Wachsmalblöckchen sind nicht nur etwas für die Kleinen

Von Karl-Reinhard Kummer, Oktober 2010

Wachsmalstifte und -blöckchen gibt es noch gar nicht so lang. Erst 1952 wurden sie von dem Imker Hans Stockmar in Zusammenarbeit mit Waldorfpädagogen aus Hannover und Hamburg entwickelt.

Im Mittelpunkt stand der Impuls, dem Kind Malwerkzeuge zu geben, die schöne satte Farben nach dem Goethe’schen Farbkreis bieten. Natürliche Rohstoffe auf der Grundlage von Bienenwachs und gesundheitliche Unbedenklichkeit waren schon damals ebenso wichtig wie hohe Deckungskraft und die Möglichkeit zum Schichten. Es entstand eine Farbpalette von 24 Farben, die aufeinander abgestimmt sind. Die Blöckchen wurden für kleinere Kinder entwickelt, da sie sich besser anfassen lassen und weniger leicht brechen. Viele Kinder und Eltern empfinden sie jedoch als ein Malinstrument zweiter Klasse, denn man ist ja »groß«. Doch haben gerade die Blöckchen eine Bedeutung in der Entwicklung des Malens.

»Malen« bedeutet, etwas von sich selbst zu zeigen. Zwischen drei und vier Jahren möchte sich das Kind als Persönlichkeit äußern. Im Malen macht es den großen Schritt vom ungezielten Kreiseln und Kritzeln zur bewussten Gestaltung. Eigentlich malt es ja immer sich selbst. Das erscheint auf dem Papier als seelische Geste – und zwar mit einer starken Äußerung des Willens, wie man bei vielen Kindern am angestrengten Stöhnen bemerkt. Mit den Blöckchen kann man Farbflächen besser gestalten als mit einem Stift. Die Farben wirken wie von selbst, auch durch ihren Zusammenklang im Farbenkreis. So ein Bild sieht viel schöner aus als eine dünne Bleistiftzeichnung. Das macht Mut zum weiteren Malen. Natürlich gibt es immer Kinder, die gar nicht gern malen, da helfen dann auch keine Blöckchen.

Mit der beginnenden Schulreife sehnt sich das Kind danach, exakter zu werden. Nun erscheinen Einzelheiten wie der Rauch aus dem Schornstein, die Türklinke oder die Gardinen in den Fenstern. Die erste große Zeit der Blöckchen ist vorbei. Doch auch in dieser Phase zwischen sechs und sieben Jahren helfen sie beim flächigen Malen: Eine Gestaltung des Himmels mit blauer Farbe, natürlich mit einer Sonne, oder das sorgfältige Ausmalen der grünen Wiese gehören zum erwachenden Anspruch des Kindes, ein Bild schön zu gestalten.

Und es gibt auch da noch eine Phase, in der die Blöckchen wieder außerordentlich geschätzt werden, und zwar für die geometrischen Muster, mit denen das ganze Blatt gestaltet wird. Wenn das werdende Schulkind sorgfältig das ganze Blatt ausmalt, bekommt es ein Gefühl für das Oben und Unten, Rechts und Links. Die Muster sind eine Vorübung dafür, beim Schreiben und Rechnen die Buchstaben oder Zahlen richtig im Raum anzuordnen, entsprechend der lateinischen Schrift, die von links nach rechts und von oben nach unten verläuft. So können die belächelten »Blöckchen« eine Hilfe für das Schreiben- und Rechnenlernen sein.

Kommentare

Markus Seifert, 14.02.15 11:02

Es ist interessant zu lesen, wie heutzutage die ursprünglichen Ideen und Impulse verdreht dargestellt werden. Anscheinend ist man einfach schon zu weit weg davon!
Als Hersteller von Wachsmalfarben aus wirklich natürlichen Rohstoffen (Stockmar Wachsmalfarben enthalten an natürlichen Rohstoffen gerade lediglich 10% Bienenwachs und 30% Stearin) waren diese bei uns selbstverständlich, der ursprüngliche Impuls Steiners aber Ausgangspunkt der EMMIbee Wachsmalfarben (für die die Bezeichnung "Blöckchen" übrigens zu plump daherkommt).
Dieser war, im malerischen Gestalten von Licht- und Dunkelflächen auszugehen - was eben mit einem farbigen Wachsstück, welches die dazu notwendigen Kanten aufweist, im Gegensatz zum Stift erst sinnvoll möglich wird. Somit wurden auch die Wachsmalblöckchen keineswegs "für kleinere Kinder entwickelt." Im Gegenteil: richtig angewendet, entfalten sie ihre "Funktion" erst dann, wenn das (Schul-) Kind damit flächig malen gelernt hat.
Somit hoffe ich, dass so wie bei uns auch damals bei Stockmar anders als von Herrn Kummer dargestellt ein tieferer Sinn hinter der Entwicklung des Wachsmalblöckchens stand und dieser auch endlich wieder gesehen, gedacht und vor allem in den Waldorfschulen umgesetzt wird. - EMMIbee leistet dazu einen wichtigen Beitrag - ideell, pädagogisch und ökologisch! Weiterführende Informationen finden Sie unter http://www.emmibee.de
Als Waldorfalumni durfte ich übrigens in der genannten Malweise bis in die obere Mittelstufe hinein in malerischer Tätigkeit erfahren, welche Genialität allein diese Idee Steiners enthält...

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