Fröhliche Wissenschaft

Von Philip Kovce, Oktober 2019

Wer an Lehrbücher denkt, der denkt vielleicht an bunte Bilder oder graphisch aufbereitetes Wissen. Bestenfalls denkt er an einfache, verständliche Erklärungen komplizierter, differenzierter Phänomene.

Woran man jedoch eigentlich nicht denkt, wenn man an Lehrbücher denkt, das sind Poesie und Philosophie. Doch genau darauf stößt man, wenn man die »Wirtschaftskunde« Reinhard Ulrichs – Herausgeber der »barfuss-Zeitung« – aufschlägt, die er zusammen mit »Erika« (seiner Schreibmaschine) verfasst hat.

Das Buch gewordene Schreibmaschinentyposkript weist weder bunte Bilder noch Zahlen-Daten-Fakten-Diagramme auf, und es dient einem auch nicht mit wohlgemeinten Simplifizierungen. Im Gegenteil: Es nimmt die Welt, in diesem Fall die Wirtschaftswelt, so komplex, wie sie ist, indem es ihr nicht mit irgendwelchen erklärenden Modellen oder Theorien zu Leibe rückt, sondern versucht, sie in ihrer wirklichen Komplexität poetisch zu beschreiben und philosophisch zu verstehen.

Arbeit, Macht, Freiheit, Einkommen, Eigentum – auf diese und noch viele weitere Begriffe kommt Ulrich dabei zu sprechen. Wobei der jeweilige Begriff, auf den er bestimmte Phänomene bringt, nicht einer lexikalischen Ordnung folgt, sondern sich dynamisch aus dem immer wieder neuen Nachvollzug wirtschaftlicher Realitäten ergibt. Dass Arbeit heutzutage nicht für einen selber, sondern eigentlich immer Arbeit für andere ist; dass Demokratie eigentlich keine Frage der Macht, sondern eine Frage der Schönheit ist; dass Freiheit nur aus Freiheit heraus entstehen kann; dass Einkommen ein Menschenrecht und Geld dementsprechend gar kein Wirtschaftswert ist; dass Unternehmen ihrem Wesen nach unverkäuflich sind, ja, dass die gesamte Menschheit im Grunde genommen ein Unternehmen (und zwar ein gesamtkünstlerisches) bildet – dies und noch vieles mehr lässt sich lernen, wenn man mit Ulrich lernt, die Wirklichkeit wirklich ernst zu nehmen.

Ulrich vermeidet damit den Kardinalfehler aller theoretischer Kopfgeburten, die sich für die Lösung von Problemen verantwortlich fühlen, deren Urheber sie selber sind. Wer beispielsweise meint, er müsse noch besser kalkulieren, wie sich Mensch und Tier gewinnbringend ausnutzen lassen, der hat längst vergessen, dass sein Ansatz das eigentliche Problem ist, insofern es in der Wirtschaft gar nicht um Gewinn, sondern um Sinn geht (und zwar nicht im moralischen Sinne als Forderung, sondern im empirischen Sinne als Tatsache).

Freigegeben ist die »Wirtschaftskunde« bis 17 Jahre. Darüber darf sich jeder freuen, der noch keine 18 ist. Darf man sie auch lesen, wenn man älter ist? Ja, aber nur dann, wenn man bereit sich, sich von der Lektüre verjüngen zu lassen. Ich habe die »Wirtschaftskunde« übrigens wie das Skript eines hintersinnig-humorvollen Kabarettprogramms gelesen. Es handelt sich schließlich um ein gutes Stück fröhlicher Wissenschaft.

Und wie es nur bei wirklich gutem Kabarett der Fall ist, bemerkte ich immer wieder: Es ist ja eigentlich meine Erkenntnis, auf die ich da von anderen aufmerksam gemacht werde. Es ist ja eigentlich meine Stimme, die durch Ulrich zu mir spricht, wenn ich seine »Wirtschaftskunde« lese. In diesem Sinne wünsche ich jedem Leser dieses Buches ein anregendes Selbstgespräch.

Reinhard Ulrich: Wirtschaftskunde (Sozialkunde). Freigegeben bis 17 Jahre, brosch., 94 S., EUR 10,–, FIU-Verlag, Achberg 2019

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