Freiheit zumuten

Von Roland Schröter-Liederwald, September 2016

Lieber Henning Köhler, gerne lese ich Ihre Kolumne in der Erziehungskunst. Es sind meistens die meinungsstarken und pointierten Standpunkte zu den gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit, die ich mit Ihnen teile.

Ich frage mich allerdings, warum Sie gerade auf dem pägagogisch-psychotherapeutischen Terrain Michael Winterhoff zu Ihrem Feindbild erhoben haben. Dass Winterhoff aus Kindern funktionierende Untertanen machen möchte, halte ich für eine gewagte These. Ich habe die meisten seiner Bücher der letzten Jahre gelesen und konnte eine derartige Zielrichtung nicht erkennen. Ich bin mir sicher, dass er den letzten Zeilen Ihrer Kolumne »Kinder brauchen Anerkennung, Freiheit, Geborgenheit und wenn nötig, eine sichere Führhand« zustimmen würde. Auch der überbordende Medienkonsum wird von ihm kritisch beleuchtet.

Aber genau die sichere Führhand fehlt vielen Kindern heutzutage. Das Phänomen, dass Kinder nicht mehr dem altersgemäßen seelischen Reifegrad entsprechen, ist keine Erfindung Winterhoffs, sondern tägliche Erfahrung aller Menschen, die mit Kindern arbeiten, einschließlich der Waldorfpädagogen. Unter meinen Kolleginnen und Kollegen ist es unbestritten, dass die Arbeit schwerer geworden ist und im Umgang mit Kindern Situationen entstehen, die manchmal selbst für erfahrene Pädagogen kaum zu bewältigen sind. Sicher ist, dass ein größerer Teil einer Schulklasse den Erwachsenen in seiner Funktion als Leitenden nicht wirklich wahrnimmt und kaum wenige Minuten zuhören kann. Viele Kinder erfahren sich gar nicht mehr als Teil eines sozialen Zusammenhangs, in dem eigene momentane Bedürfnisse zurückstehen müssen, wenn die Gruppe funktionieren soll. Es gibt eine wachsende Anzahl von Kindern, die nicht reagieren, wenn sie nicht persönlich mit Namen angesprochen werden. Die Kinder wirken oft unausgeschlafen und überfordert, aber nicht von den Leistungen, die sie in der Schule erbringen sollen, sondern weil sie im Alltag zu wenig Ruhe, Begleitung und Hilfe erfahren. Sie werden nicht ins Leben geführt! Freiheit ist doch keine Kategorie, die auf jeder Altersstufe gleichermaßen per se existiert. Freiheit entwickelt sich mit den Aufgaben und der Verantwortung, die einem Kind in wachsendem Maß, jedoch mit Augenmaß zugemutet werden.

Aus Kindern, die erleben, dass Erwachsene klar und sicher führen, und dabei liebevoll und zugewandt sind, werden selten »Untertanen«. Meine erwachsenen Kinder mischen sich gesellschaftspolitisch ein und heute sind es wir Eltern, die so manches von ihnen lernen. ‹›

Zum Autor: Roland Schröter-Liederwald ist Klassenlehrer an der Blote-Vogel-Schule in Witten

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