Das Markenrecht als Machtinstrument

Von Markus von Schwanenflügel, November 2021

In der Novemberausgabe der Erziehungskunst informierte der Vorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen (BdFWS) die Leserinnen und Leser, dass das Seminar »Grundlagen der Waldorfpädagogik« der Akanthos-Akademie Stuttgart, welches sich an Menschen richtet, die einen »Einstieg in den Beruf des Waldorfpädagogen« suchen, vom BdFWS nicht anerkannt ist und darum die Kurse »weder inhaltlich noch rechtlich geeignet sind, den Beruf der Waldorflehrerin oder des Waldorflehrers ausüben zu können«.

Außerdem wies er darauf hin, »dass der BdFWS die dort genannten Dozent:innen nicht für geeignet hält, Waldorflehrer und Waldorflehrerinnen aus- oder weiterzubilden«.

Eine solche öffentliche Diskreditierung einer Ausbildungseinrichtung und von einzelnen Menschen ist m.E. in der Waldorfbewegung bisher einmalig. Der Vorstand gibt zwar keine inhaltliche Begründung für seine abwertende Beurteilung, er macht aber deutlich, warum er meint, dazu berechtigt zu sein. Dreh- und Angelpunkt seiner Argumentation ist, dass der BdFWS schon vor längerer Zeit »Waldorf« und »Rudolf Steiner« markenrechtlich für sich hat schützen lassen.

Dazu ist zunächst anzumerken, dass das Markenrecht dazu dienen soll, die wirtschaftlichen Interessen zu schützen, die mit der Nutzung eines bestimmten Namens verbunden sein können und nicht dazu, die Qualität eines Produktes zu sichern.

Die Eintragung des Namensrechtes durch den BdFWS wurde damals meines Wissens nicht öffentlich in der Waldorfschulbewegung diskutiert. Begründet wurde sie später immer damit, mit seiner Hilfe für die Qualität der Waldorfpädagogik sorgen zu können. Das geschieht heute bekanntlich z.B. dadurch, dass jede Schulinitiative, die »Waldorf« oder »Rudolf Steiner« in ihrem Namen führen will, ein vom BdFWS vorgegebenes Prüfungsverfahren durchlaufen muss, bevor sie das Recht dazu vom ihm zugesprochen bekommt. Die Zertifizierung ist aber an die Mitgliedschaft im BdFWS gebunden, sodass diese angestrebt werden muss und das Recht auf die Nutzung des Namens entzogen wird bzw. entzogen werden kann, wenn eine Schule – aus welchem Grunde auch immer – aus dem BdFWS austritt. Diese »Zusammenführung« der Mitgliedschaft im BdFWS bzw. der Akkreditierung als Waldorfbildungseinrichtung mit dem Recht, »Waldorf« oder »Rudolf Steiner« im Namen führen zu können, macht das vom Vorstand ins Feld geführte Markenrecht erst zu einem wirksamen Instrument.

Die Waldorfschule ist ein Kind der Bewegung für die Dreigliederung des sozialen Organismus und die Waldorfpädagogik ist heute ein Kulturgut der Menschheit, das allen »gehört«. Emil Molt wollte mit der Schulgründung ein Zeichen setzen im Kampf für ein freies Geistesleben. Statt dass sich der Vorstand jedoch für einen offenen Dialog darüber einsetzt, was im Sinne der Waldorfpädagogik ist und was nicht, maßt er sich an, wie in dem Schreiben deutlich wird, diese Frage entscheiden zu können. Er nutzt – in diesem Falle gegenüber der Akanthos-Akademie und gegenüber ihren Mitarbeiter:innen – seine Machtposition aus und missbraucht ein Instrument des Wirtschaftslebens in einer Auseinandersetzung, die ins Geistesleben gehört.

Kommentare

Heiner Prieß, 17.11.21 12:11

Im Novemberheft der Erziehungskunst finde ich eine Bekanntmachung, die erläutert werden müßte; für sich allein steht sie nach meiner Auffassung zum Hefttitel "friedensfähig" im Widerspruch.
So allein gelassen erinnert mich der Text an die Verdängungsstrategien, die zum Beispiel in der Pharmaindustrie angewendet werden, um anthroposophische Arzneimittel vom Markt zu fegen. Er beginnt ja auch mit den Finanzen.
Beim Weiterlesen stoße ich mich an der Formulierung "Ausbildungslandschaften begleiten". Kann man eine Landschaft begleiten? Überwachen, ja, das geht, klingt aber nicht so gut. Im selben Satz ist die Rede davon, daß Räte installiert wurden. Auch hier eine eigentümliche Wortwahl. Ich höre heraus, daß Installateure am Werk waren, also Klempner, welche gegebenenfalls die Leitungen kontrollieren.
In solchen verschleiernden und enthüllenden Formulierungen sehe ich Symptome für Machtausübung.
Auch darin, wie im Text Wirtschafts-, Rechts- und Qualitätsfragen miteinander verknäuelt werden.
Frau Auschras Artikel auf Seite 29, den ich vorher gelesen hatte, wird mir durch ihre Unterschrift unter der "Bekanntmachung" zu einer Sonntagspredigt.
Bitte mehr freies Geistesleben!

Ulrike Wohlgemuth, 42107 Wuppertal, 17.11.21 22:11

Als Deligierte habe ich das damals die Beratungen so in Erinnerung, dass es sich um die Sicherung des Namens bei wirtschaftlichen Produkten handelt. Billig Produkte sollten nicht unter der Marke Waldorf vertrieben werden können. Zum Beispiel bei Spielzeug und Schreibwaren. Das war der Ursprungsgedanke.
Ulrike Wohlgemuth aus Wuppertal

Christoph Hueck, Tübingen, 18.11.21 00:11

Ich möchte der Erziehungskunst danken, dass sie eine kritische Stellungnahme zur "Bekanntmachung" von Frau Auschra, Herrn Grosse und Herrn Hutzel veröffentlicht. Es hat dazu meines Wissens nach viele kritische Leserbriefe an die EZK sowie Schreiben an den BdFWS gegeben. Antje Bek und ich haben auf der Seite der Akanthos Akademie dazu Stellung genommen. Wir würden uns freuen, mit dem Vorstand des BdFWS in ein offenes und konstruktives Gespräch zu kommen.

Klaus-Ulrich Steffens, 19.11.21 14:11

Natürlich ist es sinnvoll, eine Organisation zu haben, die von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird in der Verantwortlichkeit für die Ausbildung von Waldorfpädagogen und dafür die entsprechenden Einrichtungen (Seminare, Hochschulen etc.) vorhält.

Aber diese Einrichtung hat kein Monopol in dieser Zuständigkeit. Sie ist Dienstleister und daneben können zahlreiche andere Dienstleister tätig werden.

Denn wie war das doch gleich mit dem freien Geistesleben?

Es sollten die drei Autoren Nele Auschra, Stefan Grosse und Hans Hutzel doch vielleicht einmal ein Grundlagenseminar dazu besuchen.

Mit freundlichen Grüßen

Klaus-Ulrich Steffens
Pfinztal

Jürgen Möller, Wuppertal, 21.11.21 14:11

Manfred Leist schreibt in seinem Buch, Entwicklungen einer Schulgemeinschaft, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart,1998,auf Seite 92, oben, Zitat: Deutlich jedenfalls war eines: Man wollte den Namensschutz nicht gegenüber vielleicht unbequemen „Verwandten“ zum Zwecke der „Domestizierung“ verwenden, sondern man wollte die Möglichkeit des Handelns dann haben, wenn etwa die Sorge bestand, dass der Name „Waldorfpädagogik“ durch völlig fremde Institutionen missbräuchlich benutzt würde. Ende des Zitats.

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