Waldorfabschluss und Portfolio

Von Frank de Vries, März 2012

Für das Portfolio gibt es bislang keine einheitliche Definition noch einen einheitlichen Verwendungszweck. Der Portfoliobegriff im pädagogischen Bereich hat sich aus der Praxis heraus entwickelt. Portfolio ist eine Dokumentation der persönlichen Leistung. In die Schulpraxis haben unterschiedliche pädagogische Ideen und Überlegungen Eingang gefunden, entsprechend vielfältig sind die Arten und Formen von Portfolios, mit denen praktisch gearbeitet wird.

Das Abschlussportfolio der Waldorfschulen in NRW ist auf den Kompetenznachweis und Kompetenzerwerb der Schüler ausgerichtet. Im Sinne der direkten Leistungsvorlage wird die Schülerleistung im Abschlussportfolio so dokumentiert, dass das individuelle Kompetenzprofil der Schüler direkt und unmittelbar in Erscheinung tritt. Dadurch möchte das Abschlussportfolio nicht nur dem breiten Lernangebot einer Waldorfschule gerecht werden, sondern auch eine transparente und ganzheitliche Beurteilung der Handlungskompetenzen des Schülers ermöglichen – über seine schulischen Leistungen hinaus. Kompetenzen sind Dispositionsbestimmungen, die nur in einer Handlung in Erscheinung treten. Sie sind prozessorientiert und nicht direkt überprüfbar, sondern nur aus der Realisierung der Dispositionen zu erschließen. 

Für das Abschlussportfolio der Waldorfschulen in NRW wurde ein eigenes Kompetenzfeststellungsverfahren entwickelt. Es besteht aus drei Teilen: erstens aus dem Anforderungsprofil, zweitens aus einer Selbstreflexion des Schülers über seinen eigenen Lernprozess, seine individuellen Leistungen und Lernerträge und seine Selbsterkenntnisse im Zusammenhang mit der jeweiligen schulischen Aktivität, und drittens aus einem einschätzenden Kommentar des Lehrers zum Lernverhalten, zu den Leistungen und den sichtbar gewordenen Kompetenzen des Schülers während derselben Aktivität. Dabei hat der Schüler in der Selbstreflexion die Möglichkeit, den eigenen Lernprozess, seine individuellen Leistungen und Lernerträge und seine Selbsterkenntnisse individuell und authentisch zu beschreiben und ist nicht an einen festgelegten Referenzrahmen und vorgegebene Raster und Tabellen gebunden. Im Vergleich mit dem vorgegebenen Anforderungsprofil kann der Kompetenzerwerb des Schülers aus der Selbst- und Fremdevaluation ermittelt werden und ist tabellarisch nicht vorgegeben. In der Fremdevaluation wird die Selbstreflexion des Schülers entsprechend bestätigt, ergänzt oder berichtigt.

Wie bei der Portfoliomethode werden auch im Abschlussportfolio die Kompetenzen durch ein dialogisches Verfahren und durch eine formative Evaluation sichtbar gemacht. Dabei kann der Kompetenznachweis völlig unabhängig von der Portfoliomethode erbracht werden. Vielfach wurde der Kompetenznachweis mit der Portfoliomethode verknüpft. Der Kompetenznachweis ist aber keine exklusive Eigenschaft der Portfoliomethode. Jede Projektarbeit oder jeder schülerorientierte Unterricht ist dazu ebenso geeignet. Die Portfoliomethode ist nur eine von vielen Methoden, Kompetenzen sichtbar zu machen, so dass das Abschlussportfolio in Hinblick auf den Kompetenznachweis nicht auf die Portfoliomethode angewiesen ist.

Die Portfoliomethode hat in den letzten Jahren die Unterrichtspraxis in den Waldorfschulen belebt. Sie wird jedoch nicht die methodisch-didaktische Anforderungen der Waldorfpädagogik ersetzen können. Grundsätzlich ist Unterricht ein komplexer Zusammenhang von Elementen, die in ihrer Planbarkeit und in ihrem Wirkungszusammenhang nicht monokausal durch eine Methode, sondern nur durch Methodenvielfalt zu konzipieren und zu erfüllen sind. Es gibt sowohl Gründe für das selbstbestimmte autonome Lernen als auch für einen gelenkt- lehrerzentrierten Unterricht. Die Wahl der Unterrichtsmethode befindet sich zwischen zwei Dimensionen, zwischen lehrendem und entdeckendem, zwischen gelenktem und selbstbestimmtem Lernen. In der Schulpraxis der Waldorfschulen haben wir ebenso wenig einen rein belehrenden und gelenkten Unterricht wie ein rein entdeckendes und autonomes Lernen. Wir bewegen uns in vielfältiger Abwandlung und Ergänzung zwischen diesen beiden Eckpunkten und jede Unterrichtsmethode hat einen spezifischen Schwerpunkt. Es gibt keine Unterrichtsmethode, auch die Portfoliomethode nicht, die alle methodisch-didaktische Anforderungen gleichermaßen erfüllt.

Der Oberstufenlehrplan der Waldorfschulen bietet genügend Möglichkeiten, alternative Unterrichtsmethoden einzusetzen, eine einseitige Unterrichtspraxis zu vermeiden und vor allem der Forderung nach Selbstständigkeit und Individualisierung der Lernprozesse zu entsprechen. Grundsätzlich gibt es für das Abschlussportfolio der Waldorfschulen in NRW keine Standards für den richtigen Unterrichts- und Lernmethode. Jede Waldorfschule hat die Möglichkeit, sich mit ihrem eigenen spezifischen Schulprofil einzubringen und die Anforderungen an einem Waldorfabschluss in Form eines Kompetenznachweises zu realisieren. Die Portfoliomethode ist ohne Zweifel im Sinne der Methodenvielfalt eine Bereicherung für den Oberstufenunterricht, aber methodisch keine Voraussetzung für das Abschlussportfolio der Waldorfschulen in NRW.

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