175 Jahre Kindergarten

Von Hansjörg Hofrichter, Dezember 2015

Vor 175 Jahren, auf einer Wanderung im Frühling 1840, kam dem 57 Jahre alten Friedrich Fröbel die Eingebung zu dem lange gesuchten Namen für sein Projekt: Kindergarten.

Foto: © Charlotte Fischer

Dieses deutsche Wort fand unübersetzt Eingang in fast alle Kultursprachen und erfährt derzeit lediglich in der Muttersprache Angriffe durch neudeutsche Ersatzbegriffe wie Vorschule, Kinderladen oder Kita.

Wer war dieser Friedrich Fröbel und wie entstand der erste Kindergarten? Fröbel wurde 1782 in Oberweißbach (Thüringen) als sechstes Kind eines Pfarrers geboren. Neun Monate nach seiner Geburt starb die Mutter. Als Kind litt er unter der Strenge des Vaters und empfand Einsamkeit, aus der heraus er Zuflucht in der Natur suchte: im Garten mit den vielen Blumen und Bäumen.

Er entwickelte sich zu einem unruhigen, vielseitigen Geist: Försterlehre, Feldmesser, Hauslehrer, Erzieher, Gründer eines Internats, Mineraloge sind Stationen, die zu seiner Biografie gehören. Seine Teilnahme an den napoleonischen Kriegen als Lützowscher Jäger weist auf sein Revoluzzertum hin. In seinen Träumen aber lebte er bei den Kindern. Als Reformpädagoge ging es ihm um die Welt der Kleinen, lange bevor das »Jahrhundert des Kindes« ausgerufen wurde. Die Vision eines paradiesischen Gartens, eines Abbildes des Gartens Eden, war die Utopie, aus der er schöpfte. Damit stand er im Gegensatz zu dem seinerzeit angesagten Drill in den sogenannten »Kinderbewahranstalten«. 1851 werden die bereits zahlreich bestehenden Kindergärten in Preußen »wegen atheistischer Tendenzen« verboten.

Doch der Zug der Zeit war nicht aufzuhalten: Nach neun Jahren wurde das Verbot aufgehoben. Im Kindergarten war Platz für die Welt der Kleinen. Viele Kindergedichte und Lieder entstanden, die noch heute populär sind. Auch Fröbel dichtete und komponierte (»Backe, backe Kuchen«, »Häschen in der Grube«), allein 100 Lieder zum Spielen mit dem Ball. Das von Fröbel »erfundene« Spielmaterial, Kugel (Ball), Zylinder (Walze) und die Bauklötzchen (Quader), sind noch heute in den Kinderzimmern zu finden.

Neben der Sinneserfahrung und Schulung ging es Fröbel aber um das freie Spiel, bei dem sich der »Homo ludens« entfalten und entwickeln konnte. Auf dieser Grundlage schrieb er sein Hauptwerk »Die Menschenerziehung«. Fröbels Ansatz, insbesondere sein idealistischer, visionärer Impuls, ist für die Weiterentwicklung der Einrichtungen im »Vorschulalter« wichtig, besteht doch im Zuge der Schaffung von Betreuungsplätzen die Gefahr, dass am Ende mechanisch programmierte und verplante Anstalten entstehen, denen die Vision von einem Garten Eden abhandengekommen ist.

Also: Raus aus der Kita und rein in den Kindergarten!

Zum Autor: Hansjörg Hofrichter ist Gründer der Waldorf- und der Astoria-Stiftung sowie Mitglied im Vorstand der Pädagogischen Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen.

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