»Das bisschen Wickeln kriegen wir auch noch hin.« Waldorfkrippen benötigen ein eigenständiges Konzept

Von Claudia Grah-Wittich, September 2013

Seit Anfang des 21. Jahrhunderts verbringen Kinder die für ihre Gesundheit und Biographie entscheidende Zeit – die ersten drei Jahre – nicht mehr nur in der Familie, sondern immer häufiger in pädagogischen Einrichtungen. Sind diese Einrichtungen für ihre verantwortungsvolle Aufgabe auch gewappnet?

@ Charlotte Fischer

In der Kleinkindpädagogik gibt es kaum menschenkundliche Erkenntnisse, aus denen sich ableiten lässt, wie in Krippen der in diesem Alter unbedingt nötige Schutzraum hergestellt werden kann. Die Zahl der Gruppen mit Kindern unter drei Jahren in Waldorfkindergärten wächst ständig und damit die vielfältigen Ansätze, mit dieser neuen Lage umzugehen. Auch Waldorfkrippen entstehen in erster Linie aus wirtschaftlichen Gründen: Vorstände und Kollegien haben die Befürchtung, dass dem Kindergarten der Nachwuchs verloren geht, wenn sie den interessierten Eltern keine Krippe anbieten. Und Eltern haben zunehmend das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn sie ihre Kinder nicht bereits kurz nach der Geburt in einer Einrichtung mit andern Kindern zusammenbringen.

Vor noch nicht allzu langer Zeit hatten Waldorfkindergärten Öffnungszeiten von 8 bis 12 Uhr und das Aufnahmealter lag bei vier Jahren. Verlängerte Öffnungszeiten bis in den Nachmittag hinein und die Aufnahme jüngerer Kinder sind dem gesellschaftlichen Wandel, dem erhöhten Bedarf berufstätiger Eltern und den vermehrt alleinerziehenden Elternteilen geschuldet. Das Kindergartenkonzept allerdings blieb im Großen und Ganzen dasselbe und wurde nicht an die neuen Gegebenheiten angepasst: Viele Kindergärten versäumten es, gleichzeitig mit diesen Veränderungen eine pädagogisch angemessene Lebenswelt auf der Basis der anthroposophischen Menschenkunde für die Ganztagsbetreuung zu konzipieren.

Diese Situation wurde dadurch verschärft, dass Kindergärten begannen, unter Dreijährige aufzunehmen – nach dem Motto: »Das bisschen Wickeln kriegen wir auch noch hin.« Andererseits wurden vielerorts für diese Altersgruppe ohne Konzept Krippen aus dem Boden gestampft. Zwar wurde der räumliche Rahmen geschaffen, den völlig neuen Anforderungen der Kleinkindbetreuung nachzukommen, aber was fehlt, ist ein Konzept, das auf dem inneren Verständnis dieses Alters gründet und der Tatsache Rechnung trägt, dass die Gruppensituation in den Einrichtungen sich völlig von den familiären Gegebenheiten unterscheidet, in die Kinder natürlicherweise eingebettet sind. Waldorfkrippen stehen vor der Herausforderung, neben der Alltagsbewältigung und Elternarbeit ihr jeweils eigenes Konzept zu entwickeln – was in vielen Fällen rein aus der Praxis nur schwer gelingt.

Der Tagesablauf, der auf über Dreijährige zugeschnitten ist, sollte deshalb auf keinen Fall auf die kleineren Kinder übertragen werden, da in den ersten drei Jahren grundsätzlich andere Bedingungen vorliegen.

Grundlagen zur Erarbeitung eines Krippenkonzepts

Kleinkind-Einrichtungen, die auf der Grundlage der Waldorfpädagogik arbeiten, müssen ihr Konzept für die institutionelle Betreuung von unter Dreijährigen aus der Menschenkunde und der Beobachtung der Entwicklung des kleinen Kindes ableiten. Es ist anzunehmen und wünschenswert, dass sich dann auch ergänzende Aspekte für den Waldorfkindergarten und den Übergang von der einen zur anderen Einrichtung ergeben.

Bei Rudolf Steiner und in der auf seinen Ausführungen fußenden Sekundärliteratur finden sich zahlreiche – allerdings auch weit verstreute – Angaben und Beschreibungen, die wichtige Hinweise auf die Bedeutung der ersten drei Jahre der menschlichen Entwicklung enthalten. Was das konkret für die räumliche, zeitliche und soziale Gestaltung des Alltags in den Betreuungseinrichtungen bedeutet, muss aber noch im Einzelnen ausgearbeitet werden.

Wesentlich für ein solches Konzept erscheint mir die Anregung Rudolf Steiners in der »Erziehung des Kindes«, »nicht Forderungen und Programme« aufzustellen, sondern »die Gesichtspunkte für die Erziehung« aus dem »Wesen des werdenden Menschen« abzulesen. Zu berücksichtigen sind auch die Forschungen der Psychologie und Neurologie, insbesondere die Ansätze der Bindungslehre sowie die vielfältigen Praxiserfahrungen und die Forschungen der Ärztin Emmi Pikler und ihrer Tochter Anna Tardos.

Der »Arbeitskreis kleines Kind« (AKK) innerhalb der Waldorfkindergarten-Vereinigung sowie die Arbeitszusammenhänge innerhalb der Medizinischen Sektion am Goetheanum zu Fragen der Prävention stellen sich seit einiger Zeit gezielt diesen Herausforderungen: Eigens für diesen Bereich sind bisher die »Leitlinien der Waldorf­pädagogik für die Kindheit von der Geburt bis zum 3. Lebensjahr« (3. Aufl. 2013 – auch auf Englisch) und der Band »Die Würde des kleinen Kindes – Was erhält das kleine Kind gesund?« (2012) erschienen. Bis Ende dieses Jahres sollen die menschenkundlichen Kriterien erarbeitet werden, die für Waldorfkrippen als grundsätzliche Orientierung bei der Erarbeitung eines auf ihre spezielle Einrichtung zugeschnittenen Konzeptes dienen sollen.

Zur Autorin: Claudia Grah-Wittich ist tätig in der Frühförderung, Elternberatung und in der Weiterbildung »Kinder neu sehen lernen« am hof in Niederursel.

Literatur: Rudolf Steiner: Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft (1907), GA 34, Dornach 1987 | Karl-Heinz Brisch u.a. (Hrsg.): Der Säugling – Bindung, Neurobiologie und Gene, Stuttgart 2008 | Emmi Pikler: Laßt mir Zeit, es selbst zu tun, München 1988

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