Qualität ist (k)eine Frage. Theaterarbeit an Waldorfschulen

Von Lukas König, Oktober 2015

Theaterprojekte sind künstlerisch-soziale Lehrstücke. Als solche werden sie an Waldorfschulen regelmäßig realisiert. Ein wesentliches Lernziel ist dabei, die Fähigkeit zwischen »was« und »wie« unterscheiden zu können. Doch wie geht das?

Um 1888 schrieb Rudolf Steiner in einem Notizbuch folgende Zeilen: »Das Was ist der Wirklichkeit entnommen, darauf aber kommt es nicht an, das Wie ist Eigentum der gestaltenden Kraft des Genius und darauf kommt es an.«

Als im Sommer 2009 die zwölf Jahre meiner Waldorfschulzeit endeten, verabschiedete unser ehemaliger Klassenlehrer meine Klasse mit den Worten »Alles wirkt«.

Ausgehend von diesen Zitaten möchte ich einen Blick auf den Prozess der Stückfindung werfen, der einem jeden Theaterprojekt vorausgeht.

Am Anfang steht die Frage: Welches Stück werden wir spielen? Nicht selten kann man hier bereits folgende Stimmen hören, wobei ich hier einmal die Schüler und einmal die Lehrer sprechen lasse: »Wir wollen kein klassisches, sondern ein eher modernes, gesellschaftsrelevantes und lustiges Stück mit möglichst vielen Hauptrollen oder zumindest auch der Möglichkeit, sich musikalisch, tänzerisch und technisch zu betätigen – und vor allem wollen wir ein einmaliges Stück!« Dass diese Schülerstimme meistens nicht einmütig, sondern kontrovers daherkommt, muss ergänzt werden. »Es wäre aber doch wichtig, dass die Sprache ein gewisses Niveau erfüllt. Bedenkt doch, dass ihr dieses Euer Stück, das ganze Leben in Euch tragen werdet, mit tiefgehender Wirkung. Sich einmal mit etwas ›Fremdem‹ zu beschäftigen, mit etwas, das man nicht ohnehin jeden Tag erlebt und um sich hat, ist doch so wertvoll!« So mag die von Herzen gut gemeinte, manchmal vorsichtige, manchmal sehr deutliche Antwort der Lehrperson klingen, die die Schüler bei der Stückfindung begleitet.

Wer Teil eines solchen Prozesses war, mag sich an schwierige und oftmals unbefriedigende Diskussionen erinnern. 

Wenn das »Was« mit dem »Wie« verwechselt wird

Die auftauchenden Probleme und Konflikte haben ihren Ursprung in einem Missverständnis. Es besteht darin, dass man glaubt, die Qualität von Probenprozess und Aufführung würde durch das Stück bestimmt. Menschen mit unterschiedlichen Qualitätskriterien setzen sich mit dem Ziel auseinander, ein gemeinsames Stück zu finden und jeder »kämpft« für seine Präferenzen.

Der Eine mag ein »lautes« Stück mit viel »Knall und Puff« bevorzugen, die Andere einen Shakespearschen Klassiker mit Lockenperücken, die Dritte etwas dazwischen. Es zeigt sich in allen Fällen, dass die Personen aus einer Zuschauerperspektive urteilen, die für den künstlerisch tätigen Menschen wertlos ist. Wertlos deshalb, weil sie sich mit dem »Was« beschäftigt anstatt mit dem »Wie«. »Was« also »was« bewirkt, ob ein Goethetext besser als Alltagsgeschnoddere ist, ob dieses oder jenes Stück pädagogisch wertvoller ist. Doch diese Fragen sind nicht die von (Erziehungs-)Künstlern.

Über die Qualität eines Kunstwerkes entscheiden die »Wie-Fragen«. Jede Antwort muss, wenn es darum geht, künstlerisch tätig zu sein, direkt eine neue Frage hervorrufen und alles Wirkliche ist eine Antwort. Alles, von dem man sagen kann, »das ist es« und »ich finde es so und so«, ist Wirklichkeit. Sind meine Worte: »Sein oder nicht sein …«, so muss ich fragen: Wie sage ich diese Worte? Ist mein Text: »Lass mal die Bratwurst rüberwachsen!« ist meine Frage dieselbe. Geht es einem jedoch darum, festzustellen, dass Hamlet bedeutsamere Fragen aufwirft, als der Penner am Imbiss von nebenan sie auch nur denken würde, so ist das ebensowenig künstlerisch, wie der Wunsch, originell, cool und lustig zu sein. Fest steht: So viele verschiedene Zuschauer das Stück sehen, so viele verschiedene Wirkungen hat es. Und: Jedes Stück wirkt! Jedes Wort wirkt! Jeder Blick wirkt!

Qualität ist hier keine Frage. Wie ich schaue, wie ich angeschaut werde – diese Dinge machen den erlebbaren Unterschied aus. Und dieser Unterschied ist der fragend-handelnden Wirksamkeit des künstlerisch tätigen Menschen unterstellt. Es ist nicht entscheidend, ob es sich um einen Laiendarsteller oder um einen Profi handelt und es spielt keine Rolle, ob dem Theaterprojekt ein eher pädagogischer oder mehr künstlerischer Schwerpunkt zu Grunde gelegt wird: Qualität entwickelt sich durch »Wie-Fragen« und durch das Vertrauen, dass alles wirkt!

Das gilt auch für den Prozess der Stückfindung. 

Zum Autor: Lukas König ist 24 Jahre alt und ehemaliger Waldorfschüler. Er studierte am Michael-Tschechow-Studio Berlin Schauspiel und bildete sich weiter in »Intuitiver Pädagogik« sowie »Kommunikation als Kunst«. Er arbeitet europaweit als Schauspieler, Regisseur, Workshopleiter und Dozent in Lehrerfortbildungen.

www.spielsinn.net 

Literatur:

R. Steiner: Kunst und Kunsterkenntniss-Grundlagen einer neuen Ästhetik

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