Wir brauchen keine Verschwörungstheorie(n)

Von Michael Benner, Dezember 2020

Wer würde diesen Satz nicht unterschreiben. Er ist aber anders gemeint, als es zunächst klingt. Gemeint ist: Wir brauchen diesen Vorwurf nicht. Warum?

Laut Wikipedia kam der Begriff Verschwörung, abgesehen von einigen exemplarischen Vorläufern von tatsächlichen oder vermuteten Verschwörungen in der Antike, im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, besonders während bzw. nach der Französischen Revolution auf. Es ist anzunehmen: Die Sache selbst ist sicher so alt wie die Kulturgeschichte.

»Das Was bedenke, mehr bedenke Wie« – dieser kleine, unscheinbare Satz von Goethe kann uns weiterhelfen; er sagt aus: Kümmere dich um den Inhalt, die Bedeutung einer Sache, beschäftige dich aber noch intensiver mit dem Wie, dem Umgang, der Entstehung, der Handhabung der Sache, der Methode der Entstehung.

»Als Verschwörungstheorie wird im weitesten Sinne der Versuch bezeichnet, einen Zustand, ein Ereignis oder eine Entwicklung durch eine Verschwörung zu erklären, also durch das zielgerichtete, konspirative Wirken einer meist kleinen Gruppe von Akteuren zu einem meist illegalen oder illegitimen Zweck« (Wikipedia).

Auch das hat es wohl immer gegeben. Beispiel aus den 1950erJahren: Der Sturz des rechtmäßig gewählten iranischen Präsidenten Mossadegh.

Es hat auch immer Fake-News, bewusste Falschmeldungen, schlecht oder unvollständig recherchierte Nachrichten, Diffamierungen, lancierte Falschmeldungen, dumme Aussagen und Ähnliches gegeben.

Wie soll man also mit Verschwörungen und Fake News umgehen?

Man muss sich bei allen Nachrichten, Meldungen und Erzählungen mit der Frage auseinandersetzen, wie man sich in die Lage bringt, den Wahrheitsgehalt, die Relevanz und die Bedeutung einer Nachricht möglichst gut einschätzen zu können.

Dazu sind gute Bildung, ein klarer Verstand, kritisches Reflektieren und die Möglichkeit, selbstständig weitere Quellen zur Recherche heranzuziehen, unabdingbar.

Das Ergebnis all dieser Tätigkeiten kann tatsächlich auch einmal sein, dass jemand einen Sachverhalt dadurch zu erklären versucht hat, dass eine Geheimgesellschaft oder eine verschworene Gemeinschaft im Hintergrund die Fäden gezogen und den behaupteten Sachverhalt hervorgerufen hat, obwohl dies nicht stimmt. Kann man diese Behauptung aufklären, wird die bisherige Falschbehauptung wirkungslos und der Fall kann als abgeschlossen gelten.

Es kann aber auch sein, dass es diese verschworene Gemeinschaft und ihre bisher verborgene und nur behauptete Wirksamkeit tatsächlich gab. Kann man diese Behauptung belegen, kann der Fall in puncto Erkenntnisarbeit auch als abgeschlossen gelten.

Bei komplexen Fragestellungen, schlechter Quellenlage oder begrenzter Zeit muss man außerdem die Fähigkeit besitzen, sich einzugestehen, dass man bei dem Versuch, sich ein eigenes, möglichst objektives Urteil zu bilden, stecken geblieben ist. All das sind methodische Fragen, Fragen des »Wie«. Was fehlt nun noch im Umgang mit möglicherweise problematischen Nachrichten?

Eigentlich nichts!

Wozu brauchen wir also den Begriff der Verschwörungstheorie heute? Wie wird er verwendet, wie wirkt er im öffentlichen Dialog?

Die Sätze »Dies ist eine Verschwörungstheorie!« oder »Das ist ein Verschwörungstheoretiker« wirken so – jeder kann das bei sich selbst beobachten –, dass die als »Verschwörungstheorie« gebrandmarkte Position oder Person augenblicklich als indiskutabel betrachtet wird. Sie werden zur persona non grata, oder zu einer gesellschaftlich geächteten Meinung.

Das Vorurteil tritt sofort in Kraft. Es transportiert die Nachricht: Sich mit dieser Person oder ihrer Theorie zu beschäftigen, ist nicht nötig, ja sogar gefährlich. Man sollte es in jedem Fall unterlassen, will man nicht selbst in Gefahr geraten, in den Dunstkreis von Verschwörungs­theoretikern gestellt zu werden oder von der Theorie »angesteckt« zu werden.

Da alle am öffentlichen Dialog Beteiligten um diese Gefahr wissen, findet augenblicklich ein meist unbewusster, kollektiver Schulterschluss statt, die kollektive Isolierung funktioniert.

Das »Was« des Satzes: »Hier liegt eine Verschwörungstheorie vor«, kann ja durchaus richtig sein. Wie ist er aber in mein Bewusstsein gelangt und was hat er bewirkt? Hat mir jemand, statt der vielleicht anstrengenden eigenen Recherche, sein Urteil übergestülpt und mich damit geistig vereinnahmt? Hat jemand anderes, ungefragt, die Deutungshoheit übernommen, und sich damit angemaßt, den fraglichen Sachverhalt für alle anderen beurteilen zu können? Und das in einer solchen abschließenden Weise, dass eine gemeinsame Urteils- und Begriffsbildung verhindert wird?

Möglicherweise ist sein Motiv die Wahrheitsfindung, möglicherweise aber auch die Diffamierung eines unbequemen Gegners und damit die Vertuschung einer tatsächlichen Verschwörung. Im letzteren Fall wäre der Sprecher des Satzes: »Dies ist eine Verschwörungstheorie« jemand, der selbst aus unlauteren Motiven heraus Falschnachrichten oder gar Verschwörungstheorien verbreitet. All dies zu entscheiden und zu beurteilen wäre wiederum Gegenstand einer weiteren, von mir zu leistenden geistigen Arbeit.

Diffamierung und Gegendiffamierung brauchen wir nicht. Denn sie stellen einen Störfaktor in der Erkenntnisarbeit dar.

Als Lehrer haben wir hier eine ganz besondere Verantwortung, denn wir sind verpflichtet, Schüler dazu zu befähigen, sich ein eigenes, gut begründetes Urteil zu bilden, nicht aber, sie zu lehren, wie sie die Meinungen anderer unreflektiert übernehmen, auch nicht unsere eigenen, und seien sie noch so gut begründet.

Die Verwendung von sozial diffamierenden Begriffen, wie es zum Beispiel der Begriff Verschwörungstheoriker darstellt, kann also nicht scharf genug gebrandmarkt werden. Den Anderen ein Urteil überzustülpen, das dazu führt, dass eine Theorie oder ihr Autor gesellschaftlich augenblicklich verbrannt sind, ist ein voraufklärerisches Verfahren, ein Verfahren, das die gewaltige Leistung dieser Epoche mit Füßen tritt. Deren bedeutendster Satz lautet: »Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen« (Kant).

Brandgefährlich an diesem voraufklärerischen Verfahren ist, dass wir mit dessen Anwendung gewaltig an kultureller Höhe verlieren und in Zeiten zurückfallen, in denen wir uns von Autoritäten haben sagen lassen, was Wahrheit ist. In diesen Zeiten war die Anklage zugleich die Verurteilung, gab es keine Unschuldsvermutung, hatte die prüfende Vernunft, die im Zweifelsfall für den Angeklagten spricht, nichts zu melden. Die Autoritäten wussten, was gut und böse ist. Und das Böse musste vernichtet werden.

Vernünftig ist, von solchen begrifflichen und sozialpsychologischen Vereinnahmungs- und Entmündigungsstrategien Abstand zu nehmen, die derzeit die kuriosesten Blüten treiben. Vernünftig ist es, sich um eine eigenständige Erkenntnisarbeit und ein ausgereiftes Urteil zu bemühen. Vernünftig ist auch, sich mit den Argumenten jener auseinanderzusetzen, die die eigenen Auffassungen nicht teilen. Nur im Austausch, nicht in der Unterdrückung von Argumenten finden wir zur Wahrheit.

Was aber, wenn wir einer Anmaßung begegnen, die keine Argumente vorbringt, die dem Dialog durch die Beschuldigung ausweicht? Wenn uns jemand an den Kopf wirft, zu den Verschwörungstheoretikern zu gehören, um uns zum Verstummen zu bringen? Dann endet jede Möglichkeit des Dialogs. Und der Beschuldiger hat sein Ziel erreicht.

Zum Autor: Michael Benner unterrichtet Geschichte, Sozialkunde und Geographie an der Freien Waldorfschule Märkisches Viertel in Berlin und gründete die klassenübergreifende Mineralienhandelsgesellschaft Schülerfirma Steinbrücke GbR.

Kommentare

Michael Jöde, Hamburg, 11.12.20 19:12

Ich stimme dahingehend mit ihnen überein, dass es darum geht, Schüler*innen darin zu bilden, sich kritisch ein begründetes Urteil zu bilden. Dies geschieht seit der Aufklärung auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse. Wohl wissend, dass sich diese auch ändern und „Wahrheit“ nicht statisch, sondern immer Stand der aktuellen Erkenntnisse ist. Insofern ist jede „Wahrheit“ komplex und multiperspektivisch zu begründen. Positionen, die auf gefühlten Wahrheiten basieren und jeglichen Bezug zur Wissenschaftlichkeit im Sinne einer empirischen Überprüfbarkeit vermissen lassen, kann man als solche wohl kaum gelten lassen. Der Begriff Verschwörungstheorie ist vielleicht plakativ, zielt aber auf unwissenschaftliche und in Filterblasen entstandene Positionen ab, die sich aufgrund ihrer diffusen und selbstreferenziellen Quellen disqualifizieren. Schlagen Sie doch bitte einen angemessenen Umgang mit solchen Positionen vor.
An dem Begriff „Verschwörungstheorie“ sollte man kritisieren, dass es sich eben nicht um Theorien im aufklärerischen Sinne handelt, sondern um wissenschaftsfremde, meist unterkomplexe Betrachtungsweisen. Autoritäten in ihrer historischen Erscheinungsform abzulehnen, finde ich nachvollziehbar, bin aber der Meinung, dass Wissenschaftlichkeit in ihrer Akzeptanz weltlicher Komplexität heute eine Autorität ist. Zumindest gibt sie keine einfachen Antworten auf komplexe Sachverhalte.

Stefan Oertel, Seeheim-Jugenheim, 19.12.20 16:12

Sehr geehrter Herr Jöde,
ich finde den obenstehenden Artikel von Herrn Benner großartig und treffend. Ihre Erwiderung dazu finde ich nicht so treffend - aber erhellend. Aus den von ihnen ausgesprochenen Überzeugungen heraus, fühlen sich heute viele so sehr berechtigt, alles “Unwissenschaftliche” zu diffamieren!

Was verstehen Sie denn unter Wissenschaft und “Stand der Erkenntnis”? Ich vermute sehr stark, dass Sie dabei an den akademischen Wissenschaftsbetrieb und seine Ausläufer bis hin zum Wissenschaftsjournalismus denken. Dieser Wissenschaftsbetrieb ist aber selber in hohem Maße eine selbstreferentielle Filterblase. Der Glaube, dass es dort keine realitätsfernen Verstiegenheiten, Beeinflussungen und grundsätzliche Verirrungen gäbe, ist reichlich naiv. Freilich ziehen sich Anhänger dieses Wissenschaftsbetriebs gerne auf das Argument zurück, dass die Wissenschaft ja “ergebnisoffen” sei und sich Fehler im Laufe der Zeit schon korrigieren würden...

Das dürfen diese Anhänger sehr gerne glauben, aber sie sollen gefälligst nicht von mir verlangen, dass ich deshalb den jeweils “aktuellen Stand der Erkenntnis” ihres Wissenschaftsbetriebs als Nonplusultra zu nehmen habe! Es gehört eine ordentliche Portion Anmaßung dazu, wenn man die Autoritäten, die man sich selbst gewählt hat, allen anderen aufzwingen will. Ich selbst halte das, was gerade in der aktuellen Zeit durch offizielle “Wissenschaftler” von der Kanzel heruntergesprochen wird, für sehr irrational, um nicht zu sagen: irr! Da gibt es keine Selbstkorrektur des akademischen Systems. Es ließe sich am Beispiel der Goetheschen Optik, der Steinerschen Erkenntnistheorie u.ä. sogar zeigen, dass diese Selbstkorrektur über Jahrhunderte hinweg ausbleiben kann! Die selbstreferentielle Filterblase, in der die akademische Wissenschaft steckt, ist längst epochal groß!

Und welches Recht besteht übrigens, mehr gefühlte Erkenntnisse für unrichtiger zu erklären, als “wissenschaftlich”-theoretische? Es gibt nicht nur den Satz, dass das Gefühl manchmal trügt, sondern auch den anderen, dass das Gefühl die Wahrheit oft besser weiß, als der Kopf! Ich will mir nicht von anderen vorschreiben lassen, ob ich auf “Wissenschaft” oder “Gefühl” zu hören habe. Darüber entscheide ich immer noch selbst! Und ich akzeptiere nicht, dass die zunehmend fanatischer auftretenden Anhänger des akademischen Wissenschaftsbetriebes einer ganzen Gesellschaft meinen vorschreiben zu dürfen, dass nur die klug ausgesponnenen Theorien ihrer “Experten” die Wahrheit seien!

Meine Eindruck nach hat man bis ungefähr zur Jahrtausendwende noch einen gewissen Sinn dafür gehabt, dass ein Staat nicht die “Wahrheit” für alle verwalten darf. Ja, es gibt sie, die Wahrheit! Aber es ist das menschliche Individuum, dass die Freiheit haben muss, sich zu ihr in Beziehung zu setzen. Und es bleibt ihm selbst überlassen, über Gedanken und Gefühle den Weg zur Wahrheit zu finden und die Autoriäten anzuerkennen, für die es Gründe hat, sie richtig zu finden.

Übrigens dürfen die Wissenschaftsbetriebsanhänger gerne gegen “gefühlte Wahrheiten” von “Verschwörungstheoretikern” argumentieren – und es ist dort auch ein Gewinn, wo sie es klar und mit Realitätssinn tun. Was diesen Jünger der “Wissenschaftlichkeit” aber selbst nicht auffällt, ist, wie oft bei ihnen Sachlichkeit und Vernunft oft nur Sockenpuppen sind, in denen ganz andere Seelenkräfte stecken: Gefühle wie Hochmut und Angst zum Beispiel, die aber sehr unterschwellig sind. Ich möchte wirklich wünschen, dass diese Jünger einmal von ihrem hohen Ross herunterkommen und einen Gang runterschalten – um die Grenzen ihrer Herangehensweise zu bemerken und sich selbst und ihre Grundüberzeugungen zu hinterfragen!

Mit besten Grüßen
Ihr Stefan Oertel

Michael Jöde, Hamburg, 20.12.20 21:12

Sehr geehrter Herr Oertel!

Wenn Sie mir Naivität unterstellen, haben Sie meinen Kommentar offenbar nicht verstanden. Fragwürdig finde ich allerdings, den „Wissenschaftsbetrieb“ so zu diskreditieren, wie Sie es in Ihrem Text tun. Von „Anhängern“ der Wissenschaft oder „Wissenschaftlern“ zu schreiben erinnert stark an Formulierungen, die man momentan aus demokratiefeindlichen Ecken zu hören bekommt. Zu „sogenannten Wissenschaftlern“, oder „sogenannten Experten“ ist es da nicht weit. Die problematischere Filterblase ist in dieser Zeit mit Sicherheit die derjenigen, die gesellschaftlichen Konsens zersetzt, demokratische Errungenschaften unterminiert und auf „gefühlte Wahrheiten“ zurückgreift.
„Gefühlte Erkenntnisse“ sind eben Gefühle und können als diese natürlich Grundlage für Entscheidungen sein. Den Fanatismusvorwurf den Vertreter*innen der Wissenschaft vorzuwerfen halte ich für unpassend. Er ist bezogen auf Corona-Leugner deutlich angebrachter. Da setzt nämlich der Verstand aus und „gefühlte Wahrheiten“ treten an erste Stelle.
Leider werden im Forum der Erziehungskunst immer wieder Texte veröffentlicht, die eine überfällige Distanzierung zu bestimmten Positionen oder Gesellschaftskreisen vermissen lassen. Das schmerzt und hinterlässt einen mehr als faden Geschmack.

Ebenfalls mit besten Grüßen
Michael Jöde

Stefan Oertel, 21.12.20 13:12

Sehr geehrter Herr Jöde,
die gesellschaftlich problematischere Filterblase ist mMn derzeit definitiv die, in der die Wissenschaft steckt. Anders nuanciert: psychologisch stecken durchaus manche wahnhafte Verschwörungstheoretiker in einer ähnlichen Blase, wie die wissenschaftsgläubige Öffentlichkeit, die gar nichts mehr anderes diskutieren will, als ihr einmal festgesetztes Narrativ. Es ist wirklich eine Art Spiegelung, die da besteht!

Ich bin mir aber bewusst, dass wir uns auf diesem Gebiet nicht auf einen gemeinsamen Nenner verständigen werden können, dazu sind die Positionen zu unterschiedlich. Ihre obige Antwort zeigt, dass es für Sie schwer erträglich ist, wenn jemand Begriffe verwendet, die eine deutliche Skepsis gegenüber dem Wissenschaftsbetrieb, so wie er heute ist, zum Ausdruck bringen. Skepsis nicht gegenüber der wissenschaftlichen Gesinnung also solcher, aber gegenüber der real existierenden Wissenschaft, die ich eben als “Betrieb” bezeichne. Ich wiederhole noch einmal: die Wissenschaft hat es geschafft, Goethe und Steiner jahrhundertelang zu ignorieren. Was sie nicht hätte tun sollen, weil diese zeigen konnten, dass die Realtiät in Wirklichkeit im Geistigen liegt und dass dies erhebliche Konsequenzen für alle menschlichen Lebensgebiete hat!

Aber Goethe und Steiner, die würde die FAZ oder irgendeine andere Zeitung natürlich heute zügig mit einer demokratiefeindlichen, rechten Gesinnung assozieren, und schon passt wieder alles ins Bild, oder? Da schreibt einer auf den Seiten der Erziehungskunst (oje – Waldorfpädagogik!), der ein bisschen esoterisch verquast im Hirn ist (Goethe, Steiner!), nicht merkt wie demokratiefeindlich er damit eigentlich ist (ein “Rechter”!) und auch noch skeptisch gegenüber der “rationalen Wissenschaft” unserer Tage ist (ein Verschwörungstheoretiker, ein “Corona-Leugner”!).

Und sehen Sie, in genau diesen Assoziationsketten besteht das Problem und genau darauf zielt der Artikel von Herrn Benner meiner Meinung nach mit ab. Sie kommen in Ihrer Replik doch nur deshalb auf Demokratiefeindlichkeit, Konsenszersetzung usw. zu sprechen, weil der aktuelle gesellschaftliche Diskurs eine wissenschaftskritische Haltung hartnäckig mit solchen Negativpositionen assoziiert. Es wird maßlos polarisiert: auf der einen Seite die rationalen, progressiven Menschen (glauben an Corona, die Wissenschaft und Demokratie), auf der anderen Seite die rückwärtsgewandten Irrationelen (Corona-Leugner, Rechte, Verschwörungstheoretiker). Niemand dazwischen.

Mit exakt derselben Polarisierung bekämpfen gewisse Leute seit Jahren die Anthroposophie, die Waldorfpädagogik, die alternative Medizin und ähnliches. Das Schema ist das gleiche: “Rationale” Menschen glauben nicht an Engel, Geister, Ätherleiber, Energiemeridiane und so weiter. Wer Esoteriker ist, ist also irrational. Wer irrational ist, ist gefühlsmäßig. Wer gefühlsmäßig ist, ist rückwärtsgewandt und gefundenes Fressen für gewisse politische Ideologien, die auf Gefühl und Irrationalität aufbauen. Und unterschwellig steckt er sowieso schon im rechten Sumpf drinne, auch wenn er es noch leugnet... Quod erat demonstrandum! Esoteriker, Anthroposophen und so weiter sind also rechts! - Eine schön suggestive Assoziationskette, nur leider sollte man sie mal mit der Realität abgleichen!

Ironischerweise werden solche Vorstellungen hartnäckig von den Menschen gepflegt, die sich mit Begriffen wie “offene Gesellschaft” die Bekämpfung aller Vorurteile und Diskriminierungen auf die Fahnen geschrieben haben. Man trägt die Menschenfreundlichkeit als abstrakten Grundsatz vor sich her, ist aber nicht in der Lage, WIRKLICH einmal nachzuschauen, was das für einer ist, dieser “Anthroposoph” oder dieser “Corona-leugnende Verschwörungstheoretiker” und was er denkt und warum.

Ich kann ihnen sagen, er ist NICHT einfach das, als was er von der Tagesschau dargestellt wird! Und er denkt auch anders! Aber wenn immer nur randständige, merkwürdige Ansichten wie die von QAnon-Anhängern oder Leuten, die sich allzu “unterkomplexe” Vorstellungen von einem verschwörerischen Bill Gates machen, in den Mittelpunkt gerückt werden, dann hat man sich die “unterkomplex” denkenden Sektenanhänger als mediales Bild selbst erschaffen, die man dann bequem bekämpfen kann! Realitätstabgleich bitte! Begegnung statt Vorurteil!

Der wirkliche gesellschaftliche Graben, der sich derzeit auftut, verläuft nicht einfach zwischen “rechts” und “nicht-rechts”. Er wird von Seiten derjenigen zu allen anderen aufgetan, die das, was nicht ihrer “wissenschaftlichen” Ansicht entspricht, mit Hilfe irgendwelcher unsachgemäßen Assoziationen (“rechts”, demokratiefeindlich” usw.) zur Un-Meinung herunterdiskreditieren und damit den offenen gesellschaftlichen Austausch beenden!

Erneut mit besten Grüßen
Ihr Stefan Oertel

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen