Auf die Erde kommen III. Die ersten Lebensjahre

Von Erdmut J. Schädel, April 2010

Erbkrankheiten sind nicht als Schuld der Eltern anzusehen, sondern haben etwas mit dem Schicksal und der Aufgabe eines Menschen in seinem Leben zu tun.

Kleine Kinder ahmen nach, was wir ihnen vorahmen. Foto: Lou Bertalan

Zwei Ströme sind es, aus denen der Mensch hervorgeht: der Erbstrom, der bestimmt, welcher Familie wir angehören und welche Erbmerkmale wir tragen, und ein geistiger Strom, aus dem heraus das geistige Wesen und die Seele des Menschen geboren wird. Die einzigartige Individualität eines Menschen hat etwas mit der göttlichen Welt zu tun, aus der wir stammen. Dabei können auch körperliche und geistige Behinderungen auftreten, die sich aber nur wie ein Schleier vor die eigentliche, im innersten Kern gesunde Wesenheit des Menschen legen.

Begabungen, Gesundheit und Krankheit sind nicht vererbt

Begabungen und eine gute Gesundheit sind ebenso wenig auf den Vererbungsstrom zurückzuführen wie Krankheit oder Behinderung. Selbst nachgewiesene Erbkrankheiten sind nicht als Schuld der Eltern oder Vorfahren anzusehen, sondern haben etwas mit dem besonderen Schicksal, der besonderen Aufgabe eines Menschen in seinem Leben zu tun. In diesem Sinne sind auch alle Krankheiten, die im Kindesalter auftreten, als Entwicklungskrankheiten anzusehen und nicht als eine »Betriebsstörung«, die es so rasch als möglich zu beseitigen gilt.

Alle Bestrebungen, an Erbmarkmalen herumzumanipulieren – Gentechnologie, Klonen, Eingriffe in die menschliche Keimbahn –, gehen von einem Machbarkeitswahn aus und berücksichtigen nicht, dass sich ein Kind nur entwickelt, wenn es Widerstände überwindet und nicht, wenn man diese Widerstände eliminiert. Dies gilt sowohl im körperlichen Bereich, zum Beispiel in der Überwindung von Krankheiten, als auch im seelischen Bereich, indem ein Kind lernt, sich in die sozialen Verhältnisse seiner Umgebung einzuleben. Erst die Frage nach der eigentlichen »Sinnhaftigkeit« des Lebens, die Viktor E. Frankl gestellt hat, kann ein Verständnis dafür wecken, dass das Glück des Menschen nicht in äußeren, materiellen Werten liegt, und nach eigenem Gutdünken manipulierbar ist, sondern dass es an Widerständen wächst und der eigenen Entwicklung und Sinnfindung in der Zukunft dient.

Vererbung und Individualität ringen miteinander

Vor allem in den ersten Kindheitheitsjahren ringen das aus der geistigen Welt entspringende Wesen des Menschen und die von Generation zu Generation weiterwirkende Vererbung miteinander. Erst allmählich vereinigen sie sich zu einer gemeinsamen »Lebensströmung«, die das individuelle Leben des Menschen ausmacht. In dieser Zeit geschieht außerordentlich viel, vielleicht mehr als in jeder anderen Lebensphase des Menschen. So kann man nur mit größter Hochachtung auf die Entwicklung des kleinen Kindes hinschauen und bewundern, mit welcher Geduld und Ausdauer es sich zu einem handelnden, fühlenden und denkenden Wesen heranbildet.

»Kindheit« ist ein qualitativer Begriff

»Kindheit bedeutet nicht nur die Zeitspanne zwischen Geburt und Erwachsenwerden«, schreibt die UNICEF-Direktorin Carol Bellamy zur Situation der Kinder in der Welt 2005, »vielmehr geht es um die Voraussetzungen und die Verhältnisse, unter denen Kinder geboren werden und bis zum 18. Lebensjahr aufwachsen. Kindheit ist ein qualitativer Begriff.« Heute, in einer Welt der Ausbeutung, sexueller Gewalt und kriegerischer Auseinandersetzungen, angesichts von Hunger, Armut und Krankheit, geht es darum, nicht allein die Entstehung eines Kindes in der Schwangerschaft unter Schutz zu stellen, sondern auch die Kindheit allgemein zu schützen. Dies beginnt mit der Schaffung von gesunden sozialen Verhältnissen, aber auch einer Pädagogik und Medizin, die den ganzen Menschen in seinem eigenständigen Wesen und Wollen im Auge haben.

Kleine Kinder ahmen nach, was wir ihnen »vormachen«

»Was in der Umgebung (eines Kindes) vorgeht, das ahmt es nach, und im Nachahmen gießen sich seine Organe in die Formen, die ihnen dann bleiben. Man muss die physische Umgebung nur in dem denkbar weitesten Sinne nehmen. Zu ihr gehört nicht etwa nur, was materiell um das Kind herum vorgeht, sondern alles, was sich in des Kindes Umgebung abspielt, was von seinen Sinnen wahrgenommen werden kann, was vom physischen Raum aus auf seine Geisteskräfte wirken kann.«

Dazu gehören »auch alle moralischen oder unmoralischen, alle gescheiten und törichten Handlungen, die es sehen kann«, so Rudolf Steiner in seinem Grundwerk »Die Erziehung des Kindes«.

In dieser Weise gestalten sich die ersten drei Jahre des Kindes, in denen es lernt, sich aufzurichten, zu gehen und zu sprechen – drei Grundvoraussetzungen für das menschliche Dasein. Die eigentliche Denk- und Vorstellungsfähigkeit kann sich erst auf dem Boden dieser erlernten Fähigkeiten entwickeln.

Mit dem aufrechten Gang entsteht das Bewusstsein

Wie von selber, als würde es einem geheimen Plan folgen, lernt das kleine Kind, sich im Raum fortzubewegen und über alle Sinne, die ihm zur Verfügung stehen, die nähere und weitere Umgebung wahrzunehmen. Das Interesse für den eigenen Körper und seine Möglichkeiten, sind die Motoren für die weitere seelische und geistige Entwicklung. Es ist eindrücklich, wie das kleine Kind dabei zunächst die eigenen Gliedmaßen entdeckt, wie es versucht, sich im Raum zu orientieren und schließlich gegen die Schwerkraft aufzurichten. Keinem Tier ist das vergönnt, darum ist der Mensch auch das einzige Lebewesen, das sich der Sprache bedienen kann. Es gehört ein besonderer Willensimpuls dazu, der mit der Bewusstseinsentwicklung des kleinen Kindes einhergeht. Erst wenn es sicher auf beiden Beinen steht und Gehen gelernt hat, beginnt es, seine Umgebung nicht nur vollständig wahrzunehmen, sondern auch mit Begriffen zu belegen und diese auch logisch miteinander zu verknüpfen. Dazu ist notwendig, dass es seine eigenen Erfahrungen machen kann, die der Welt und den Handlungsabläufen abgelesen sind. Sogar das eigene Wesen wird plötzlich als etwas erkannt, was nur zu einem selber gehört und mit »Ich« benannt wird. Dies ist ein bedeutsamer Erkenntnisschritt im Leben des Menschen, den man auch als Ich-Geburt bezeichnen kann. Ab diesem Zeitpunkt etwa bleibt auch die Erinnerung bestehen. Was davor liegt, fällt dem Vergessen anheim. Für die weitere Entwicklung des Menschen ist nun die vielleicht wesentlichste Grundlage geschaffen.

Nur die Kenntnis und die Einfühlung in die Dynamik der frühen Entwicklungsphasen des Kindes ermöglichen es uns, das Kind freilassend und vorbildhaft in seinen ersten Lebensäußerungen und Lebensschritten zu begleiten.

Zum Autor: Erdmut J. Schädel, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Heilpädagoge; als leitender Arzt an der Ita Wegman Klinik und am Kinderheim Sonnenhof in Arlesheim/Schweiz tätig.

Literatur: UNICEF. Zur Situation der Kinder in der Welt, Frankfurt 2005; Rudolf Steiner: Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft, Dornach 1978; Remo H. Largo: Babyjahre, München 2001; Viktor Frankl: Trotzdem Ja zum Leben sagen, München 2004

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