Bildung im Vorschulalter

Von Philipp Gelitz, Dezember 2013

Vor Beginn der Schulzeit beansprucht die leibliche Entwicklung alle Kraft. Dem muss die Pädagogik Rechnung tragen.

Am meisten lernen kleine Kinder aus primären Erfahrungen. Foto: © Lorenzo Ravagli

Ein Kind wird geboren und kann erst einmal fast gar nichts außer atmen. Es kann die Körpertemperatur nicht halten, es kann nichts, außer Muttermilch verdauen, es kann nicht gehen, nicht sprechen, nicht rechnen, nicht lesen, und es kann das Allermenschlichste nicht: denken! Trotzdem umweht jedes Neugeborene ein Zauber. Fast jeder beginnt sich in seiner Gegenwart vorsichtiger zu bewegen, leiser zu sprechen und auch die Gedanken sind in der Umgebung eines Säuglings weniger sorgenvoll.

Sieben Jahre später: Das Kind läuft auf Stelzen, springt Seil, schwimmt im kalten See und ist danach sofort wieder warm. Es kann alles essen, einwandfrei sprechen, ohne Mühe gedankliche Verknüpfungen erzeugen, erkennt Buchstaben wieder und beherrscht den Zahlenraum bis 20 (oft auch darüber hinaus). Kaum jemand kommt nun noch auf die Idee, auf Zehenspitzen ins Kinderzimmer zu gehen oder leise zu sprechen. Im Zusammenhang mit dem Kind treten freudige und sorgenvolle Gedanken gleichermaßen auf, und eine besondere Rücksichtnahme ist kaum noch auszumachen. Über die Jahre scheint etwas von der Peripherie in die Leiblichkeit einzuziehen. Das Kind ist besser und direkter ansprechbar. Die Persönlichkeit ist am Ende der Kindergartenzeit fest im Körper angekommen.

Das Kind lernt mit den Sinnen

Zwei große Themen beherrschen diese Zeit des ersten Jahr­siebts. Das erste ist die Erfahrung der Welt über die Sinne. Das Kind lernt die Welt zunächst ausschließlich über die sinnlichen Wahrnehmungen kennen. Niemand käme auf die Idee, einem Säugling mit Worten zu erklären, was rau und was glatt ist. Er wird es unmittelbar und unreflektiert durch Tasten und Lutschen erfahren. Um die Welt und den eigenen Körper kennenzulernen, ist es für das kleine Kind wesentlich, eine Vielfalt natürlicher Sinneserlebnisse zu haben. Tasten, Sehen, Riechen, Schmecken, Hören: All dies muss mannigfaltig und ohne intellektuelle Aufbereitung unmittelbar erfahren werden. Diese Sinneserlebnisse müssen allerdings bewusst gestaltet werden. Wenn die Farben in der Umgebung des Kindes nicht zu grell und die Tapeten nicht zu bunt sind, kann das Auge sich in Ruhe auf die Dinge der nächsten Umgebung einlassen. Wenn das Essen nicht zu exotisch ist, dann kann der Geschmack des einzelnen Gerichtes viel deutlicher wahrgenommen werden. Und wenn Holz, Wolle, Tannenzapfen, Sand und Steine die hauptsächlichen Materialien des Spiels sind, dann wird der Tastsinn in ganz anderer Weise angesprochen, als wenn Plastik und Metall – glatt und kühl – die Erfahrungswelt beherrschen. Gleiches gilt für Gerüche und Klänge: Parfüm und das Radio stören die ruhige Sinneswahrnehmung.

Neben diesen bekannten fünf Sinnen treten in den ersten Lebensjahren noch drei weitere Sinne mit ihren Erfahrungsfeldern auf, die hervorgehoben werden müssen.

Das ist zum einen der Lebenssinn, mit dem wir unser Wohlsein oder Unwohlsein, unseren Hunger und Durst wahrnehmen. Eine Umgebung, in der das eigene Befinden vom Kind artikuliert und von den Erwachsenen liebevoll wahrgenommen wird, ist hierfür vonnöten.

Das nächste ist die Wahrnehmung der Stellung der eigenen Glieder – der Eigenbewegungssinn. Hinfallen, aufstehen, sich stoßen, all das ist wichtig, um die Grenzen des Körpers überhaupt kennenzulernen. Wer das zulassen kann, tut den Kindern einen Gefallen.

Ein Weiteres ist der Gleichgewichtssinn. Unendlich üben die Kinder das Klettern und Balancieren: Gönnen wir ihnen diese Erlebnisse so oft wie möglich! Selbstsicherheit im eigenen Körper ist dann die Folge.

Mikrowelle und Tiefkühltruhe sind kontraproduktiv

Das zweite große Thema ist die Verankerung der Lebensprozesse im Körper. Atmung, Wärmung, Ernährung, Absonderung, Erhaltung, Wachstum und Hervorbringung – all dies muss sich erst mühsam in der Leiblichkeit verankern. Sie sind noch nicht autonom. Um den Körper immer kräftiger und unabhängiger von der pflegenden Umgebung werden zu lassen, brauchen die Lebensprozesse in den ersten Jahren einen Schutzraum.

Das heißt in der Praxis: Die Vitalfunktionen dürfen nicht überfordert werden. Das Kind braucht Verlässlichkeit und Rhythmus. Es sollte vor Schreckerlebnissen geschützt werden. – All dies wirkt gesundend auf die Atmung. Es braucht wärmende Kleidung, die die unzureichende Durchblutung unterstützt (vor allem Kopfbedeckungen).

Es braucht Vorbilder, die durch ihre Arbeit und Bewegung körperlich warm werden und sich seelisch für eine Sache erwärmen können. Es muss schonend an die verschiedenen Speisen herangeführt werden und es braucht regelmäßige Mahlzeiten, damit Nahrungsaufnahme und Ab­- sonderung in einen gesunden Rhythmus kommen. Nichts tun Kinder lieber, als mitkochen und mitbacken. Der Griff in die Mikrowelle oder Tiefkühltruhe ist nichts für Kinder. Ganz abgesehen von der schlechten Qualität fehlt dann die äußere vorbereitende Tätigkeit, die schon die Verdauung aktiviert!

Denken zieht Lebenskraft ab

Jeder von uns kennt das: Wenn wir krank sind, dann haben wir nicht genügend Kraft, um uns in gewohnter Art exakt zu erinnern oder komplizierte Gedanken zu meistern – wir sind dann auf unsere Leiblichkeit zurückgeworfen. In diesem Zustand befindet sich aber das kleine Kind. Seine Lebensfunktionen füllen es ganz aus.

Hier wird die Bedeutung der Pädagogik sichtbar. Lassen wir das Kind bei seinem Zueigenmachen der Lebensprozesse in Ruhe oder beanspruchen wir diese Kräfte ununterbrochen für die Entfaltung der Vorstellungstätigkeit? Es gehört zu den zentralen Erkenntnissen der anthroposophischen Menschenkunde, dass die Lebenskräfte, die unseren Körper durchwirken, dieselben Kräfte sind, mit denen wir uns etwas vorstellen, erinnern, denken – nur in verwandelter Wirkung. Und in dem Maße, in dem diese Denkkräfte bereits im Kindergartenalter beansprucht werden, in dem Maße fehlen sie bei der Durchgestaltung des Organismus in Atmung, Durchblutung und Ernährung – die Kinder werden kühl, blass und antriebsschwach. Ob Lebensprozesse sich gesund im Körper des Kindes einprägen, hängt nicht nur von rhythmischem Tagesablauf, von Wollpullovern und Bio-Essen ab, sondern in entscheidendem Maße vom Vermeiden intellektueller Überforderung.

Wie Vorbilder den kindlichen Organismus prägen

Aber wie lernt nun das Kind in den ersten sieben Jahren, wenn nicht über Erklärungen? Es lernt fast ausschließlich durch Vorbild und Nachahmung! Je jünger, desto deutlicher. Das Kind ahmt einfach nach. Man kann nur ahnen, welch ungeheure Verantwortung in den eigenen Gesten oder im eigenen Umgang mit Sprache liegt. Aber nicht nur das mehr äußerlich Wahrnehmbare, sondern auch die Art und Weise der Abläufe, die gewöhnliche Lebensführung, beeinflussen die Gestaltung des kindlichen Organismus: Unser Vorbild atmender, rhythmischer Gestaltung des Tages beeinflusst Atmung und Puls des Kindes. Unser Vorbild des inneren und äußeren Erwärmtseins für etwas bestimmt die Durchwärmung des kindlichen Organismus. Und unser Vorbild der inneren Verbindung und Auseinandersetzung mit einer Tätigkeit oder mit einem Thema beeinflusst die Verdauung des Kindes. All dies ist Hintergrund der täglichen Praxis in den Waldorfkindergärten. Neben der sorgfältigen Auswahl von Farben, Formen und Beschaffenheiten der räumlichen Umgebung und der Spielmaterialien zeichnet sie aus, dass der Tag immer rhythmisch gestaltet ist. Das heißt, nicht nur auf die Pflege der Sinne wird besonders geachtet, sondern auch auf die Qualität der Abläufe und Tätigkeiten. Der Atmung gleich wechseln sich Phasen des freien Spiels und Phasen der Einkehr bei Fingerspielen, Geschichten und gemeinsames Essen ab. Auch werden Tätigkeiten im äußeren Raum präsentiert, die gesundend auf den kindlichen Körper wirken, weil sie vom Kind nachgeahmt werden. Backen, Kochen und hauswirtschaftliche oder handwerkliche Arbeit (Durchwärmung), Putzen, Reparieren und Pflegen (Regeneration), alles wird als Arbeitsprozess vor und mit den Kindern erlebbar gemacht – und das alles so rhythmisch wie möglich (Atmung). Was als Arbeit im Äußeren wahrnehmbar ist, wirkt im kindlichen Organismus über die Nachahmung kräftigend auf die Lebensprozesse.

Was den Kern der Waldorfpädagogik im Kindergarten ausmacht

Sich den eigenen Körper und dessen Vitalfunktionen als leibliche Grundlage der seelisch-geistigen Entfaltung zu Eigen zu machen, ist das Ziel der Waldorfpädagogik im ersten Jahrsiebt. Und zwar deshalb, weil es nicht um das Erziehen zum treuen Staatsbürger geht, weil es nicht um das Erziehen zum Gewinner im Kapitalismus geht, sondern um die Erziehung zur Freiheit. In Freiheit und Eigenverantwortung – also auch unabhängig von Erwartungen – das Leben gestalten, kann aber nur derjenige, der seine Leiblichkeit in der frühen Kindheit gesund gestalten darf. Sonst läuft der Mensch Gefahr, zur Marionette unreflektierter Notwendigkeiten oder Erwartungen zu werden.

Wer aber vor der Schule ein gesundes Körperbewusstsein entwickeln durfte, der hat die leiblichen Voraussetzungen dafür, sich selbst zu verwirklichen und nicht ein abstraktes fremdbestimmtes Etwas.

Zum Autor: Philipp Gelitz ist Kindergärtner im Waldorfkindergarten des Bildungshauses Freie Waldorfschule Kassel

Kommentare

Jens , 06.12.13 21:12

Wieder einer dieser wunderbaren Artikel, derentwegen ich die "Erziehungskunst" so schätze. In wenigen Worten hat Philipp Gelitz dargestellt, was unsere Kinder stark macht und wie sie sich zu freien Charakteren entwickeln können. Weil sie sich ihrer selbst sicher sein können und in Ruhe und ihrer persönlichen Entwicklung entsprechend größer werden dürfen.

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen