Ein Traum

Von Ute Hallaschka, Februar 2021

Ich erinnere mich gern an meine Schulzeit im Staatssystem. Es war die Zeit der Jugendrevolte. Vor uns die Hippies und nach uns die Zukunft. Jedem denkenden Menschen war klar, dass Schule nichts bedeutete, es gab dort nichts, was man für das Leben lernen konnte. Also – warum sich verrückt machen lassen von dem System dieser staatlichen Anstalt?

Viele der jüngeren Lehrer teilten unsere Sicht der Dinge. Sie drückten alle Augen zu, wenn wir nur sporadisch anwesend waren. Sie wussten, dass wir uns selbst unterrichteten – draußen im Wald, im Café, im Gespräch miteinander – das war unsere platonische Akademie.

Wir ließen uns Zeit. Zeit zu träumen. Was wir tun würden in Zukunft, im Wandel der Zeit. Schule mit all ihren Inhalten, Lernstoffen und Kategorien repräsentierte einfach nur die Vorstellungen der Vergangenheit. Wir lebten in der Zeitenwende, wir wollten nicht zu Sklaven des Vergangenen ausgebildet werden, sondern zu freien Menschen. Gut, es gab ein paar Sprösslinge in jeder Klasse, die sich vorbereiteten auf ihre persönliche Wirtschaftswunderbiografie, aber die zählten nicht. Der Großteil der Generation hatte anderes im Sinn. Die Welt zu retten, durch persönliche Anteilnahme an ihrem Leiden. Wie naiv, aber doch wahr. Schule bot nur den äußeren Rahmen, man war dort freigestellt von anderen Verpflichtungen – frei zur persönlichen Menschwerdung, so dachten wir. Mit ein bisschen Verstand und gegenseitiger Unterstützung ließ sich das Notensystem mühelos unterlaufen. Spielerisch seine Zwänge zu überwinden, darin waren wir sehr erfinderisch.

Schnitt. Rund 40 Jahre später in Deutschland. Schon vor Corona hatten alle Angst vor der Zukunft, jetzt erst recht. In der Angst wird der Ruf laut nach rettenden Systemen. Das Bildungssystem soll die Kinder und Jugendlichen retten und das Pflegesystem die Senioren. In allem Ernst werden Begriffe gebildet wie »systemrelevant«, ein grauenhaftes Wort, es erinnert an »kriegswichtig«. Für die Jugendlichen erfindet man gerade die Formulierung der »verlorenen Generation«. Echt jetzt? Weil ein bisschen Schulstoff verloren geht ...? Sind wir verrückt geworden, eine solche Diskussion zu führen, geschweige denn, sie anzufeuern?

Ich träume auch heute noch vom freien Menschen. Der könnte auf die folgende Idee kommen:

Wenn wir systemimmanent weiter denken im Sinne des Vergangenen, dann stehen vielleicht morgen Pflegeroboter vor der Tür des Altersheims. Die sind so hübsch steril, stecken niemanden an. Und ist die Massenproduktion erst rentabel – heureka, wieder ein Problem gelöst.

Wer systemrelevant glaubt, dass man sein zukünftiges Leben verliert, weil ein wenig Schulstoff verpasst wird, der hat dringend Schulung der eigenen Urteilskraft nötig. Lernstoff mit Leben zu verwechseln ist die eine Wahnvorstellung, denn verstehen, erkennen, einsehen war schon immer ein qualitativer statt quantitativer Vorgang. Der andere Wahn ist schlimmer, nämlich eine Lüge. Wenn es uns wirklich ums Leben ginge, dieser angeblich verlorenen Generation, dann würden wir ihr Mut machen, auf ihren eigenen erfinderischen Menschengeist zu vertrauen. Wir würden ihr die blöden Prüfungen erlassen, von denen im Grunde jeder weiß, dass sie keinerlei wirkliche Qualifikation erfassen. Nicht nur weil Wissen stetig, stündlich umgeschrieben wird und sich jederzeit und überall abrufen lässt, sondern weil es in Zukunft auf nichts anderes ankommt – und auch das wissen alle, die noch bei Trost sind – als auf denkende Menschen. Auf selbstständige, kritische Personen, sonst sind wir tatsächlich verloren. Die Erde hat ihren eigenen kosmischen Lehrplan. Im Hauptunterricht menschliches Vermögen: Freiheit und Liebe. Kein Mensch muss querdenken, es reicht einfach geradeaus in die Zukunft zu schauen. Sich zu trauen. Sich selbst über den Weg.

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