Der Schulbesuch darf nicht vom Geld abhängen

Von Mechthild Große-Lohmann, Oktober 2010

Leserbrief

Sehr geehrter Herr Hutzel,

Sie vertreten die Ansicht, Elternbeiträge seien freiwillige Geschenke. Was für ein schönes Bild! Mit viel Einfühlungsvermögen und Respekt sprechen Sie über die Art und Weise, wie man an Wohlhabendere herantreten kann, um diese zu Schenkungen zu bewegen, und erkennen hier die freie Initiative dieser Menschen an.

Es wäre mir nun eine große Freude gewesen, wenn Sie in genau der gleichen re- spektvollen Art über finanziell schwächer Gestellte sprechen würden. Vielleicht über die große Leistung, dass diese Menschen eben auch ihr weniges Geld schenken, was  manchmal einen ganz anderen Verzicht bedeuten mag, als sich ein gut verdienender Mensch vorstellen kann. Stattdessen finde ich in erster Linie Forderungen und immer wieder den Ruf nach Kontrolle und Befristung. Das Ganze gipfelt in dem Satz: »Es handelt sich um Ausnahmen, die bei Gefahr für das Ganze zurückgenommen werden können.« Das ist nicht konsequent zu Ende gedacht. Ehrlicherweise müsste man dann wohl doch sagen: Überlegt Euch vorher bitte, ob Ihr Euch zwölf oder dreizehn Jahre Waldorfschule »leisten« könnt! Wie Sie ja so deutlich im Vorwort sagen: Beim Biobäcker kann ich an der Kasse auch nicht diskutieren. Wenn ich mir also Biobäcker nicht leisten kann, dann kann ich mir auch Waldorf nicht leisten? Sind das die Denkmechanismen, die einer Beitragsordnung zugrunde liegen dürfen? Ich wünsche mir für eine Beitragsordnung in einer Waldorfschule eine andere Herangehensweise als die gesamtgesellschaftlich übliche.

Das kann man sehr gut von den Eltern lernen, die ihre Kinder zu Zeiten bekommen, in denen ihnen ein Geschäftsmann nur abraten würde. Was für ein Glück, dass hier andere Prioritäten gesetzt werden, obwohl allen klar ist, dass die Geldfrage eine wichtige Rolle im weiteren Leben spielen wird. Mir ist kein Fall bekannt, wo es tatsächlich wegen finanzieller Engpässe der Eltern zu Schulentlassungen gekommen ist (selbst wenn diese die gesamte Schulzeit Sonderregelungen beanspruchten). Das lässt vermuten, dass praktisch schon etwas gelebt wird, wogegen sich der Intellekt noch wehrt.

Das ist es, was mich froh und zuversichtlich macht und vergessen lässt, dass in Ihrem Artikel eine latente Wertung liegt, deren Maßstab Geld ist. Es besteht die Gefahr, dass Eltern, die finanziell unterprivilegiert sind, sich nach dem Lesen Ihres Artikels eine Anmeldung an einer Waldorfschule zweimal überlegen.

Mit freundlichen Grüßen
Mechthild Große-Lohmann

Den Artikel von Hans Hutzel finden Sie hier.

Kommentare

Barbara Scholze, 30.09.10 22:09

Ein bisschen traurig und ein bisschen bestätigt in dem unguten Gefühl, das mich bereits in den letzten Jahren der Waldorf-Schulzeit meiner Kinder beschlichen hat, habe ich den Artikel von Herrn Hutzel zu den Elternbeiträgen gelesen. Davon abgesehen, dass mir der Vergleich mit dem Bäcker und dem Brot (gerade dieser, geht es doch um grundlegende "Nahrung", die sicher andere Vergleiche zulässt und nicht für den Griff nach dem "Mammon" herhalten sollte) zumindest ein bisschen unsensibel erscheint, geht es mir ähnlich wie meiner Vor-Kommentatorin. Auch mir ist der einseitige Appell hin zu Ordnung, Kontrolle und geplanter Struktur massiv aufgefallen. Aber zumindest mit diesem Trend sind die Waldorfschulen bereits seit einiger Zeit in unserer modernen Welt angekommen, nicht wahr? Auf die Wirtschaftsfachleute, die zunehmend Geschäftsführung und Vorstände füllen, setzen die Kollegien verstärkt die Hoffnung, dass der Griff in die Elterntaschen so manches Problem der Schule in den Wind pustet. Das scheint mir ein bisschen bequem. Ich habe noch Zeiten der "freien Selbsteinschätzung" erlebt, sowohl bei den Elternbeiträgen, als auch bei den Lehrergehältern. Da ist im Rückblick nichts zu verklären, wir haben gestritten, diskutiert, Machtkämpfe ausgetragen, uns gegenseitig kontrolliert, manchmal beschimpft und geweint. Es waren schwere Wege, zugegeben. Aber - und das ist der große Unterschied zu heute - es waren wahrhaftige Wege. Wir haben miteinander und aneinander gearbeitet. Nicht in erster Linie Listen erforscht, Bankformulare ausgefüllt, Verdienstbescheinigungen kopiert und Harzt IV-Nachweise angefordert. Wir haben miteinander geredet, die Schwere der Prozesse nicht gescheut und so letzten Endes immer etwas miteinander erreicht. Geeint hat dabei alle am Prozess Beteiligten ein einziger Gedanke. Nämlich der an das Kind, das auf welchen Pfaden auch immer an dieser Schule gelandet war und nun die Chance haben sollte, sie auch zu besuchen (übrigens eine Facette des Themas "Beiträge", die mir in den Überlegungen von Herrn Hutzel völlig fehlt). Ich habe meine beiden Kinder komplett durch ihre Waldorfkindergarten und -schulzeit begleitet und dabei die Trends der letzten Jahre selbst am Ende noch erfahren. Bequemer sind die Wege zum Bezahlen bestimmt geworden, die Regeln sind klarer, junge Eltern können die Entscheidung pro oder contra Waldorfschule nach der Überlegung treffen, ob sie es sich leisten können oder nicht. Ob dadurch am Ende mehr Geld in der Kasse ist als zu frühern Zeiten mit dem Ideal an erster Stelle, weiß ich nicht. Und selbst wenn, dann ist der Preis hoch. Denn die Reibung in der menschlichen Begegnung, die am Ende einen wirklichen Willen hervorrufen kann, bleibt dabei auf der Strecke. Ich bin jedenfalls froh, dass wir den "Finanzplanern" gerade so entgangen sind. Wir hatten Waldorf mit allen Höhen und Tiefen, mit einer die gesamte Familie wirklich prägenden Zeit und einem tollen Ergebnis bei unseren Kindern. Der Gedanke an finanzielle Leistungen, Zahlungsziele, Verschuldungen oder Stundungszeiten stand dabei nicht an erster Stelle, dafür (und für vieles andere natürlich) bin ich sehr dankbar.
Barbara Scholze

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