Mut zur eigenen Größe

Von Michael Ritter, Oktober 2012

»Die Waldorfpädagogik ist keine Alternative, sie ist die konkrete Anwendung universell gültiger menschenkundlicher Einsichten und Gesetzmäßigkeiten«, meint der Therapeut und Waldorfvater Michael Ritter. Die Waldorfschulen sollten ihr Profil mit einem angemessenen Selbstbewusstsein und in zeitgemäßen Formen in der Öffentlichkeit vertreten. Und sie sollten sich von ihren alten Zöpfen verabschieden.

Es herrscht Lehrermangel. Die Lehrkräfte sind noch immer nicht angemessen bezahlt und Mehrbelastungen ausgesetzt. Erschöpfungszustände der Mitarbeiter sind nicht selten. Gelder scheinen chronisch zu fehlen. Geschäftsführer beklagen sich über fehlende personelle Ressourcen, um Aufgaben delegieren zu können, sie kämpfen allein an zu vielen Fronten. Nicht nur hinter vorgehaltener Hand ist zu hören, dass es an Führungskompetenz mangle, die Selbstverwaltung ohne Leitung sei schwierig. Denn bei aller basisdemokratischer Liebe geben offensichtlich zu viele Köche ihre Zutaten hinein. Das ganze System wirkt dadurch schwerfällig, bisweilen rigide, endlos um sich kreisende Kreise werden beklagt.

Geburtenschwache Jahrgänge drohen. Der Bildungsmarkt wird sich mehr und mehr öffnen. Es werden immer mehr Privatschulen auf den Plan treten, auch Staatsschulen greifen erfolgversprechende Systeme auf. Die »Mitbewerber« schlafen nicht.

Noch dazu existieren viele Vorurteile über die Anthroposophie und die Waldorfbewegung, die sich hartnäckig halten. Die Öffentlichkeitsarbeit reagiert häufig unbeholfen, wenig leidenschaftlich und nicht mehr als semi-professionell. Die Farben der Flyer und Transparente, auch der Bücher und anderer Verkaufsartikel sind oft nicht zeitgemäß und das Design wirkt überholt. So wird die aufmerksamkeitsbindende Wirkung verfehlt, vor allem viele junge Leute fühlen sich davon nicht angesprochen. Man hat den Eindruck, Aufmerksamkeit zu erregen, wird vermieden. Es schien viele Jahre verpönt, in eigener Sache Werbung zu machen, jetzt erhalten wir die Quittung dafür.

Sind manche Vorurteile nicht eher berechtigte Nachurteile? Könnte das gesellschaftlich vorherrschende Bild der Bewegung nicht auch als Spiegel gesehen werden? Wie möchte man sich präsentieren, welchen Eindruck will man hinterlassen? Und vor allem, welchen Wert misst man sich selber bei? Die Waldorfschulen bieten eine unvergleichliche und zukunftsweisende Qualität der Schulbildung. Unsere Gesellschaft könnte und sollte noch viel intensiver beeinflusst und tonangebend verändert werden.

Die Gesellschaft (und jedes System) wächst an denen, die es in Frage stellen. Ist der Mut vorhanden, sich erkennen zu lassen und sich einer ehrlichen Beurteilung zu unterziehen? Bislang zeigt die Erfahrung, dass in anthroposophischen Kreisen eine Angst vor der Verwässerung der eigenen Lehren und Erkenntnisse besteht, sobald substanzielle Kritik angemeldet wird. Nelson Mandela machte aber auf Folgendes aufmerksam: »Unsere größte Angst ist es nicht, dass wir unfähig sind, unsere größte Angst ist die, dass wir unvorstellbare Kraft haben. Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, die uns am meisten ängstigt. … Es ist nichts Erleuchtendes daran, sich klein zu machen, damit sich andere nicht unsicher in Deiner Nähe fühlen. Und wenn wir unser eigenes Licht erscheinen lassen, dann geben wir anderen Menschen unbewusst die Erlaubnis, das Gleiche zu tun.«

Die Waldorfpädagogik ist keine Alternative, sie ist die konkrete Anwendung universell gültiger menschenkundlicher Einsichten und Gesetzmäßigkeiten. Denn alle Erziehungssysteme, welche die Bedingungen zu einer wesensgemäßen Freiheitserziehung nicht berücksichtigen, sind aus Sicht der Kinder nicht akzeptabel.

Die Waldorfbewegung sollte sich nicht hinter ihrer Einzigartigkeit, ja Genialität verstecken und braucht sich nicht scheuen, weniger gute Systeme als weniger hilfreich zu empfinden. Hierbei geht es schließlich weder um das moralische Abwerten anderer Systeme, noch um das gleichzeitige Aufpolieren der eigenen Sichtweise. Es geht vielmehr um eine klare Aussage darüber, wer und was man ist, und um die Entscheidung, es im vollen Umfang zu sein.

Energie folgt Bewusstsein, nicht umgekehrt. Die Gesellschaft wird folgen, dazu muss man aber sein Bewusstsein klar und eindeutig als Führungskraft anbieten. Es wird niemand von außen kommen und eine Einladung zum Mitgestalten aussprechen.

Die Bewegung muss sich selbst den Impuls zur Weiterentwicklung geben, indem die Wahl getroffen wird, in jeder Hinsicht Spieler und nicht Schachfigur zu sein. Dieses Vorbild wird Wunder wirken. Doch dafür muss alles innerhalb der Bewegung transformiert werden, was dieser Entwicklung nicht mehr dienlich ist. Bestehen wir mit Nachdruck auf unserem Entwicklungsanspruch, nehmen wir den Auftrag zur Erschaffung einer Weiterentwicklung der Bewegung an, damit unser gesellschaftliches Leben den höchsten Erkenntnissen gemäß gestaltet werden kann.

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