Zentrale pädagogische Motive vergessen?

Von Tillman Kieser, Dezember 2021

Entgegnung zum Beitrag von Stefan Grosse »Wozu sollten Waldorfschulen heute erziehen?« in der Erziehungskunst 10/2021

Stefan Grosse beginnt seinen Artikel mit einer Schilderung der Welt, in die Schüler heute hineinwachsen. Mit der bekannten Aussage Rudolf Steiners über die Bedeutung des Verstehens menschengemachter Technik für Jugendliche ab dem fünfzehnten Lebensjahr begründet er die Notwendigkeit, an den Waldorfschulen die Unterrichte in Technik und Naturwissenschaft bis in die Handhabung der digitalen Medien hinein zu stärken. Was jedoch in der dann folgenden Darstellung verschwimmt, ist der alters- und entwicklungsgemäße Aspekt eines solchen Unterrichts. Unsere Gesellschaft wird immer intellektueller und verliert als Ganze das wirkliche Verständnis für die praktischen Zusammenhänge.

Im Vortrag, aus dem die Aussage Steiners entnommen ist (5.9.1922 in der Gesamtausgabe 303), wird differenziert dargelegt, wie dieser Praxisbezug, der notwendige Ausgleich zum kognitiven Zugang zur Welt, aussehen soll: Damit sich die Persönlichkeit als Ganze entwickeln kann, wird für das Jugendalter die praktisch-berufliche Ausbildung und Arbeit gleichwertig neben die »Erkenntnisseite« gestellt. Ob dem durch eine Ausweitung der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer Rechnung getragen wird, muss hinterfragt werden. Die von Grosse als Konsequenz genannte »Verdichtung« im Lehrplan der Mittelstufe sollte jeder, der erlebt hat, wie einer solchen Verdichtung vor allem die praktischen und künstlerischen Unterrichte zum Opfer fallen (das ist inzwischen eine Entwicklung an vielen unserer Schulen), mit äußerster Skepsis begegnen. Die von Steiner im besagten Vortrag auch aufgeführte seelisch-ökonomische Straffung, die notwendig sei, um für die Unterrichte, die ein Erleben der praktischen Zusammenhänge ermöglichen, Raum zu schaffen, ist anderer Natur.

Steiner verstand seine Lehrplanangaben für die erste Waldorfschule mit Nachdruck als exemplarisch, zeitgebunden und der konkreten Situation vor 100 Jahren an der Uhlandshöhe entsprechend (vgl. Artikel von Karl-Martin Dietz, in der Erziehungskunst 02/2011). Was aber ganz anderer Natur ist, sind seine menschenkundlich begründeten Angaben, die Grundprinzipien aufzeigen.

Dazu gehört die im genannten Vortrag geschilderte Einführung in die praktischen Zusammenhänge der Welt, dazu gehören aber auch seine Darstellungen in den Vorträgen der Allgemeinen Menschenkunde. Im Zusammenhang mit der Bemerkung Grosses zum Schreibenlernen möchte ich auf den genialen Griff Rudolf Steiners verweisen, durch den er das Schreibenlernen in den Dienst der zentralen Aufgaben des Lernbegleiters der ersten Schuljahre stellt: Er schildert im ersten Vortrag der Allgemeinen Menschenkunde den Inkarnationsprozess und stellt als unsere Aufgabe dar, das Kind bei der Verarbeitung seiner Tageserlebnisse im Schlaf zu unterstützen. Dadurch, dass der intellektuell-abstrakte Vorgang des Schreibens und Lesens bildhaft wird und zu einem breit angelegten praktisch-künstlerischen Tun führt, entsteht für das geistige Erleben während des Schlafs Relevantes, das die Inkarnationsbewegung kraftvoll werden lässt. Obwohl Steiner es für kontraproduktiv hält, das Lesen als Abstraktion schon zu Beginn des zweiten Jahrsiebts verbindlich einzuüben, gehen wir heute als Waldorfschulen in dieser Frage – zurecht – einen der vielen Kompromisse ein, mit denen die Waldorfpädagogik vom ersten Tage an zu ringen hatte. Aber ohne Not bereits in der ersten Klasse die Einführung der Buchstaben auf die Aufgabe des Lesenlernens hin zu frisieren, indem man von Anfang an die Kleinbuchstaben mit hinzunimmt, scheint mir unnötig, ja gefährlich, weil es die zentralen Motive unseres pädagogischen Handelns vergessen macht. Natürlich muss auch das Schreibenlernen wie alle Lehrplanangaben auf eine aktuelle Weiterentwicklung hin befragt werden. Dabei darf aber nicht die zugrunde liegende Menschenkunde verloren gehen.

In unserer immer intellektueller und praxisfremder werdenden Gesellschaft, in der bereits im frühen Alter die Bildschirme und die digitalen Medien sich zwischen Welterleben und Kind schieben, bedarf es wohl eher einer Wendung hin zu einer Handlungspädagogik, in der die tätige, praktische und künstlerische Begegnung mit der Welt Raum bekommt – und das nicht nur im Kindergarten und den ersten Schuljahren, sondern in entsprechend sich wandelnder Form bis in unsere Oberstufen hinein. Dann kann und muss im entsprechenden Alter im Sinne des medienpädagogischen Konzeptes, das die Pädagogische Forschungsstelle veröffentlicht hat, natürlich die Begegnung und Meisterung der digitalen Technik stehen.

Tillman Kieser, Hiberniaschule Herne

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