Kann Religion Frieden stiften?

Von Günther Dellbrügger, November 2021

Viel Unfrieden ist durch Religionen in die Welt gekommen. Können sie diese Schuld in Zukunft abtragen und etwas Substanzielles zum Frieden beitragen?

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In seinem Spätwerk »Wilhelm Meisters Wanderjahre« kommt Goethe auf den Zusammenhang von Religion und Erziehung zu sprechen. Als religiöse Grundstimmung beschreibt er die Fähigkeit, sich einem anderen Wesen in Ehrfurcht und Liebe zuzuwenden. In der »Pädagogischen Provinz« werden die Kinder zu friedlichem Miteinander erzogen. Aus Goethes Sicht bildet sich in jeder Biografie der Weg der Menschheit ab, auch die Entwicklung der Religionen. Die erste Religionsform basiert auf der Ehrfurcht vor dem, »was über uns ist«. Furcht haben wir von Natur aus, Ehrfurcht aber müssen wir erst entwickeln, sie ist für Goethe ein »höherer Sinn«. Der Mensch kann, »indem er Ehre gibt, seine Ehre behalten«. Die erste Ehrfurcht gilt einem höchsten Wesen, das sich in »Eltern und Lehrern abbildet und offenbart«.

Die zweite Stufe der Religion lebt in der Ehrfurcht vor dem, »was neben uns ist«; dazu gehören die Natur und die Mitmenschen. Albert Schweitzers Lebensmotto »Ehrfurcht vor dem Leben« geht in diese Richtung.

Die dritte Ehrfurcht bezieht sich auf das, »was unter uns ist«. Goethe sieht in dieser Ehrfurcht das entscheidende Merkmal der christlichen Religion. Denn sie verachtet das Irdische nicht, sondern nimmt alles Leiden, ja den Tod, als zum Leben gehörig an.

Geheimnisvoll lässt Goethe die drei Formen der Ehrfurcht einmünden in eine vierte, die von den drei anderen getragen wird. Es ist die Ehrfurcht vor dem, was in uns ist: Die oberste Ehrfurcht ist »die Ehrfurcht vor sich selbst ...«

Sie gilt dem Höheren in uns, dem Göttlichen im Menschen, seiner inneren Würde.

Alle Entwicklung findet laut Goethe ihren Sinn darin, dass der werdende Mensch sich seinem höchsten Urbild annähert, dass er wirklich Mensch wird. Im Judentum gibt es kein größeres Lob für einen Verstorbenen, als wenn man von ihm sagen kann: »Er wor a Mensch!« Ein fernes hohes Ziel, zu dem wir aber alle die Anlage in uns tragen. Das Fundament jeder Erziehungskunst – und damit auch der Erziehung zum Frieden – ist bei Goethe die Entwicklung der Ehrfurchtskräfte im Menschen. Fühlen wir uns davon angesprochen?

In den meisten Menschen lebt eine tiefe Sehnsucht nach Frieden, Harmonie und Sicherheit. In uns lebt aber auch ein Streiter, ein Kämpfer, ein Unruhegeist. Das kann sich steigern zu Harmoniesucht auf der einen und zu Streitsucht auf der anderen Seite.

Können wir das Potenzial beider Veranlagungen positiv nutzen, um Frieden statt »Kleinkrieg« zu fördern, um eine gute Streitkultur zu entwickeln?

Die oft beschworene, aber nicht immer gelingende Streitkultur basiert auf sozialen Schlüsselfähigkeiten, die unablässig geübt werden müssen:

  • Anerkennung des anderen als eines selbstständigen Wesens, das nach Freiheit und sich selbst sucht.
  • Fähigkeit zum »Seitenwechsel«: Mitfühlen, Mitempfinden, Sich-hinein-Versetzen in den anderen; das klingt einfach, braucht aber viel Geduld und innere Arbeit.
  • Mit- und Ertragen des anderen: Ich will dich so annehmen, wie du geworden bist. Vieles verstehe ich einfach nicht, aber ich will dich trotzdem annehmen. Der Ertrag solcher Haltung kommt oft erst viel später.

Anerkennung des anderen, Bemühung um inneres Verständnis, liebevolles Mittragen – wieviel wäre mit solcher Haltung gewonnen! Eine darauf basierende Streitkultur muss in Kindheit und Jugend vorbereitet und geübt werden.

Guter und böser Streit

Um 700 v. Chr. wird auf der Insel Euböa der Dichter Hesiod geboren. In einem seiner Werke unterscheidet er zwischen »gutem« und »bösem« Streit. Er stellt also nicht Streit und Frieden gegeneinander, sondern verschiedene Formen des Streits, der Auseinandersetzung. Streit kann fair ausgetragen werden unter Anerkennung des anderen, oder unfair, zerstörerisch.

In einem guten Streit wird der Andere geachtet, als Person anerkannt. Die Streitenden halten sich an Regeln, z.B. lassen sie den Anderen ausreden. Dies kann gesteigert werden zum »kontrollierten Dialog«: A legt seine Ansicht zu einer Frage dar. B wiederholt das von A Gesagte, bis A sagt: Du hast mich verstanden, genau das habe ich sagen wollen. Dann erst stellt B seine eigene Ansicht dar. Man stelle sich vor, eine solche Gesprächskultur würde heute öffentlich praktiziert! Die strenge Einhaltung dieser Gesprächsregeln fordert von beiden Seiten viel Selbsterziehung und Disziplin. Wenn es gut geht, kann die Einsicht dämmern: Ich brauche den Andern als Partner, um eine Frage von den verschiedensten Seiten zu beleuchten. Jede sprachliche Schulung, bei der ich lerne, immer genauer auszudrücken, was ich sagen will, beugt der Gewalt vor, die oft Ausdruck von Sprachlosigkeit ist.

Was kann man schon bei Kindern veranlagen? In Ferienfreizeiten habe ich eine erfahrene Fechterin gebeten, mit den Kindern Stockfechten zu üben.1 Hier ging es nicht um Selbstverteidigung, sondern um den Wechsel von Angriff und Verteidigung in vorgegebenen Mustern. Was hier körperlich geübt wird, kann später verinnerlicht werden zu fairen »Wortgefechten« nach klaren Regeln.

Neben dem Stockfechten kommt als weitere Übung das Ringen in Betracht, die Urform des Zweikampfes ohne Waffen. Solches Ringen ermöglicht ein faires Kräftemessen, es übt Geschicklichkeit, Geistesgegenwart und wache Beobachtung. Auch diese Kräfte lassen sich auf das Seelische übertragen: Wir ringen um die Lösung eines Problems, mit einer gestellten Aufgabe, wir ringen mit uns selbst: Wie finde ich meinen Weg?

Die eigene Beweglichkeit und das Verständnis für den Anderen können auch durch bewussten Seitenwechsel geübt werden: Bei Begründung der ersten Waldorfschule konnte man sich im Lehrerkollegium nicht einigen, ob Latein oder Russisch als dritte Fremdsprache eingeführt werden sollte. Rudolf Steiner soll dann die »Lateiner« gebeten haben, für das Fach »Russisch« zu sprechen, und umgekehrt.

Mit all diesen Übungen – Stockfechten, Ringen, kontrollierter Dialog, Seitenwechsel – kann es gelingen, Aggressionen vorzubeugen. Richtig streiten zu lernen ist der Weg zu einer kraftvollen, Frieden stiftenden Streitkultur, die den anderen Menschen in seiner Würde achtet.

Die Friedenspotenziale der Religionen entdecken

Blickt man unter dem Aspekt des Friedens auf die großen Religionen, wird man zunächst erschrecken, wie viel Unheil durch Glaubenskriege, Verfolgung Andersgläubiger usw. angerichtet wurde. Das kann aber auch die Frage aufwerfen, ob es eine Form von Religion gibt, die nur friedenstiftend wirkt. Es ist Zeit, dass die Religionen sich auf ihr Friedenspotenzial besinnen, das wir im Folgenden beispielhaft darstellen wollen.2

Mahatma Gandhi fand in der Hindu-Religion die Quelle für seinen Friedensimpuls. Seine Methode waren bekanntlich Gewaltfreiheit und passiver Widerstand (ziviler Ungehorsam). Seinen Ehrennamen »Mahatma« (große Seele) erhielt er wegen seiner geistigen Kraft und Ausstrahlung, seiner Liebe zur göttlichen Wahrheit.

Gandhi wurde wegen Aufwiegelung gegen die Kolonialmacht angeklagt. Er hielt selbst seine Verteidigungsrede. Darin bat er, ihn streng nach dem Gesetz zu verurteilen. Er sei sich bewusst, dass er im Sinne des britischen Gesetzes ein Verbrecher sei.

Der Richter dankte Gandhi, denn durch seine Rede habe er die Rechtmäßigkeit des Urteilsspruches selbst bestätigt. Er fügte aber hinzu, dass ihm dies persönlich schwerfalle, denn die Inder sähen Gandhi als einen Heiligen an, der sich den höchsten Idealen der Menschheit verpflichtet habe. »Ich verurteile Sie in Bewunderung Ihrer Taten, aber ich muss Sie verurteilen.«

Das Urteil lautete auf sechs Jahre schwere Kerkerhaft. Zwei Welten standen sich gegenüber: Das äußere Gesetz der Kolonialregierung und die von Gandhi erlebte Pflicht gegenüber der Menschheit. Dieselbe Tat: Für die einen ein großes Verbrechen, für die anderen ein Dienst an der Menschheit unter Einsatz des Lebens. Der historische Abstand erleichtert es uns, Gandhi als Vertreter einer höheren Wahrheit zu erkennen. Wie aber erkennen wir heute, auf welcher Seite die Wahrheit steht?

Die Fähigkeit, sich friedlich zur Welt, auch zu seinen Gegnern zu verhalten, beruht nach Gandhi auf fünf Säulen, die innerlich zusammengehören: Respekt, Verständnis, Akzeptanz, Wertschätzung und Mitgefühl. In der Übung dieser Seelenqualitäten entwickelt sich Friedfertigkeit.

Respekt zeige ich vor Personen, die mir »Respekt einflößen«. Bei Gandhi steigerte sich diese Haltung aber zum Respekt vor jedem Menschen, besonders gegenüber den »Parias«, der untersten Schicht der indischen Bevölkerung. Er begegnete jedem, gleich welcher Kaste er angehörte, mit einem tiefen Respekt – und man respektierte ihn, bis er von einem Fanatiker seiner eigenen Religion umgebracht wurde.

Verständnis muss ich aktiv aufbringen. Oft erscheint uns ein Mensch in seinem Verhalten vielleicht unverständlich. Lerne ich aber seine Biografie näher kennen, beginne ich, Verständnis für ihn zu entwickeln. Ein unter Umständen langwieriger Prozess!

Die Kraft zur Akzeptanz, zum wirklichen Annehmen des anderen, setzt schon eine gewisse seelische Reife voraus. Wie oft lehnen wir ab, was uns fremd und ungewohnt ist. Jugendliche z.B. provozieren gerne auf verschiedenste Weise, um zu prüfen, ob sie trotzdem angenommen werden! Jeder Mensch möchte angenommen werden, so wie er ist.

Eine noch höhere seelische Fähigkeit scheint mir echte Wertschätzung zu sein. Dafür muss ich mich tiefer mit der Eigenart des anderen befassen, seine Qualitäten suchen, erkennen und anerkennen. Wertschätzung ist eine soziale Wohltat. Denn der andere fühlt sich als individueller Mensch mit all seinen Möglichkeiten und Schwächen gewürdigt.

Mitgefühl schließlich – nach Gandhi die fünfte Säule der Friedensfähigkeit – schöpft seine innere Fülle aus den vier vorangehenden Tugenden: Mitgefühl geht in Liebe über. Mitgefühl und Liebe sind diejenigen Qualitäten, die wir besonders mit dem Buddhismus verbinden. Bei Gandhi werden sie zur Seele des gewaltlosen Widerstandes.

Auch im Judentum steckt ein tiefes Friedenspotenzial. Der gebräuchliche tägliche Gruß ist »Shalom«. Vielen mag es im Alltag gar nicht mehr bewusst sein, dass dies »Friede« bedeutet. Wie oft wird täglich in Israel – wenn man den Gruß wörtlich ernst nimmt – Friede gewünscht. Möge diese Begrüßungsformel doch ihre innere Kraft entfalten, gerade da, wo die politische Wirklichkeit voller Unfrieden ist ... Das traditionelle jüdische Morgengebet spricht davon, dass der Friede letztlich von Gott kommt, dass er uns »von oben« geschenkt wird: »Preiset den Ewigen, der gepriesen in Ewigkeit! Gepriesen seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, Former des Lichtes und Schöpfer der Dunkelheit, den Frieden hast Du gemacht und alles erschaffen voll Licht ...«

Auf dem Norddeutschen Kurzfilmfest am 22. August 2021 wurde der Film »Was bedeutet dir der Islam?« gezeigt. Gedreht wurde er von Klaus Weller mit Jugendlichen in Hamburg.3 In diesem Film werden Menschen interviewt, die in Hamburg leben, und aus islamischen Ländern kommen. Er zeigt, wie diese Religion im einzelnen Menschen lebt. Dies wahrzunehmen, scheint mir wichtig und notwendig zu sein in unserer Zeit, um den gelebten Islam in Millionen von Gläubigen vom Islamismus zu unterscheiden, der in keiner Weise beschönigt werden soll.

Hier die Statements:

  • »Der Islam ist eine tolerante Religion, bedeutet Frieden.«
  • »Islam bedeutet Freundschaft und Frieden.«
  • »Der Islam lässt mich bescheiden sein und an Gott glauben.«
  • »Der Islam hält alle Menschen zum Zusammenhalt an.«
  • »Der Islam lässt mich standhaft im Leben bleiben, gibt mir Motivation und Kraft.«
  • »Die Menschen denken manchmal, wenn jemand einen Fehler macht, gehört es zum Islam. Aber es gehört zum Menschen. Jeder ist selbst verantwortlich für seine Tat.«

Was empfinden wir, wenn wir solche Bekenntnisse hören? Besser noch, man schaut den Film (4 Min.) selbst an und sieht die Gesichter der Menschen dazu. Diese Statements klingen für mich alle sehr authentisch und dokumentieren gelebte Religion.

Im März 2021 besuchte Papst Franziskus das irakische Mossul. Hier gedachte er Abertausender, die im Namen der Religion vertrieben oder getötet wurden, insbesondere der Jesiden. Weiter besuchte er die Stadt Ur im Südirak, die von Juden, Christen und Muslimen als Heimat Abrahams angesehen wird.

Franziskus forderte in seiner Ansprache alle Religionen auf, wieder wie Abraham zum Himmel aufzuschauen, denn Versöhnung beginne mit dem gemeinsamen Aufblick zum Himmel. »Lassen wir nicht zu, dass das Licht des Himmels von den Wolken des Hasses verdeckt wird!« Denn der Weg, den der Himmel uns weise, sei der Weg des Friedens. Dieser Friedensweg beginne mit dem Verzicht darauf, Feinde zu haben. »Wer den Mut hat, die Sterne zu betrachten, der hat keine Feinde.«

Der Papst plädierte dafür, dass Gewissens- und Religionsfreiheit in allen Religionen respektiert werden. Denn dieses Grundrecht »macht den Menschen frei, den Himmel zu betrachten, für den er geschaffen wurde«.

Der Aufblick zu den Sternen – so können wir ergänzen – erinnert den Menschen an seine geistige Herkunft, an die göttliche Herkunft aller Menschen.

Der Papst beendete seine Ansprache mit einem Vergleich: Der Aufblick zu den Sternen sei »der wirksamste Impfstoff für ein friedliches Morgen«. Beim Lesen dieser Ansprache kam mir der Gedanke: Über jedem Menschen leuchtet ein Stern, sein Stern. Wenn wir darauf unseren Blick lenken, wird sich die Welt ändern.

In einer Welt, die sich selbst zu vernichten droht, ist Friedenserziehung »systemrelevant«. Mich selbst begleitet in diesem Zusammenhang seit Jahren ein Text, den ich – etwas gekürzt – an den Schluss stellen möchte.

Er wird einem Menschen zugeschrieben, der als Adliger geboren wurde, dann aber sein Leben radikal geändert hat und »wandelnder Friede« wurde: Franz von Assisi. Seinem Friedensgebet liegt die Überzeugung zugrunde, dass wir Hilfe »von oben« brauchen, um auf Erden Frieden zu schaffen. Er bittet darum, ein Werkzeug dieses höheren Friedens mitten in der äußeren Welt zu werden. Die Zustände die des Friedens entbehren, stehen ihm klar vor Augen:

»O Herr,
mach mich zu einem Werkzeug Deines Friedens:
dass ich Liebe übe, wo man sich hasst,
dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt,
dass ich verbinde, da wo Streit ist,
dass ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum herrscht,
dass ich den Glauben bringe, wo der Zweifel drückt,
dass ich die Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält,
dass ich Freude mache, wo der Kummer wohnt,
dass ich Dein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert.«

Werkzeug eines solchen höheren Friedens kann aber nur werden, wer – um mit Goethe zu sprechen – bereit ist, zu entsagen:

»Ach Herr, lass Du mich trachten:
Nicht dass ich getröstet werde, sondern dass ich
andere tröste, nicht dass ich verstanden werde, sondern
dass ich andere verstehe, nicht dass ich geliebt werde,
sondern dass ich andere liebe.«

... zum Beispiel die Kinder!

Man könnte angesichts der Weltlage darüber verzweifeln, wie weit der Weg zum Frieden ist. Aber jeder Schritt auf diesem Weg bringt Licht in die Welt. Eine Erziehung zum Frieden muss sich davon leiten lassen, dass auf diesem Weg auch Gedanken und Gefühle wirksam sind.

Zum Autor: Dr. Günther Dellbrügger, Pfarrer der Christengemeinschaft i. R.

Anmerkungen: 1. https://www.youtube.com/watch?v=Ez67WPw0Jv8 | 2. Vgl. Albert Schmelzer, Die Weltreligionen, Vielfalt und Zusammenklang, Stuttgart 2021. | 3. www.jugendfilm-ev.de

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