Advent in Coronazeiten

Von Uwe Buermann, Dezember 2020

Wir leben in bedeutsamen Zeiten und stehen ohne Frage vor tiefgreifenden und nachhaltigen Veränderungen. Die Welt, wie wir Erwachsenen sie kennen, wird es nicht mehr geben, das heißt nicht, dass die Welt untergeht, sondern dass es einen nachhaltigen Wandel geben wird. Wie dieser letztendlich aussehen wird, hängt von jedem Einzelnen ab.

In jeder Krise steckt eine Chance. Dieser Satz klingt vielleicht lapidar, ist aber wahr. Und die Antwort auf die Frage, wie jeder Einzelne durch eine so schwerwiegende Krise kommt, hängt davon ab, wie er sich zu den Ereignissen positioniert. Wenn ich mich als Opfer sehe, als Spielball äußerer Mächte, wenn mich die Angst um meine Gesundheit oder meine wirtschaftliche Zukunft überwältigt, werde ich ohnmächtig, schwach, krank und handlungsunfähig, wie wir aus der Salutogenese wissen. Es muss also darum gehen, einen Sinn in dem Ganzen zu erleben, um die eigene Aufgabe zu entdecken und den eigenen Anteil am Geschehen wahrzunehmen, um handlungsfähig zu bleiben.

In all dem, was gerade in der Welt geschieht, steckt ein großartiger michaelischer Impuls und die Möglichkeit für einen großen Fortschritt in der Entwicklung der Bewusstseinsseele. Denn die zentrale Frage, vor der jeder und wirklich jeder Zeitgenosse steht, ist die Frage: Was bedeutet Freiheit? Heißt Freiheit nur, dass ich machen kann, was ich will? Wie viel Verantwortung beinhaltet meine individuelle Freiheit?

Wir alle kennen den zentralen Satz aus der Philosophie der Freiheit: »Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens, ist die Grundmaxime der freien Menschen«. Das was Rudolf Steiner als Michaelsbewusstsein beschrieben hat, läuft ja darauf hinaus, dass es mir nicht wirklich gut gehen kann, solange ich weiß, dass es anderen Menschen nicht gut geht. Eine Aussage, die in unseren Kreisen seit hundert Jahren phrasenhaft wiederholt wurde und wird. Es ist die Kulmination des Humanismus, bezieht sich dieser Anspruch ja nicht mehr nur auf weiße Männer, das gebildete Bürgertum, das eigene Volk, sondern auf alle Menschen, unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft, Glauben, etc. Ein wahrlich hoher Anspruch und ohne Frage die zentrale Aufgabe für die Zukunft der Menschheit.

Die Aufgabe der Anthroposophischen Bewegung sollte nach Steiner sein, einen wesentlichen Beitrag hierfür zu leisten. Es ist der eigentliche Kulturauftrag unserer Bewegung, die Geisteswissenschaft lebenspraktisch in die Welt und damit zu allen Menschen zu bringen und nicht nur durch Worte, sondern vor allem auch durch Taten wirksam zu werden. Die Frage, vor der jeder Einzelne von uns und jede unserer Einrichtungen steht, ist: Wie viel davon haben wir schon realisiert und wie viel lebt nur in unserer Gedankenwelt?

Vieles von dem, was sich jetzt gerade und in den nächsten Jahren ändern wird, ist nicht durch die aktuelle Pandemie ausgelöst, sondern nur kulminiert und hat dadurch das Potential, jeden Einzelnen wachzurütteln. Zum Beispiel die Veränderungen in den Innenstädten, ein Prozess, der schon seit 20 Jahren zu beobachten ist, das Sterben der Individual-Läden, die Ausbreitung von Ketten. In einer kürzlich veröffentlichten Studie zeigte sich ein Großteil der Bevölkerung besorgt über diese Entwicklung und gleichzeitig gab die Mehrheit der Befragten an, mittlerweile einen Großteil ihrer Einkäufe über das Internet zu tätigen. Dieses Beispiel macht deutlich, worum es geht: Wir sind handlungsfähige Personen und jeder Einzelne von uns entscheidet durch sein tägliches Handeln, welche Richtung die Entwicklung nimmt. Wir müssen begreifen, dass wir nicht mehr das eine haben wollen und das andere tun können, ohne Konsequenzen.

Was jetzt gefragt ist, sind Vernunft, Selbsterkenntnis, Bescheidenheit, Kreativität und zukunftsorientiertes Handeln. Dazu gehört es, die Chancen der neuen Entwicklungsmöglichkeiten zu erkennen und zu ergreifen. Ja, Masken sind lästig und der Widerwille, mit dem einige Menschen sich dagegen auflehnen, offenbart eine Schwäche der mitteleuropäischen Kultur. Bei der Wahrnehmung des Gegenübers sind wir offenkundig sehr stark auf den Mund-Nasen-Bereich fixiert, da wir diesen bei einem echten Gespräch am meisten in den Blick nehmen, deshalb ist es für viele so schwer zu ertragen, Gespräche mit Maske zu führen oder mit Maske zu unterrichten. Was wir jetzt erkennen können, ist, dass uns andere Kulturen in diesem Bereich voraus sind. Dies gilt für Teile Asiens, wo es seit Langem üblich ist, zumindest in den Großstädten, bei jeder Grippewelle freiwillig Masken zu tragen, oder auch für Teile der arabischen Welt, in denen die Frauen, aber in einigen Volksgruppen ja auch die Männer, zum großen Teil verschleiert leben. Diese Menschen, die vielen von uns so emotionslos erscheinen, haben gelernt, die emotionalen Mikrosignale an den Augen und der Körperhaltung und -spannung des Gegenübers abzulesen. Wir alle haben jetzt die Chance, unser Wahrnehmungsspektrum zu erweitern, vor allem die Jugendlichen; und es ist mir wirklich eine Freude zu sehen, wie die Jugendlichen dies auch tun. Hier besteht die Chance, neue Fähigkeiten zu entwickeln und zu etablieren, die genutzt werden können, um einer brüderlich gestalteten Globalisierung und interkultureller Begegnung näher zu kommen. Es gilt die Chancen zu erkennen, zu nutzen und dadurch handlungsfähig zu bleiben.

Die aktuelle Krise macht auch in unseren Kreisen eine Spaltung deutlich, die es schon vorher gegeben hat. Inwieweit stehen wir im Leben, betrachten uns als Zeitgenossen und aktiven Teil der Gesellschaft oder ziehen uns als elitärer Zirkel auf unsere selbstgeschaffenen, zwar schön gestalteten, aber weltfremden Inseln zurück.

Als die Schulen schließen mussten, haben alle begriffen, dass Präsenzunterricht nicht zu ersetzen ist. Was für ein schöner menschheitlicher Lernerfolg! Spannend ist es zu beobachten, wie unterschiedlich die einzelnen Kolleg*innen mit der Situation, gerade auch in Waldorfschulen, umgegangen sind. Da waren jene, die wirklich kreativ wurden, die sich bemüht haben, so viel wie möglich auch in der akuten Krise zu retten. Klassenlehrer*innen, die den Erzählteil aufnahmen und den Schüler*innen als mp3 zukommen ließen, Lehrer*innen, die nicht nur Übzettel per Mail versendeten, sondern den persönlichen Kontakt durch Telefonate und Videogespräche aufrechterhalten haben. Lehrer*innen, die persönlich Epochenhefte zu den Kindern nach Hause gebracht und wieder abgeholt haben, ein Werklehrer, der allen Schüler*innen ein Päckchen gepackt und zugesendet hat, bestückt mit Holz, Werkzeug und einer Anleitung und und und. Da waren aber auch jene, die kategorisch feststellten, Waldorfpädagogik ist ohne Präsenzunterricht nicht möglich, sich selber und die Schüler*innen als Opfer höherer Gewalt betrachteten und de facto Ferien gemacht haben, um zu lesen, den eigenen Garten zu pflegen, sich selbst und andere zu bemitleiden und vielleicht auch zu meditieren.

Quo vadis Anthroposoph? Sind Sie wie ein Essäer, der Ahriman und Luzifer aus seinem Leben verbannt und sich in seine Kreise zurückzieht, um weit ab von der Wirklichkeit und Zeitrealität zu leben oder stehen Sie im wirklichen Leben und tragen den Kulturimpuls zu den Menschen, allen Menschen auch unter den widrigsten Umständen?

Die kommende Adventszeit stellt eine spannende Herausforderung dar. Es wird keine Adventsgärtlein geben, keine Weihnachtsspiele, keine Basare, das ist bedauerlich. Die Frage wird sein, wie wir ohne diese liebgewonnenen, äußerlichen Stützen im kleinen Kreis der Familie, oder sogar alleine, es schaffen, diese besondere Zeit zu erleben, zu gestalten und zur Kraftquelle für die Herausforderungen der Zukunft werden zu lassen. Wir haben die Chance, uns auf ganz neue, ungewohnte, herausfordernde Art zu besinnen und unsere Bewusstseinsseele zu stärken, damit wir im neuen Jahr als freie und verantwortungsvolle Zeitgenossen mit Optimismus und Tatkraft aktiv den anstehenden Wandel gestalten und alleine dadurch den Menschen in unserer Umgebung die Orientierung geben, wie Menschen gesund und am Ende sogar gestärkt durch eine solche Krise gehen können.

Dies gilt vor allem gegenüber den Kindern und Jugendlichen, der Generation Corona. Wir müssen alles unternehmen, damit sie nicht zu einer verlorenen Generation werden, sondern zu den Gestaltern der neuen, anderen Zukunft. Dazu gehört, dass wir jedwede Verbreitung von Ängsten zu vermeiden haben – sowohl Ängste vor Erkrankung, als auch Ängste vor vermeintlichen Diktaturen. Gerade hier sind Lehrer*innen und Eltern in der Verantwortung durch das Arbeiten an der eigenen Haltung, Vorbild zu sein, Mutkräfte und Kreativität zu stärken und Optimismus vorzuleben. Wenn uns dies gelingt, werden wir mit Spannung und Freude in den nächsten Jahrzehnten zuschauen können, wie diese Generation eine neue Wirklichkeit gestaltet. Wenn uns dies misslingt, droht die Coronageneration, wirklich eine verlorene Generation zu werden, die es sehr schwer haben wird, das, was sie als Impulse mitgebracht hat, in der Wirklichkeit zu realisieren.

In diesem Sinne wünsche ich allen eine besinnliche Advents- und Weihnachtszeit.

Kommentare

jo jankowski, 15.12.20 23:12

wo sie Chancen erkennen mögen, sehe ich unzählige Verluste

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