Freie Waldorfschule Wendelstein holt Frauen und Kinder aus der Ukraine

Von Jakob und Wolfgang Debus, Mai 2022

An vielen deutschen Waldorfschulen haben sich in den ersten Wochen nach dem Angriff auf die Ukraine spontan Teams gebildet, die Hilfe organisierten, indem sie Menschen aus der Ukraine abholten oder hier Wohnungen und Schulplätze organisierten.

Evakuierte Flüchtlingsfamilien und Fahrerteam

Ein Beispiel dafür ist die Freie Waldorfschule Wendelstein, deren Bericht wir hier gekürzt abdrucken.

Über die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners kam Anfang März die Anfrage an uns, ob wir Lehrer:innen und Schüler:innen aus ukrainischen Waldorfschulen nach Deutschland holen könnten. Nach kurzer Überlegung und einigen Telefonaten konnten wir den betroffenen Menschen in Wendelstein Unterkunft und Schulplätze zusagen. Ein Team der Freien Waldorfschule Wendelstein sollte mit Kleinbussen an die polnisch-ukrainische Grenze fahren, um die Mütter und Kinder direkt an der Grenze abzuholen und sicher nach Wendelstein zu bringen. Beim ersten Telefongespräch am Freitagabend mit einer der Lehrerinnen in Saporischschja in der östlichen Ukraine war in der Nähe der Stadt bereits Artilleriefeuer zu hören. Polina Vlasenko, Klassenlehrerin der dortigen Waldorfschule, war sich noch nicht im Klaren darüber, ob sie sicher aus der Stadt gelangen konnten. Trotzdem liefen bei uns die Planungen an, denn es blieb wenig Zeit. Noch am gleichen Tag wurde eine Spendenaktion ins Leben gerufen. Innerhalb weniger Stunden wurden mehrere tausend Euro gespendet. Die Schulgemeinschaft der Freien Waldorfschule Wendelstein organisierte Unterkünfte bei Gastfamilien. Zusätzlich lief parallel die Suche nach geeigneten Transportern. Vier Kleinbusse konnten über einen Schulvater organisiert werden.

Am Sonntag schickte Polina dann eine Nachricht, dass sie und weitere fünf Mütter sowie insgesamt 12 Kinder aus Saporischschja, Dnipro (Dnjepropetrowsk) und Kiew in einer Telegramgruppe zusammengefasst hatte und sie am Bahnhof sei, um abzureisen. In einem kleinen Video schickte sie einen Eindruck von der Situation am Bahnhof, an dem Tausende auf die Ausreise warteten. Wir wussten in diesem Moment, dass die Reise Tage dauern würde. Aber sie waren auf dem Weg.

Innerhalb kürzester Zeit meldeten sich immer mehr Menschen, die Sachspenden mitgeben oder als Fahrer:in mitmachen wollten. Wir konnten Tierfutter, Medikamente und Kleidung mitnehmen. So brach am Dienstag, den 8. März, um 4 Uhr morgens, unser achtköpfiges Team in Richtung Polen auf. Gegen 12 Uhr erreichte der Konvoi ein zentrales Logistiklager im polnischen Breslau, dort werden Sachspenden für die Ukraine gesammelt, sortiert und für den Transport über die Grenze in die Ukraine vorbereitet. Hier wurde der Großteil der Sachspenden abgeladen. Dann ging es weiter Richtung ukrainischer Grenze nach Przemyśl (Südostpolen). Währenddessen hielten wir von Wendelstein aus ständig Kontakt mit den Müttern und Kindern, die sich an unterschiedlichen Orten befanden.

Gegen Dienstagabend, zwei Tage nach Polinas Abreise aus ihrer Heimat, formte sich mit Hilfe von Telegram, Whatsapp, Google Maps, Google Translator und dem Teilen von Live-Standorten in der Koordinationsstelle in Wendelstein allmählich ein Bild: neun Personen, darunter Polina Vlasenko, waren bereits nach Krakau gereist, da die Auffanglager an der Grenze überfüllt waren, und hatten dort ein Hostel zur Übernachtung und ersten Erholung gefunden. Allerdings hatten sie die Nacht davor viele Stunden bei -10°C und Schneefall an der Grenze verbringen müssen, ehe sie in die EU einreisen durften. Die restlichen neun Personen waren wiederum in zwei Gruppen geteilt worden, was damit zu erklären ist, dass Taxifahrer den Grenzübergang wählen, zu dem sie gerade am besten ohne Stau fahren können. Kein Mensch kann sich aussuchen, wohin er gebracht wird. So befand sich eine Mutter unserer Gruppe aus Kiew mit ihren beiden Kindern irgendwo in der Schlange an der Grenze nach Przemyśl. Sie konnte kein Englisch, so dass wir nur mit Hilfe des Google Übersetzers kommunizieren konnten. Unklar war, wann sie die Grenze überschreiten würde, da der Übergang mit stundenlangem Anstehen und Warten verbunden war. Die Gruppe mit fünf Kindern und Mutter wartete an einem Grenzübergang etwa eine Stunde Autofahrt nördlich von Przemyśl, was wir mit Hilfe von Standortangaben und Google Maps erst allmählich herausfanden. Inzwischen war es Dienstagabend gegen 23 Uhr und die Busse warteten aufnahmebereit in Przemyśl. So teilten wir den Konvoi in zwei Gruppen mit jeweils zwei Fahrzeugen auf. Von Wendelstein aus fand die Koordination und Kommunikation mit den Fahrern und Geflüchteten statt, um so eine erfolgreiche Abholung zu ermöglichen. Es gelang, die dortige Gruppe von drei Menschen direkt an der Grenze östlich von Przemyśl aufzusammeln, nachdem sie wenige Minuten vorher die Grenze überschritten hatte.

Im Norden war währenddessen das zweite Team, bedingt durch einen Navigationsfehler, fast auf einem Feldweg in die Ukraine hineingefahren. Kurz darauf war es jedoch auch hier möglich, die Gruppe mit sechs Personen aufzufinden und einzusammeln. Schnell wurde ein Treffpunkt für die Fahrzeuge an der nächsten Autobahnraststätte ausgemacht. Währenddessen wurde von Wendelstein aus ein Hotel für alle 16 Personen für eine Nacht gebucht, was nicht einfach war, denn nahezu alle Quartiere in der Region waren bereits belegt. Gegen 4 Uhr Mittwochfrüh traf der Konvoi in Krakau ein. Nach vier Stunden Schlaf wurde gegen 11 Uhr der andere Teil der Gruppe (zehn Personen) im benachbarten Hostel angetroffen und eingesammelt. Somit war die Schicksalsgemeinschaft endlich komplett. Die Rückfahrt verlief ohne besondere Vorkommnisse, so dass der Konvoi am Mittwochabend gegen 21 Uhr wohlbe­halten auf das Schulgelände der Freien Waldorfschule Wendelstein rollte. Dort war bereits ein Abendessen vorbereitet worden und die Familien aus der Ukraine wurden in ihren jeweiligen, bereits von der Schulgemeinschaft organisierten Gastfamilien untergebracht, die wunderbare und liebevoll vorbereitete Quartiere zur Verfügung gestellt haben.

Ein solches Unterfangen konnte nur durch Teamgeist, soziale Beweglichkeit und die großen Herzen aller beteiligten Menschen bewältigt werden. Nach einer Zeit der Distanzierung und der Lockdowns war das Erlebnis einer solchen Gemeinschaftstat eine außerordentlich kostbare Erfahrung. Aber wir sind uns auch sicher, dass wir in dieser Situation nicht alleine waren, sondern dass der Himmel seine Helfer geschickt hat. Das war spürbar. Und das bedeutet Licht in dunklen Zeiten.

Autoren: Jakob Debus, *1996, ehemaliger Schüler der FWS Wendelstein, studiert im sechsten Semester Management öffentlicher Aufgaben in Zwickau/Sachsen. Wolfgang Debus, * 1967, Leitung des Fernstudiums Waldorfpädagogik Jena sowie Oberstufenlehrer für Geografie an der Freien Waldorfschule Wendelstein.

Kontakt: ukraine(at)waldorfschule-wendelstein.de

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