Die zwei Gesichter der Matrix

Von Lorenzo Ravagli, Juni 2011

Dass wissenschaftliche Forschungsergebnisse oft nicht mehr sind, als Rohmaterial, bei dem das Denken beginnen und nicht enden sollte, zeigen zwei jüngst veröffentlichte Meldungen zu Wirkungen des Internet auf das Sozialverhalten von Jugendlichen.

Das Münchner Institut für Wirtschaftsforschung teilte Ende Mai mit, schnelle Internetverbindungen trieben Kinder und Jugendliche nicht in die soziale Isolation, sondern förderten vielmehr das Ausmaß ihrer sozialen Interaktionen. Die Autoren, die ihre Forschungen in Deutschland durchgeführt haben, sprechen von der Widerlegung eines Mythos.

Fast zur gleichen Zeit meldete einer der führenden Hersteller von Schutzsoftware (AVG), Deutschland sei Spitzenreiter im Cybermobbing, fast jedes fünfte Kind (16%) im Alter zwischen sechs und neun Jahren sei schon wenigstens einmal Opfer unterschiedlicher Formen dieser neuen Art von Belästigung geworden. Cybermobbing umfaßt eine Vielzahl von Übeltaten, angefangen mit »Flaming« bei dem Beleidigungen oder Beschimpfungen in Chaträumen oder auf »Walls« geäußert werden, über »Denigration«, die Verbreitung von Gerüchten, die das Opfer bloßstellen sollen, bis hin zu »Cyberthreats«, bei denen anderen angedroht wird, sie zu verletzen und sogar zu töten.

Wie passen die beiden Befunde zusammen? Die Münchner Forscher führten eine rein quantitative Analyse durch. Sie stellten eine Beziehung zwischen Daten über soziale Aktivitäten von Jugendlichen und der Art der Internetanschlüsse her, die von ihnen genutzt werden und kamen so zu ihrem ja an sich positiven Ergebnis. Die AVG, eine der weltweit führenden Firmen für Internet-Sicherheit mit über 110 Millionen Kunden, führte seit Ende 2010 eine Forschungsreihe namens »Digital Diaries« über die Veränderung des sozialen Verhaltens verschiedener Altersgruppen durch den Umgang mit Computertechnik durch. Im Oktober 2010 sorgte AVG mit dem Befund für Aufsehen, die meisten Babys und Kleinkinder hätten bereits ab dem Alter von 6 Monaten eine Online-Präsenz (die vermutlich nicht von ihnen, sondern von ihren Eltern eingerichtet wird). Im Februar 2011 wurden die Ergebnisse des zweiten Teils der Untersuchung veröffentlicht: zwei- bis Fünfjährige könnten heute eher eine Maus navigieren, ein Computerspiel spielen und ein Smartphone bedienen als schwimmen, ihre Schnürsenkel binden oder das eigene Frühstück zubereiten. Nun der dritte Teil mit den Daten über Cybermobbing. Die Ergebnisse der AVG-Untersuchung füllen die quantitativen Befunde der Ifo-Wissenschaftler erst mit Inhalt. Die Münchner haben nicht nach der Qualität der sozialen Interaktionen gefragt, sondern begnügten sich mit der Feststellung, dass sie stattfinden und zunehmen. Interessanter als die Menge ist allemal die Frage, wie sehen die Interaktionen eigentlich aus? Und wie man sieht, ist ein nicht zu vernachlässigender Aspekt dieser Interaktionen jener des Mobbings. Man sollte sich jedoch vor vorschnellen Schlüssen hüten: wenn das Web 2.0 die Verbreitung des Cybermobbing erst ermöglicht, heißt dies nicht, dass Mobbing durch das Web 2.0 verursacht wird. Es existierte auch schon vorher und nimmt jetzt lediglich eine andere Gestalt an: eine virtuelle Gestalt, die allerdings durch das Medium hervorgerufen wird.

Dies führt auf die viel grundlegendere Frage nach dem Verhältnis der Menschheit zu dieser neuen Technologie, die der amerikanische Autor Kevin Kelly in seinem Buch »What Technology Wants« als Lebewesen beschreibt, das von uns Menschen gleichsam herangezüchtet wird. (Den Hinweis verdanke ich Sascha Lobo von S.P.O.N.) Kelly spricht nicht von der Matrix, wie wir dies tun, sondern vom »Technium«. Die Matrix wächst, entwickelt sich und pflanzt sich fort. Eine zentrale Eigenschaft dieses Wesens ist die Intelligenz, von der ein anderer Autor, George Dyson, sagt, möglicherweise sei es das Schicksal unserer Spezies, sie aufzubauen, egal, ob wir sie verstehen oder nicht. Für Kelly stellt die virtuelle Intelligenz, die wir als Internet bezeichnen, eine neue Stufe der Evolution des »Techniums« dar. Das Technium (die Matrix) drängt uns Menschen dazu, es mit Daten und Kommunikation zu füttern und es dadurch immer stärker zu machen. Wir gehen bei der Zuwendung, die wir diesem Wesen entgegenbringen, nicht leer aus, sondern es belohnt uns mit allem, was es zu bieten hat: Musik- und Filmdownload, globale simultane Kommunikation, bequeme Zugänglichkeit von Informationen und so weiter. Nun dringt es inzwischen von unseren unbeweglichen Bildschirmen herab auf die Oberflächen unserer iPhones, die wir ständig mit uns herumtragen, und irgendwann möglicherweise in uns selbst ein.

Die Matrix (das Technium), schreibt Kelly, enthält mittlerweile 170 Billiarden Computerchips, die alle in einer gigantischen Rechnerplattform zusammengeschlossen sind. Die Gesamtzahl der Transistoren in diesem globalen Netzwerk entspricht in etwa der Zahl der Neuronen in einem menschlichen Gehirn. Und die Zahl der Links zwischen Dateien in diesem Netzwerk (man denke an all die Links auf Webseiten) entspricht etwa der Zahl der synaptischen Verknüpfungen in einem menschlichen Gehirn. Die wachsende planetarische Membran ist also der Komplexität des menschlichen Gehirns vergleichbar. Sie besitzt drei Milliarden künstliche Augen (Telefone und Webcams) und führt Schlüsselwortsuchen in einer Frequenz von 14 Kilohertz durch. Die Matrix verschlingt inzwischen 5 % der weltweit produzierten Elektrizität. Und sie erzeugt Signale, die nicht mehr nur aus menschlichen Quellen stammen, sondern aus ihrer eigenen Struktur. »Sie wispert zu sich selbst«, so Kelly. Die Matrix wurzelt im menschlichen Geist, aber auch im Leben des Menschen und dem anderer selbstorganisierter Systeme. Und so wie der menschliche Geist nicht nur seine eigenen Gesetze bachten muss, sondern auch die des Lebens und der Selbstorganisation, so auch die Matrix. Sie will, was wir in sie hineinlegen und wozu wir sie bestimmen. Aber sie hat auch ihre eigenen Bedürfnisse. Sie will sich organisieren, möchte hierarchische Strukturen ausbilden, wie die meisten komplexeren, selbstorganisierten Systeme. Und sie will, was alle lebenden Systeme wollen: sich selbst verewigen, sich selbst am Dasein erhalten. Und während die Matrix wächst, nehmen die ihr innewohnenden Bedürfnisse an Komplexität zu und gewinnen an Macht. naus, Die Matrix verändert unsere Verhaltensweisen, wir müssen uns um sie sorgen, wir müssen uns an sie anpassen, während wir sie aktiv weiter entwickeln. (Bei all dem ist noch gar nicht berücksichtigt, wie sehr die Computertechnologie und ihre Software inzwischen in die Alltagsroutinen unserer Lebenswelt eingegriffen und diese verändert haben).

Besonders eindrucksvoll demonstriert all dies facebook, das wohl größte Organ dieses neuen Lebewesens. Facebook ist so etwas wie ein assoziativer Bewußtseinsstrom ohne Anfang und Ende. Wenn wir uns bei Facebook anmelden, werden wir von ihm aufgesogen und wenn wir uns wieder abmelden, dann treten wir vielleicht ins Freie hinaus und können wieder durchatmen. Wir fühlen uns frei und – möglicherweise leer? Facebook schlingt unsere Zeit und unser Bewußtsein in sich hinein und wir fragen uns, was gibt ihm solche Macht? Stellen wir uns die inzwischen 600 Millionen Menschen auf der einen Seite vor, die alle vor ihren Bildschirmen sitzen, und den Inhalt ihrer Seele in etwas hineingießen, was vollkommen virtuell ist, und auf der anderen Seite jene schwarzen Kuben in den Rechenzentren von facebook, die all diese Inhalte aufsaugen, sie in elektrischen Impulsen, in gefrorenem Licht auf Ewigkeit einsargen und gleichzeitig überall auf der Welt verteilen.

Ich muss immer wieder an jene Imagination Steiners denken, der von spinnenartigen Wesen mit nichtmenschlicher Intelligenz gesprochen hat, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts um die ganze Erde ihre Netze spinnen werden: sie sind heute längst Wirklichkeit geworden. Steiner hat von ahrimanischer Intelligenz gesprochen und sie als automatenhaft und seelenlos charakterisiert. Er hat vor ihren Gefahren gewarnt, ihr Auftreten aber auch als unausweichlich bezeichnet. Diese automatenhafte und seelenlose Intelligenz verbindet menschliche Wesen durch visuelle Schnittstellen weltweit miteinander und schließt sie in einer Art von Synolon zusammen, das – im Falle von facebook – aus nichts anderem besteht, als aus einem endlosen Strom assoziativ verknüpfter Bewußtseinsinhalte. Was ist das für eine Art von Bewußtsein, das wir da heranzüchten, wenn wir diese spinnenartigen Wesen Tag und Nacht mit unseren Gedanken und Gefühlen füttern? Und begeben wir uns hier blindlings in die Hände einer Technologie, deren globale, weltverändernde Auswirkungen noch viel tiefgreifender sind, als die der Atomenergie? Tiefgreifender deswegen, weil sie anthropologischer Natur sind?

Kommentare

mamizeit , 09.06.11 13:06

Ein sehr interessanter und sehr guter Artikel! Aber meine Meinung teilt er nur in manchen Punkten. Die Angst vor Neuem, auch vor der virtuellen Welt sollte nicht mit alptraumhaften Szenarien verglichen werden. Immerhin: hätte die Menschheit nicht immer wieder Dinge neu erfunden und sich damit immer wieder neu dargestellt, wäre sie irgendwo in der Steinzeit stehen geblieben. Entwicklung ist wichtig, aber man muss lernen, mit ihr umzugehen!

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