Bildung durch Bindung. Kindheitsforschung bestätigt die Waldorfpädagogik

Von Philipp Gelitz, März 2014

Die Bindungsforschung kennt die Bedingungen einer gesunden, sicheren Bindung zwischen Eltern, Erziehern und Kindern. Kinder müssen wahrgenommen, gesehen und gehört werden. Das heißt, wir müssen mit unseren Kindern »gemeinsam leben«, statt ihnen das Leben beizubringen.

Foto: Jana Hallms

Durch den Boom von Kinderkrippen in den letzten Jahren ist ein Teilgebiet der Psychologie – nämlich die Bindungsforschung – auch für Eltern, Pädagogen und Mediziner interessant geworden. Fragte man früher mehr im klinischen Zusammenhang bei gewissen psychischen Störungen nach den Bedingungen gelingender oder gestörter Bindungen zwischen Eltern und Kindern, so ist die Frage nach der Bindung heute von breitem pädagogischem Interesse: Wie entsteht Bindung? Welche verschiedenen Formen gibt es? Kann ein Mensch sich an mehrere Personen »anbinden«?

Bindungstypen

Der britische Kinderpsychiater John Bowlby gilt als Vater der Bindungstheorie. Er erforschte bereits seit den 1940er Jahren die Wirkung der familiären Muster auf die kindliche Entwicklung. Seither wurde sehr viel auf diesem Gebiet geforscht und unter anderem auch der sogenannte »Fremde Situation«-Test von Mary Ainsworth entwickelt. Mit ihm erkennt man bei zwölf bis 18 Monate alten Kindern den Bindungstypus. Hierbei ist die Hauptbezugsperson (meistens die Mutter) mit ihrem Kind und einer fremden Person in einem Zimmer mit Spielmaterialien. Nach einiger Zeit, wenn das Kind spielt, verlässt die Hauptbezugsperson den Raum. Was danach geschieht, zeigt das Bindungsmuster des Kindes an. In der Hauptsache werden vier Typen unterschieden.

1. Das sicher gebundene Kind, das der Bezugsperson lange nachtrauert, sich letztlich aber trösten lässt und bei der Rückkehr der Bezugsperson ihr freudig entgegengeht. Dieses Kind ist sich sicher, dass im Umfeld der Hauptbezugsperson immer alles gut ist. Es fühlt sich grundsätzlich wahrgenommen und geborgen.

2. Das unsicher-vermeidend gebundene Kind, das sich sowohl unbeeindruckt zeigt, wenn die Bezugsperson den Raum verlässt, als auch wenn sie wiederkommt. Innerlich ist dieses Kind aber sehr aufgewühlt. Es fühlt sich wenig angenommen, beschäftigt sich mit sich selbst und vermeidet Kontakt, um sich Stresserlebnisse zu ersparen.

3. Das unsicher-ambivalent gebundene Kind, das stark verunsichert ist, sich nicht beruhigen lässt und bei der Rückkehr der Bezugsperson anhängliches und aggressiv- abweisendes Verhalten abwechselnd zeigt. Es fühlt sich grundsätzlich unsicher, weil es nie weiß, was kommt.

4. Das desorganisiert/desorientiert gebundene Kind, das vollkommen desorientiert wirkt und keine Bindung zu einer bestimmten Person erkennen lässt. Es zeigt Stereotypen in den Bewegungen oder bewegt sich kurz gar nicht mehr oder aber zeigt andere zwanghafte Verhaltensweisen.

Interaktion entscheidend

Die Bindungsforschung untersucht aber nicht nur, wie ein Kind zu seinen Eltern oder Bezugspersonen gebunden ist, sondern erforscht auch die Bedingungen, die zu einer sicheren oder unsicheren Bindung führen. Nach heutigem Kenntnisstand sind besonders folgende Faktoren für eine sichere Bindung entscheidend:

  • Ist die Bezugsperson feinfühlig für die Bedürfnisse des Kindes? »Sieht« sie es oder verwechselt sie seine Bedürfnisse mit ihren eigenen?
  • Ist sie immer zuverlässig und verfügbar?
  • Sind ihre Reaktionen verlässlich?
  • Interpretiert sie undifferenzierte Äußerungen wie zum Beispiel Schreien meistens richtig?

Die Interaktion zwischen der Hauptbezugsperson und dem Kind entscheidet über die Möglichkeiten des Kindes zur Exploration, das heißt, zur spielenden Erforschung der Umwelt. Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl sowie eine geeignete situative Anpassung entstehen durch Wahrgenommen-Werden, Akzeptanz und angemessene Beantwortung – kurz gesagt: durch elterliche Wärme.

Ist die Interaktion etwa davon geprägt, dass die Reaktionen des Erwachsenen unberechenbar sind und er selbst ein ambivalentes Verhältnis zum Kind hat, so entsteht ein unsicher-ambivalentes Bindungsmuster. Das Kind weiß nie genau, woran es ist. Und geht die Interaktion meistens so vonstatten, dass der Erwachsene das Kind nicht innerlich freundlich annimmt und es sieht, sondern sich selbst innerlich gegenüber dem Kind behaupten muss, so entsteht ein unsicher-vermeidendes Bindungsmuster. Das Kind ist dann hochgradig gestresst und beschäftigt sich mit sich selbst oder mit seiner Umgebung. Aber es erkundet nicht von einer sicheren Basis aus die Welt, sondern als Kompen­sation, weil es im Bindungsaufbau resigniert hat.

Sekundäre Bindungen

Jedes Kind braucht aber eine Hauptbezugsperson, die ab den ersten Lebenstagen für das Kind da ist, – dies muss nicht die Mutter sein. – Es kann dann immer auch weitere Bindungen, zum Beispiel zum Vater, zu Geschwistern oder Erziehern aufbauen. Geschieht dies über die Familie »natürlich«, so entstehen diese weiteren primären Bindungen durch die Nähe fast von alleine. Geschieht dies »kultürlich« über den Wunsch der Eltern nach Krippenbetreuung, so stellt das hohe Anforderungen an Eltern und Erzieher im Hinblick auf den behutsamen Bindungsaufbau zu einem »neuen« Menschen. Dieser ist dann eine sekundäre Bindungsperson. Besonders spannend wird dieser Aspekt, wenn man bedenkt, dass spätere Beziehungen zu Freunden, Partnern und vor allem zu den eigenen Kindern maßgeblich von den Bindungserfahrungen der ersten Lebensjahre beeinflusst werden.

Zwischenmenschliche Dynamik

Auf zwei Entdeckungen soll hier nun kurz eingegangen werden. Die erste ist die Entdeckung, dass das menschliche Verhalten viel weniger über die Gene entschieden wird als noch vor ein paar Jahren angenommen. Vielmehr ist es eine sich dynamisch entwickelnde Interaktion zwischen Erwachsenem und Kind, die in den ersten achtzehn Lebensmonaten ein Bindungsmuster hervorruft. Je angenommener und verstandener sich das Kind fühlt, desto sicherer ist sein Selbst- und Weltempfinden. Je unverstandener und falsch wahrgenommener es sich fühlt oder je unzuverlässiger auf seine Äußerungen reagiert wird, desto unsicherer fühlt sich das Kind in jeder Hinsicht. Es kann dann kaum die Welt erkunden, weil es permanenten Stress hat, sich seiner sicheren Anbindung an die Welt zu vergewissern.

Auf die Wärme der Beziehung kommt es an

Die zweite Entdeckung ist, dass Erwachsene und Kinder gemeinsam leben müssen, sich gegenseitig wahrnehmen müssen, sich berühren, sich sehen, sich hören müssen. Dies ist die Grundvoraussetzung für ein Leben mit Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl. Auf die Beziehung kommt es zunächst an, auf Akzeptanz und elterliche Wärme, nicht auf Bildungsinhalte und Erziehungskonventionen. Diese sind immer sekundär. Ohne ein gemeinsames warmes Miteinander-Leben ist kein Erziehen oder Lehren möglich, weil erst die sichere Bindung aufnahmefähig macht. Wer in der Beziehung zu Eltern, Erziehern oder Lehrern unsicher ist, muss notgedrungen sein Bindungsverhalten aktivieren, weil dies neurobiologisch immer primär gegenüber Erkundungs- und Lernverhalten ist. Bindungsstress heißt, Hormonausschüttungen zu haben, die das Erforschen der Umwelt sowie das Lernen behindern. Erst kommt die Bindung, dann die Bildung!

Bindungstheorie und Waldorfpädagogik

In der Waldorfpädagogik wird gerne von der Hülle um das Kind gesprochen. Wie der Mutterleib das Ungeborene umhüllt, so die ätherische Hülle das Vorschulkind, das durch Gewohnheiten und gemeinsames Miteinander-Leben vor den seelischen Anforderungen des expliziten Lernens, der seelischen Attraktionen und den äußeren Anforderungen geschützt wird. In den Jahren bis zur Pubertät ist das Kind in der astralen Hülle geborgen, die es noch von dem kritischen Urteil fernhält. Bis zur Mündigkeit ist die freie Tätigkeit des Ich, das sich selbst verwirklichende Handeln aus dem eigenen Lebensmotiv heraus, von letzten seelischen Schleiern umhüllt. Die Hüllen altersentsprechend zu berücksichtigen, ist eine pädagogische Aufgabe. Es gilt, das Kind vor schädlichen Verfrühungen und Überforderungen zu schützen.

Wenn nun die Bindungstheorie nahelegt, dass die Umgebung des kleinen Kindes feinfühlig, zuverlässig und verfügbar sein muss, dann entspricht dies dem waldorfpädagogischen Ansatz, die ätherische Hülle des kleinen Kindes zu pflegen. Die Gewohnheitsbildung durch rhythmische Tagesabläufe und Rituale sowie die feinfühlige Wahrnehmung des Kindes durch den Erwachsenen sind beides Elemente des Ätherischen, des Lebendigen. Auch wenn wir die Wahrnehmung normalerweise entweder als seelische Fähigkeit oder aber als bloß physische Rezeption beschreiben, so liegt ihr doch immer auch eine sinnlich nicht wahrnehmbare Lebenssphäre zugrunde. Dazu Rudolf Steiner in der »Allgemeinen Menschenkunde«: »Wenn Sie zum Beispiel ein Stück Kreide anfassen, so ist dies ein physischer Vorgang ganz ähnlich dem geistigen Vorgange, der sich abspielt, indem Sie die Ätherkräfte aus Ihrem Auge senden, um den Gegenstand im Sehen zu erfassen.« Diese »Fangarme« (Steiner) seien aber mit sinnlichen Mitteln nicht zu erkennen. Das Ansehen der Dinge sei in feinerer Weise ganz ähnlich dem physischen Anfassen. »Was für die Sinnesempfindungen am Auge und Ohr überall wichtig ist, das ist nicht so sehr das Passive; es ist das Aktive, das, was wir willentlich den Dingen entgegenbringen.«

Anthroposophisches Verständnis von Bindung

Der Aufbau einer Bindung ist vom anthroposophischen Gesichtspunkt aus die aktive Einhüllung des Kindes in die ätherische Wahrnehmungstätigkeit des Erwachsenen. Es kommt dabei weniger in Betracht, wie lange oder wie genau ich das Kind anschaue, es beobachte, ihm zuhöre oder seine Äußerungen moralisch beurteile, sondern wie ich qualitativ das Kind wahrnehme. Es kommt darauf an, dass ich für-wahr-nehme, wie es ist, und dass ich es durch meine aktive Wahrnehmungstätigkeit, durch meine Anteilnahme, meine Akzeptanz und meinen Verständniswillen trage. Das spürt das Kind, weil sich dann seine Wahrnehmungstätigkeit und meine Wahrnehmungstätigkeit kreuzen. Das Kind ist eben nicht das Objekt, wie das zuvor zitierte Stück Kreide, das ich als Subjekt anfasse. Vielmehr begegnen sich zwei Subjekte, der Erwachsene und das Kind, im unsichtbaren Zwischenraum des gegenseitigen Wahrnehmens. Es kreuzen, es begegnen sich eben nicht nur Blicke, sondern lebendige Tätigkeiten. Dies ist ein übersinnlicher Vorgang in der Sphäre des Lebendigen, der dann seinen Abdruck findet in der sicheren oder unsicheren Bindung des Kindes an seine Hauptbezugspersonen. Der permanente Blick aufs Handy zerschneidet diesen Beziehungsraum. Die neurobiologisch nachweisbare Bindungssicherheit (oder aber eben der Bindungsstress) hat ihren Ursprung in der Begegnung der ätherischen »Fangarme« der Wahrnehmungstätigkeit der zwölf Sinne des Erwachsenen und des Kindes. Da das kleine Kind ausschließlich über die Nachahmung die Welt kennenlernt, bestimmt die Wahrnehmungstätigkeit des Erwachsenen die Wahrnehmungsmöglichkeiten des Kindes. Das Kind kommt sowohl über die Wahrnehmung als auch über die Nachahmung einer liebevollen, angstfreien und zielgerichteten Wahrnehmungstätigkeit des Erwachsenen zu dem Urvertrauen: Die Welt ist gut, ich bin geborgen, und ich kann von diesem sicheren Hafen aus die Welt erkunden. Dabei kommt der gegenseitigen Berührung, also dem Tasten, im ersten Lebensjahr eine zentrale Bedeutung zu. Zusammen mit einem gemeinsamen Lebensrhythmus wird so über die Begegnung im Tasten, Sehen, Hören ein gemeinsames ätherisches Kleid gewoben. Diese Erkenntnis kann den Eltern helfen, ihr Kind aktiver in die eigene Wahrnehmung einzuhüllen, und hilft den Pädagogen in Krippe, Kindergarten, Hort und Schule zu verstehen, wie sich eine neue (sekundäre) Bindung überhaupt aufbauen lässt: nämlich über gemeinsames Miteinander-Leben und Gegenseitig-Wahrnehmen.

Da liegt der eigentliche Sinn von langen Eingewöhnungszeiten in Krippen und Kindergärten. Diese Eingewöhnung ist aber keine Einbahnstraße mit Aktivität und Anpassungsleistung beim Kind, sondern eine gemeinsame, lebendige, auf die Gegenseitigkeit gerichtete Tätigkeit im ätherischen Zwischenraum zwischen Erzieher und Kind.

Zum Autor: Philipp Gelitz ist Kindergärtner im Waldorfkindergarten des Bildungshauses Freie Waldorfschule Kassel

Literatur:

Karin Grossmann/ Klaus E. Grossmann: Bindungen – das Gefüge psychischer Sicherheit, Stuttgart 2012

Eva Rass: Bindung und Sicherheit im Lebenslauf, Stuttgart 2011

Rudolf Steiner: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik, 3. Vortrag, GA 293, Dornach 1992

Kommentare

HighNeed Mama , 18.07.14 14:07

Hallo,
ein sehr interessanter Artikel. Es stellen sich mir jedoch mehrere Fragen.
Wenn das Kind erstmal nicht sicher gebunden ist, wie schafft man dann noch dies zu ändern?
Wie soll man in der heutigen Welt ohne Blick aufs Handy leben ohne sozial isoliert zu werden? Gerade die Online Elterncommunity ermöglicht und ersetzt den Austausch, den man früher untereinander im Dorf hatte.
Bisher habe ich auf dem Handy gelesen, wenn mein Kind gespielt hat und ich habe es weggelegt, wenn es ankam, um mir zB selbstgekochtes Essen zu bringen. Den ganzen Tag dem Kind beim Spielen zuzusehen ist für die meisten wahrscheinlich nicht soo spannend und ein paar Erledigungen im Haushalt müssen auch ab und zu sein.
Wie bekommt man den Spagat hin zwischen der Kommunikation mit der Onlinewelt und der Kommunikation mit dem Kind?

Jutta , 15.10.14 22:10

Das mit der Kreide und den Fangarmen verstehe ich nicht!

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