchtlinge, Sprachen und ein Tomahawk

Von Alain Denjean, Mai 2016

Die Menschen, die wir seit dem Sommer 2015 vor allem aus Syrien aufnehmen, haben alles verloren. Sie sind nur noch Menschen, »allgemeine Menschen«. Das ruft bei vielen Bürgern Sympathie, Anteilnahme und Initiative hervor. Bei anderen Skepsis, ja sogar Hass. Letztere verdrängen dieses »allgemeine Mensch-Sein« und fürchten, dass diese Menschen fremde Werte in das Aufnahmeland bringen und dadurch die bisherige Lebensart zerstören. Welche Sprache müssen wir sprechen lernen, dass wir trotz der verschiedenen Kulturen gemeinsam leben können?

Die Sprache und der Krieg

Die Urmenschheit hatte eine gemeinsame Sprache, die Sprache der Natur. Mensch und Welt waren eins. Die Ursprache war eine gehörte, wahrgenommene, aber nicht gesprochene Sprache. Aber die Sprache des Kosmos und der Natur ist zu groß für die sich immer mehr individualisierende Menschenseele. Diese würde zerbersten, wenn die Empfindungen an der Natur, mit welcher der Mensch verbunden ist, in Sprache umgesetzt würden.

Deshalb muss die alte gemeinsame Ursprache – in der germanischen Mythologie der Fenriswolf – von Ziu, dem Kriegsgott, bezwungen werden. Der Fenriswolf wird gebändigt, aber er beißt Zius Faust ab und diese bleibt in seinem Rachen stecken. Sie wird in diesem Mythos zur Zunge des Menschen.

Mit der Bändigung des Fenriswolfs entsteht die artikulierte Menschensprache. Die Zunge schlägt an verschiedene Stellen im Gaumen und an den Zähnen und es entstehen, wenn die Stimme mit ihrer vokalischen Kraft dazu kommt, die Konsonanten und damit die Sprache schlechthin.

Es entstehen verschiedene Hochkulturen, die den Erdenraum bevölkern und zeitlich einander folgen. Die Asen haben die Aufgabe, den »Krieg«, die Differenz in die Welt einzuführen, damit Kulturvielfalt in Raum und Zeit entsteht. Das geschieht weiterhin durch die sich immer mehr differenzierenden Sprachen. Jede Sprachgemeinschaft repräsentiert durch ihre eigene Sprache einen Teil der Ursprache und bildet »ihre« Kultur aus. Aber die eigene Kultur zu entwickeln, heißt nicht, alle anderen zu zerstören. Wenn die Sprachen bei der Differenzierung der Menschheit eine Hauptrolle gespielt haben, welche Rolle können sie bei der neuen Kultur des »allgemein Menschlichen« mit den Errungenschaften des Individuellen spielen?

Anders formuliert: Wie kann man beim Sprechen der Sprachen der Welt die Ursprache der Menschheit wieder zu Wort kommen lassen?

Grimms Märchen: Die drei Sprachen

Ein gutes Beispiel für die Rückbindung der Sprache an den menschheitlichen Menschen enthält Grimms Märchen »Die drei Sprachen«, in dem der Sohn eines Grafen, der in der Schule nichts lernt, bei verschiedenen Meistern die Sprache der Hunde, der Frösche und Vögel lernt und so zu seinem Glück kommt und Papst wird.

Dieses Märchen zeigt in wunderbarer Weise, wie durch seinen dreigliedrigen Organismus der Mensch veranlagt ist, drei verschiedene Sprachen zu sprechen: die Sprache der Hunde befähigt ihn, diese zu erlösen und einen verbor­genen Goldschatz zu heben. Es ist die Sprache des Gliedmaßen- und Stoffwechselorganismus, die Sprache der Wirtschaft, die Sprache, die mit Geld und Gold, aber auch mit wütenden Emotionen zu tun hat.

Im Sumpf hört der Sohn des Grafen die Sprache der Frösche. Der Sumpf ist ein Ort in der Natur, wo die Elemente im starken Austausch miteinander sind: Erde und Wasser durchdringen sich, aber auch Luft und Wasser. Hier haben wir ein Bild für den mittleren Organismus des Menschen, der sich in der Tätigkeit der Lunge und des Kreislaufs auslebt und Kommunikation zwischen außen und innen bewirkt, für die Kommunikation durch die Sprache sorgt.

Schließlich setzen sich zwei Tauben auf die Schultern des jungen Menschen, als er in Rom die Kirche betritt, wo die Kardinäle einen neuen Papst bestimmen müssen. Er soll die Messe halten und die Tauben flüstern ihm alles ins Ohr. Er erfährt, was für den Kultus, das Geistesleben, die Literatur und die Dichtung benötigt wird.

Das Wissen von den drei Sprachen des menschlichen Organismus ist die erste Bedingung einer allgemein-menschlichen Kultur, denn so verschieden die Menschen auch sind, sie haben alle den gleichen Organismus, den sie benützen, um differenzierte Erfahrungen an der Welt zu machen. Aus diesen drei Sprachen heraus bilden sich die Sprachen der Völker und Kulturen mit verschiedenen Schwerpunkten.

Wie entwickelt sich die Sprache beim Kind?

Eine zweite Bedingung für eine allgemein-menschliche Kultur liegt in der Art, wie Erwachsene mit der Sprachentwicklung des Kindes umgehen. Wir sprechen als Erwachsene zwar die gleiche Sprache wie die Kinder, doch leben in der Sprache der Kinder die drei Sprachen des Märchens anders als in der bloßen Verständigungssprache der Erwachsenen.

Die magische Sprache. Zuerst erscheint die Sprache beim Kleinkind als stark mit dem Leiblichen, den Muskelbewegungen verbunden. Sie wirkt wie magisch bis in die Muskeln hinein. Man denke an die Merseburger Zaubersprüche oder an den Spruch: Heile, heile Segen, drei Tage Regen, drei Tage Sonnenschein; wird schon wieder besser sein! Was heilt, ist nicht der Sinn des Spruchs, sondern die in den Lauten L und Ei enthaltenen Streichelgebärden. Es geht hier um die Gebärdenkraft der Laute. Die Sprache ergreift den Leib. Sie lebt vorwiegend in Klang, Ton, Artikulation und Melodie.

Die bildhafte Sprache. Auf der zweiten Stufe, die zwischen dem siebten und neunten Jahr beginnt, geht es darum, den Rhythmus und das Bild in der Sprache zu erleben.

Im Englischen ist das Wort für Schaukel = swing. Das Wort hat Bildcharakter; man sieht und hört den Schwung der sich bewegenden Schaukel. Fragt man die Kinder, wie sich diese Schaukel bewegt, antworten sie: durch die Luft. Es gibt auch eine andere Art von Schaukel, die einen anderen Namen hat: teeter totter. Diese spricht durch den Wortrhythmus und ruft ein anderes Bild (visuell und akustisch) hervor. Diese Schaukel bewegt sich aus einer stehenden Mittelachse heraus: Es ist eine Wippe.

Auf dieser sprachlichen Stufe, die oft noch mit der ersten verbunden ist, gilt es, Bilder und rhythmische Prozesse zu erfassen. Die Wörter entsprechen Vorstellungen, aber die Vorstellungen sind individualisierte Begriffe, so wie rechtwinklige Dreiecke und gleichschenklige Dreiecke verschiedene Bilder des Begriffs Dreieck sind.

Wir sind hier näher am Sinn, am Inhalt, als in der ersten Stufe, aber erst in der dritten Stufe kommt der Inhalt voll zur Geltung. Auf der zweiten Stufe ergreift die Sprache die menschliche Seele.

Die begriffliche Sprache. Auf der dritten Stufe tritt das Wortmäßige zugunsten des Satzes zurück. Jetzt wird die Sprache Ausdruck des Denkens. Erst jetzt sind wir bei der Sprache der Erwachsenen angekommen. Wichtig wird, was zwischen oder hinter den Worten ist. Das Denken muss als etwas erfahren werden, was nichts mit Sprechen zu tun hat, als etwas Selbstständiges.

Durch die Sprache ringt man um Über-Sinnliches, zum Beispiel darum, Gedanken zu vermitteln. Das erinnert an die Sprache der Tauben im Märchen, die etwas vermitteln, das nicht mit sinnlichen Wörtern vermittelbar ist. Nun soll die Sprache den Gedanken klären, das heißt, helfen, dass der Gedanke klar und deutlich verständlich wird.

Verdrängt die dritte Stufe der Sprache die beiden ersten, so verschwinden das Sprachschöpferische und die Poesie. Die Sprache wird nüchtern und grau. Mit der dritten Sprache allein kann man viele sprachliche Zeugnisse der Vergangenheit nicht richtig erfassen: die Upanischaden, Buddhas Reden, die großen Mythen der Hochkulturen, den Koran – sie verlieren das, was sie eigentlich durch andere Mittel – durch Rhythmus, Laute und Bilder – zum Ausdruck bringen. Es findet eine Reduzierung statt, die nur für bestimmte Gebiete unserer modernen Welt angebracht ist.

Die dritte Bedingung einer allgemein-menschlichen Kultur bei der Sprachentwicklung erfordert, dass in der Erziehung durch die Muttersprache wie durch die Fremdsprachen alle drei Stufen der menschlichen Ich-Organisation gepflegt und vor Einseitigkeit bewahrt werden. Das ist genau das, was die Waldorfpädagogik anstrebt.

Die Sprache in der Kulturentwicklung

Die alten Sprachen der Antike wurden zwar von allen Menschen gesprochen, doch waren es die Priester, die die Sprachgewalt besaßen und durch diese besondere Beziehung zur Sprache die Offenbarungen aus der göttlichen Sphäre, aus dem Übersinnlichen empfingen. Die Sprache, die die Priester hörten und sprachen, war der wichtigste Kulturträger.

In der griechischen Zeit und vor allem ab Rom entwickelt sich die Sprache bis zur Renaissance anders. Die Sprache wurde mehr zum Verständigungsmittel – in Rom zum Verständigungsmittel zwischen den mündig gewordenen Bürgern. Im Mittelalter wird dann die Bibel übersetzt. Man versteht sich nicht mehr durch den Zugang der Priester zu dem gemeinsamen Urquell, sondern von Mensch zu Mensch durch Übersetzungen der einen in die andere Sprache. Die Sprache wird kodifiziert. Man kann Verträge abschließen und Grammatikbücher schreiben; es werden Wächter über die Sprache, wie zum Beispiel in der »Académie française« eingesetzt. Eine Sprache entsteht, die den Informationscharakter in den Vordergrund rückt und dadurch auch Kommunikation weltweit. Nach der Renaissance ändert sich wieder der Bezug der Sprache zum menschlichen Organismus. Die wirtschaft­lichen Prozesse werden dominant, die Arbeit, die wir durch unsere Gliedmaßen ausführen. Solange es Sklaven gab, wurde die körperliche Arbeit als Mittel zur Sicherung der Lebensgrundlage nicht ernst genommen.

Rudolf Steiner macht darauf aufmerksam, dass wir zum Wirtschaften die menschliche Sprache nicht brauchen. Sie ist zwar praktisch und bequem, aber entbehrlich. Erstirbt die Sprache in der Rechtssphäre, wenn sie nicht vom Menschen belebt wird, so wird sie in der Sphäre der Wirtschaft stumm oder zum animalischen Gebrüll – verbal wie non-verbal. Welche Qualitäten muss man entwickeln, damit die Menschen vor dem Kampfgeschrei der gegenwärtigen Zeit nicht verstummen und resignieren; damit die Welt des Krieges überwunden wird? Steiner weist auf zwei Qualitäten hin, die für unsere Zeit wichtig sind, damit wir durch die Sprache einen neuen Zugang zum Geistesleben finden, der Frieden auf Erden bringen kann. Zum Einen ist es die Gebärdenkraft in den einzelnen Sprachen. Diese Kraft ermöglicht durch die Färbung der einzelnen Volksphantasien, die im Wort walten, Anschluss zu finden an die großen Gesten der gemeinsamen Sprache. Der Mensch, der »Stern«, »étoile«, »star« spricht, kann sich schulen, es so zu sprechen, dass in ihm die Kraft des Sterns durch das Bild in der einzelnen Sprache verkörpert wird, und ein Gefühl für den Stern entsteht, das in jedem Menschen lebt. Diese Gebärdenkraft in der Sprache entspricht der Kraft des Kultus, der in der ersten Phase der Sprachentwicklung imstande war, Geistiges zu offenbaren. Hier geht es um die gleiche Kraft, aber in umgekehrter Richtung. Sie kommt von unserer Willensaktivität, die wir dem Wortbild gemäß in die Sprache hineinbringen. Diese Aktivität verschafft uns einen neuen Zugang zur Sphäre des Geistigen. Die andere Qualität, die unsere Zeit fordert, ist, für die große Sprache der Natur sensibel zu werden: Wenn wir die Sprache der Jahreszeiten, die Phänomene der Natur, den Wind, die Sonne, den Tau, aber auch das Tao neu verstehen, erlangen wir auch einen Bezug zur gemeinsamen Sphäre der Menschheit, wie sie vor der Zeit der Asen als Sprache der Natur herrschte. Steiner hat für diesen Zugang den Goetheanismus entwickelt, eine Wissenschaft, die nicht von Hypothesen ausgeht, sondern durch Phänomenologie und Erkenntnis diese Qualität ermöglicht.

Wir müssen mit Willen und Gedankenwachheit tun, was wir früher als Offenbarung bekommen haben. Die Kinder bringen ihr Geistesleben aus der Vergangenheit mit. Wir schöpfen unser Geistesleben aus der Zukunft. Im Zeitalter der Wirtschaft bedeutet es, dass wir das Prinzip der Brüderlichkeit, das mit dem allgemein Menschlichen zusammenhängt, in das Wirtschaftsleben einführen müssen. Das ist aber nur möglich, wenn jeder von uns dazu beiträgt.

Der Tomahawk

Im letzten Sommer hatte ich die Freude, in Kanada von einer alten Indianerin, mit welcher ich über die Rituale ihres Stammes sprechen wollte, eingeladen zu werden. Es entstand ein tiefsinniges und warmherziges Gespräch und sie merkte meine Wertschätzung für die indianische Kultur. Plötzlich stand sie auf, ging zur Wand im Wohnzimmer und kam wieder, mit einem Tomahawk in den Händen, den sie mir ehrfürchtig und mit freundlichen Worten überreichte. Ich stutzte kurz, denn für mich war ein Tomahawk ein Symbol für den Krieg und es herrschte gerade eine sehr friedfertige Stimmung unter uns. Aber bald strahlte auch ich, denn mir fiel auf, dass sie mir das Kriegsgerät mit der Seite nach oben gab, auf der die Axt ein schwarzes Ding hatte. Auf einmal verstand ich die menschheitliche Geste, die sie aus der Sprache ihrer Kultur vollzogen hatte.

Ein Tomahawk hat als ritueller Gegenstand zwei Seiten. Die eine Seite ist die Axt, ein Stein in der Form einer geballten Faust, mit Lederriemen kunstvoll an einem Griff festgebunden. Das Schwingen des Kriegsgeräts während des Ritualtanzes bindet die kriegerischen Kräfte des Kriegsgottes und gibt den Kämpfern Mut für die kommende Schlacht. Das ist Zius Faust im Rachen des Fenriswolfes. Auf der anderen Seite der Axt ist auf dem Stein ein kleines zusammengerolltes, schwarzes Schwanzstück eines Tieres angebracht. Dieses kleine Fellstück mit der Spitze nach oben sieht aus wie der aufsteigende Rauch eines Feuers. Von dieser Seite hält man den Tomahawk ehrfürchtig waagerecht, den Griff auf  sich selbst gerichtet, das Feuerchen aus der Axt nach vorne zum Anderen gerichtet. Diese Seite des Tomahawks ist die Friedenspfeife. Und diese Friedenspfeife hatte mir die alte Frau geschenkt. Sie hatte wohl gespürt, dass ich ihre menschheitliche Gebärdensprache verstand. Wir sind frei, zu entscheiden, wie wir unseren Tomahawk verwenden.

Zum Autor: Alain Denjean ist Französisch- und Religionslehrer in der Waldorfschule Uhlandshöhe (Stuttgart) und Dozent an der Freien Hochschule Stuttgart. Er berät die deutschen Waldorfschulen zu Fremdsprachen.

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