Die Schreibschrift gehört in die erste Klasse

Von Susanne Mai, Oktober 2018

Zum Beitrag »Eile mit Weile – Ein Erfahrungsbericht zur Einführung der Schreibschrift« von Ludger Helming-Jacoby, »Erziehungskunst«, Heft 9/2018.

Interessiert las ich den Beitrag zur Einführung der Schreibschrift. Denn genau die gleiche Frage, wie sie die Eltern oft haben, trieb auch mich um: »Wann lehren wir endlich den Kindern die Schreibschrift?« Die Antwort, die Herr Helming-Jacoby gibt, und die ich auch von anderen Kollegen dazu erfahren hatte, war für mich jedoch nicht befriedigend und so machte ich mich in meiner Diplomarbeit auf die Suche nach den Ursprüngen. Welche Angaben sind bei Rudolf Steiner zum zeitlichen Ablauf des Schreibenlernens zu finden? Und worauf bezogen sich seine Angaben?

Zur Zeit der Gründung der ersten Waldorfschule 1919 in Stuttgart waren in Deutschland vier verschiedene Schriften in Gebrauch und wurden gelehrt: die lateinische Schreibschrift, die lateinische Druckschrift, die deutsche Schreibschrift (Kurrentschrift) und die deutsche Druckschrift. In den dazu ausführlichsten Angaben, die Steiner in seinem methodisch-didaktischen Kurs macht, ist mehrfach zu lesen, dass die Druckbuchstaben aus den Schreibbuchstaben herauszuholen seien (GA 294). Dazu erwähnt er wiederholt, dass das künstlerische Herausholen der Buchstaben aus dem Bild nicht für alle Buchstaben gemacht werden könne, da es zu viel Zeit kosten würde. »Denn würden wir in dem heutigen Leben den ganzen Unterricht so aufbauen wollen, dass wir aus dem Zeichnen herausholen wollten das Lesen und Schreiben, dann würden wir damit die Zeit bis zum 20. Lebensjahr brauchen ...«. Es sollen lediglich die notwendigen Kräfte im Kind geweckt werden, welche es benötigt, um den Entwicklungsweg vom Bild zum abstrakten Buchstaben innerlich gehen zu können. Für Steiner hatte die Schreibschrift zum einen den ästhetischen, künstlerischen Anspruch, den er an die Arbeit mit den Schülern stellte. So holte er aus dem F das Wort Fisch heraus. Nicht, wie oft gemeint, aus dem kleinen, lateinischen Druckbuchstaben f, sondern aus dem großen, deutschen Schreibbuchstaben F (s. Abb.).

 

 

Im zehnten Vortrag sagt er zur Schrift: »Die gedruckten Buchstaben sind auch schon außerordentlich abstrakt geworden. Sie sind ja durchaus aus den Schriftbuchstaben entstanden; wir lassen sie daher auch im Unterricht aus den Schriftbuchstaben entstehen«. Zum anderen stellte sich später noch heraus, dass er die Druckschrift gar nicht zum Schreiben in Betracht zog. Je ausführlicher die Aussagen in seinem methodisch-didaktischen Kurs hinterfragt werden, umso deutlicher wird, dass er im ersten Jahr alle Schriften gleichzeitig an die Schüler herantrug. Erkennbar kristallisierte sich diese Vorgehensweise im 13. Vortrag heraus, wo er genau erläutert, wie der Lehrer die vier unterschiedlichen Schriften – zwei Druck- und zwei Schreibschriften – im ersten Jahr den Schülern beizubringen habe. Heute können wir davon ja schon mal zwei Schriften streichen: die deutsche Schreibschrift und die deutsche Druckschrift. Da mir in der Gesamtausgabe keine Stelle bekannt ist, an der Steiner vom Schreibenlernen in einer anderen Klassenstufe als der 1. spricht, gehe ich davon aus, dass in Grundzügen das Schreibenlernen in der 1. Klasse abgeschlossen sein sollte. Nach wie vor wiederholt er, dass von der Schreibschrift zu den gedruckten Buchstaben überzuleiten sei.

Steiner lässt unter menschenkundlichen Gesichtspunkten dem Schreibenlernen eine Formenzeichenepoche vorausgehen. Genauer geht er darauf im 6. Vortrag ein, den er in Torquay gehalten hat, in dem er von der Geburt des Ätherleibes um das 7. Lebensjahr herum spricht. »Und Sie werden sehen, das Kind hat den Drang Formen zu machen, die an das Innere des menschlichen Organismus anknüpfen. … Das ist der innere Drang, die innere Sehnsucht des Ätherleibes: so plastisch-malerisch tätig zu sein. Daher kann man sehr leicht an diesen Drang, an diese Sehnsucht anknüpfen und so die Buchstaben aus den Formen hervorholen, die das Kind malt, oder auch aus den Formen, die das Kind plastisch ausbildet, weil man wirklich aus Menschenerkenntnis heraus dann den Unterricht gestaltet« (GA 311). Daher erschließt sich mir die Begründung nicht, dass die Fähigkeit zur Formenbildung erst so spät vorhanden sein sollte. Ich könnte mir vorstellen, dass die Formkräfte der Kinder in den letzten einhundert Jahren nachgelassen haben und sich deswegen der Zeitpunkt verschoben hat. Dann würde man mit dieser Entscheidung aber nicht an der Ursache der verlorenen Kräfte arbeiten, sondern ihrer Wirkung in ähnlicher Weise nachkommen, wie es die Menschen tun, welche die Schreibschrift ganz abzuschaffen wünschen, weil sie zu schwer zu schreiben sei.

Schreibschrift erst in Klasse 3?

Wenn man nun aufgrund dieser Nachforschungen zu dem Ergebnis kommt, dass für Steiner die Schreibschrift ein Medium zum Schreiben und die Druckschrift ein Medium zum Lesen war – auch wenn die Kinder nicht lesen lernen sollten, ohne einmal die Druckbuchstaben mit den Händen nachgeformt zu haben – und dass das grundlegende Erlernen aller Schriften im 1. Schuljahr geschah, was ist dann in 100 Jahren passiert, dass heute erst in der 3. Klasse die Schreibschrift gelehrt werden soll?

Diese Frage kann nur in Ansätzen beantwortet werden. Caroline von Heydebrand – Zeitgenossin Rudolf Steiners – war die erste, die ich fand; sie verlegte entgegen Steiners Angaben das Schreibenlernen in die zweite Klasse. Später folgte Erika Dühnfort. Liest man ihre Ausführung »Der Anfangsunterricht im Schreiben und Lesen« von 1971, so stellt man fest, dass sie sich bei der Vorgehensweise zur Einführung der Buchstaben aus dem Bild genau an die Angaben Steiners hielt und diesen ausführlich zitierte. Bei ihrer Darstellung des zeitlichen Ablaufes finden sich indes keine derartigen Angaben und Zitate mehr. Es müssen also ihre eigenen Ideen sein. Vom zeitlichen Blickwinkel aus betrachtet, formulierte Erika Dühnfort die größte Abweichung, indem sie das Schreibenlernen der Schreibschrift erst in der 3. Klasse einführte. Ihre Abhandlungen wurden Mitte des 20. Jahrhunderts in den Kreisen der Waldorflehrer weit verbreitet und prägten damit maßgeblich die aktuelle Vorgehensweise des Schreibenlernens an Waldorfschulen, die in die heute gängigen Kompendien Einzug gehalten hat.

Schulze Brüning und Clauss weisen in ihrem Buch darauf hin, dass das Erlernen einer Schreibschrift mit beständigem Üben einhergeht. Wann aber soll dieser Zeitraum heute gegeben sein? Wenn in der 3. Klasse die Schreibschrift gelernt wird und die Kinder ab der 5./6. Klasse ihre eigene Handschrift entwickeln, dann haben sie maximal zwei bis drei Jahre in der Schule die Schreibschrift geschrieben. Ich schreibe bewusst »in der Schule«, denn laut Schulze Brüning behält nur ein Fünftel aller Schüler die Schreibschrift langfristig bei. Sie sagt dazu: »Der Hauptgrund dürfte darin liegen, dass Kinder heute zuerst die Druckschrift lernen. Das ist die Schrift, in der sie ihre ersten Schreiberfahrungen machen. Es ist die Phase, in der ein emotionaler Bezug zum Schreiben und zur Schrift hergestellt und – was vermutlich noch wichtiger ist – in der die Schreibmotorik geprägt wird.« Eine menschenkundliche Interpretation dieser Aussage mag ein jeder selbst versuchen.

Über langjährige Erfahrungen wie Herr Helming-Jacoby verfüge ich nicht. Aber nach all diesen Nachforschungen ist es für mich durchaus eine Überlegung wert, mit dem Erlernen einer schönen, lateinischen Schreibschrift in der 1. Klasse zu beginnen. Nicht, um schneller an ein Ziel zu gelangen. Sondern um den Kindern die Möglichkeit zu geben, sich über einen langen Zeitraum in die Schreibschrift vertiefen zu können.

Zur Autorin: Susanne Mai ist Klassenlehrerin an der Freien Waldorfschule Wendelstein.

Literatur: E. Dühnfort, E. Kranich: Der Anfangsunterricht im Schreiben und Lesen, Stuttgart 1984 | C. v. Heydebrand: Vom Lehrplan der Freien Waldorfschulen, Stuttgart 1983 | M.-A. Schulze Brüning, S. Clauss: Wer nicht schreibt, bleibt dumm. München / Berlin 2017 | R. Steiner: Erziehungskunst Methodisch-Didaktisches (GA 294), Dornach 1966 | R. Steiner: Die Kunst des Erziehens aus dem Erfassen der Menschenwesenheit (GA 311), Dornach 1979

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