Brauchen wir eine 12. Klasse? Fragen an die Oberstufenpädagogik

Von Frank de Vries, Februar 2017

Seit einigen Jahren werden wir zunehmend mit der Situation konfrontiert, dass unsere Schüler und Schülerinnen die Schule schon nach der 11. Klasse verlassen. Dieser Schritt hat unterschiedliche Gründe.

In einigen Bundesländern erhalten sie die mittlere Reife (FOR) schon nach der 11. Klasse. Es stellt sich dann für sie und ihre Eltern die Frage, warum nun noch die 12. Klasse besuchen? Einige Schulen haben die gymnasiale Oberstufe eingeführt und bereiten die Schüler in der Regel in der 12. und 13. Klasse nur noch auf das Abitur vor. Dadurch entsteht an einigen Schulen die paradoxe Situation, dass Schüler, die auch noch die 12. Klasse besuchen möchten, schon nach der 11. Klasse die Schule verlassen müssen.

Die staatlichen Abschlüsse stellen zunehmend die Ziele unserer Oberstufenpädagogik in Frage. Unser Oberstufenlehrplan ist auf die Entwicklungspsychologie des Jugendalters ausgerichtet. Es ist kein Zufall und keine leere Tradition, wenn der Waldorflehrplan auf zwölf Schuljahre ausgelegt wurde. Bis zum 18. Lebensjahr braucht der Jugendliche einen Raum, in dem er sich frei entfalten kann und ein breites Angebot, um seine Fähigkeiten entdecken und entwickeln zu können. Die 12. Klasse bildet den Übergang vom schulischen Lernen zum selbstbestimmten Leben. Im letzten Jahr der Waldorfschulzeit soll der Bildungsgang des Jugendlichen zu einem gewissen Abschluss gelangen. Es soll zur Reife kommen, was in den bisherigen Jahren angelegt worden ist. Die Entwicklung der Persönlichkeit sollte dabei nicht von wirtschaftlichen Erfordernissen eingeengt werden.

Persönlichkeitsentwicklung und Identitätsfindung

Um das 18. Lebensjahr tauchen häufig wichtige Lebensimpulse auf. Es geht in diesem Alter darum, die eigenen Intentionen zu erkennen und den eigenen Lebensentwurf zu wagen. Es ist entscheidend für die gesamte weitere Biografie, ob man in diesem Lebensalter seine eigenen Impulse erkennen kann, um sich als ein Mensch, der sich seiner selbst bewusst ist, mit der sozialen Welt zu verbinden und seine Aufgaben in ihr zu ergreifen. Der Jugendliche braucht klare Vorstellungen, eine eigene Sinngebung und Gründe für sein Tun und Lassen. Erst im Laufe der Oberstufe entwickelt der Jugendliche das eigenständige Denken und die eigenständige Urteilsfähigkeit. In der elften und zwölften Klasse reift das Urteil zu seiner vollen Entfaltung heran. In diesem Alter beginnt in der Seele ein eigener Wille zu keimen. Der Jugendliche erlebt jetzt deutlich die Willenskraft des Ich. Das individualisierte Urteil ermöglicht es dem Jugendlichen, existenzielle Entscheidungen zu treffen und spiegelt damit auch eine ethische Qualität. Der Jugendliche wirkt in dem, was er tut, authentisch und strebt nach Selbstverwirklichung. Kenne ich die Motive meines Handelns, das heißt die Gründe, die mich zum Handeln bewegen, so erfahre ich mich selbst.

Der Oberstufenlehrplan der Waldorfschule ist inhaltlich und altersspezifisch auf die Persönlichkeitsentwicklung des jungen Menschen ausgerichtet. Ein Unterricht für Kopf, Herz und Hand in Verbindung mit Wissenschaft, Kunst und Handwerk dient der freien Persönlichkeitsentfaltung. So sind zum Beispiel die Parzival- und Faustepoche in der 11. und 12. Klasse ein Beitrag zur Selbstfindung und geben dem jungen Mensch eine Antwort auf seine latenten Lebensfragen.

Ich-Identität

Insbesondere das Jugendalter ist eine Zeit der Neuorientierung und Identitätssuche. Diese wird häufig von einer tiefen Verunsicherung begleitet. So charakterisiert der Psychologe Erik H. Erikson die Situation des Jugendlichen mit den Worten: »Ich bin nicht, was ich sein sollte, ich bin nicht, was ich sein werde, ich bin nicht mehr, was ich war.« Eine solche krisenhafte Entwicklungsphase kann schließlich in eine neue Selbstsicherheit münden. Identität ist das Bewusstsein, das eine Person von sich selbst hat, es ist die Konstante, die als Persönlichkeitskern oder als Ich bezeichnet wird.

Die Ich-Identität ist mit einem Paradoxon verbunden: Sie wird vorausgesetzt und muss zugleich hergestellt werden. Identität entsteht im dialogischen Prozess. Soziale und personale Identität entstehen einerseits aus der Fremdperspektive, indem ich erfahre, wie andere mich wahrnehmen und andererseits aus der Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion, indem ich aus mir selbst heraus und mir selbst gegenübertrete. Aus der Selbst- und Fremdreferenz entsteht die Ich-Identität. Sie ist eine Selbsterfahrung, ein Evidenzerlebnis und weist eine Entwicklungsdynamik auf, die sich jeder Fixierung entzieht. Sie wird morgen in anderen Taten und einer veränderten Identität ebenso präsent sein. »Somit erkenne ich meine Individualität auch als Richtung und Ziel meines Handelns. Als Handelnder kann ich zwar intuitiv erfassen, ob ich mich mit meiner Individualität in Übereinstimmung befinde, andererseits schließt deren Subjekthaftigkeit aber aus, dass ich sie selbst distanziert erkenne und beschreiben kann«, so der Stuttgarter Waldorfpädagoge Peter Loebell. Die Identitätsbildung ist ein lebenslanger Prozess, der auch in den verschiedenen Lebensabschnitten mit Krisen verbunden ist.

Erziehung zur Freiheit

Erst im Laufe der Oberstufe entwickelt der Jugendliche das eigenständige Denken und die eigenständige Urteilsfähigkeit und kann Verantwortung für sein Handeln übernehmen. Vor allem im Rahmen der Strafgesetzgebung stellt sich die Frage, wie der Mensch für seine Taten individuelle Verantwortung übernehmen kann. Das kindliche Spiel oder die unbedachte Tat eines Jugendlichen zeigen oft innerhalb des freudvollen Tuns eine mangelnde Einschätzung der Gefahr und der Folgen einer Handlung. Wenn das Kind in der Nachahmung  eine Kerze entzündet, wie es das öfters miterlebt hat oder später mit Freunden ein Feuer entfacht und dabei einen ganzen Heuschober niederbrennt, fehlt ihm Einsicht und Erkenntnis. Nur wenn das eigene Handeln durch die Reflexion erhellt wird, kann der Jugendliche für seine Taten Verantwortung übernehmen. Handlungsfreiheit und damit Autonomie entsteht erst dort, wo sich der Mensch mit Hilfe des Erkennens von Naturzwängen befreit, dort wird Sittlichkeit möglich.

Günstigste Umgebung für Selbsterziehung

Nach den Zweifeln in der Pubertät stellt sich die Frage, ob unsere Schüler am Ende ihrer Oberstufenzeit auf ihre wichtigen Lebensfragen: »Wer bin ich?«, »Was will ich?«, »Was kann ich?«, eine Antwort erhalten haben. Hat der Prozess des Mündigwerdens, der Verselbstständigung als individuelle Person stattgefunden? Haben wir die Möglichkeiten in der Oberstufenpädagogik ausgeschöpft? In der Pädagogik geht es um Unterricht und Persönlichkeitsbildung, um das werdende Ich, das sich neben Wissen auch die Fähigkeit zur Selbstreflexion aneignet. Allerdings vertritt die Waldorfpädagogik den Grundsatz, dass man den Kern der Persönlichkeit, das »Ich« nicht erziehen kann: »Jede Erziehung ist Selbsterziehung, und wir sind eigentlich als Lehrer und Erzieher nur die Umgebung des sich selbst erziehendes Kindes. Wir müssen die günstigste Umgebung abgeben, damit an uns das Kind sich so erzieht, wie es sich durch sein inneres Schicksal erziehen muss«, so Rudolf Steiner in dem Buch »Die pädagogischen Praxis …«.

Es gehört zum Bildungsauftrag der Waldorfschulen, dass die Jugendlichen einen gewissen Einblick in die eigene Biografie gewinnen und auf den Lebenslauf nach der Schule vorbereitet werden. Gerade die Entwicklung der Urteilskraft und die Willenserziehung im dritten Jahrsiebt machen deutlich, dass die Ich-Entwicklung viele Phasen zu durchlaufen hat und erst in der Adoleszenz (17./18. Lebensjahr) zur Reife kommt. Die Phase der beginnenden Mündigkeit sollte noch innerhalb der schulischen Zusammenhänge stattfinden, weil die Schule im Unterschied zum Berufsleben der Persönlichkeitsentwicklung des jungen Menschen Raum geben kann. Darin liegt ein wichtiges Ziel der Oberstufenpädagogik.

Zum Autor: Frank de Vries hat über 38 Jahre die Fächer Deutsch, Geschichte, Kunstgeschichte, Religion und Philosophie in der Oberstufe der Rudolf Steiner Schule in Bochum unterrichtet und als Klassenbetreuer sieben Mal eine Klasse durch die Oberstufe geführt. Er ist Projektleiter des Abschlussportfolioprojektes der Waldorfschulen in Deutschland.

Literatur: E. H. Erikson: Identität und Lebenszyklus, Frankfurt a. M. 1981; P. Loebell: Identität, Individualität und Selbstgestaltung, in: M. Basfeld / W. Hutter (Hrsg.): Identitätsbildung im pädagogischen Prozess, Baltmannsweiler 2012; R. Steiner: Die pädagogische Praxis vom Gesichtspunkte geisteswissenschaftlicher Menschenerkenntnis, GA 306, Dornach 1989; F. de Vries: Die Schülerreflexion als Instrument zur Entwicklung der Urteilskraft, in: Leistungsbewertung und Kompetenzerwerb im Abschlussportfolio der Waldorfschulen, Stuttgart 2016

Kommentare

Hannelore Barbotin, Frankreich, 09.02.17 11:02

Ich war selber Waldorfschülerin von 1961 bis 1974.Wir hatten damals Langschuljahr gehabt,dass heisst wir sind damals mit 20 Jahren und Abi aus der Schule gegangen. Für mich waren das die schönsten Jahre meines Leben, einfach Zeit haben sich auf das zukünftige Leben vor zu bereiten.Ich bin seit 40 Jahren in der Heilpädagogik als Krankenschweste aus Herdecke beschäftigt.Ich lebe in Frankreich und unterstütze alles was mit dieser Pädagogik zu tun hat,was in Frankreich mühsam ist!!!

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen