Das sphärische Ich des kleinen Kindes

Von Fabrizio Venturini, April 2015

Das Ich des kleinen Kindes entwickelt sich ganz aus dem Umkreis über das Bewegen und Aufrichten, Sprechen und Denken, bis es dann zu sich selbst »Ich« sagen lernt.

Foto: © Charlotte Fischer

Der Dreieinhalbjährige war mit seiner Oma allein im Haus. Die Oma schnippelte Gemüse, das Kind spielte hinterm Küchentisch auf der Bank. Vertieft in ihr Tun, bemerkte sie nach einiger Zeit eine ungewöhnliche Stille: Sie blickte um sich, das Kind war nicht mehr da! Die Türen zu den anderen Räumen standen offen, auch die zum großen Vorraum, wo allerlei Dinge abgestellt waren und von wo auch eine Türe zum Hof führte. Sie rief nach dem Kind  – keine Antwort! Sie lief von Raum zu Raum, wiederholte ihr Rufen – keine Antwort! War es möglich, dass es die Ausgangstür zum Hof geöffnet hatte? Von dort führte das große Tor, das manchmal offen stand, zur gefährlichen Straße hinaus. Die Tür war zu, aber trotzdem ging die Frau hinaus, rief draußen noch einmal – ohne Erfolg! Sie kehrte wieder zurück ins Haus.

Beim Eintreten bemerkte sie, dass in einer Ecke des Vorraums der dort zum Trocknen aufgespannte Regenschirm sich leicht bewegte. Tatsächlich fand sie das Kind darunter – kniend. »Aber Kind, warum antwortest du denn nicht, wenn ich dich rufe?« – »Ein Königspriester darf sich bei seiner Arbeit nicht unterbrechen lassen«, antwortete es. Jetzt sah sie erst genauer, dass sich das Kind zwei Tücher, ein blaues und ein rotes, über die Schulter gezogen und vor sich einen Altar aus Gemüsestücken auf einem Schemel aufgebaut hatte. Es war in sein Tun, eine Art Gebet, so ernsthaft vertieft, dass es für die äußere Welt kein Ohr mehr hatte.

Äußerlich betrachtet, könnte man sagen, das Kind spielte eine Rolle, aber in Wirklichkeit war seine Rolle in dem Moment sein Ich; sein Ich hatte sich in dieser Rolle ausgedrückt. Das Wort »Königspriester« war seine Eigenschöpfung – später hat es Theologie studiert. Das kleine Kind ist in der Gestalt, die es in seiner Phantasie gerade einnimmt, in der spielerischen Situation, in der Umgebung, in der es sich in seiner bildhaften Phantasie gerade befindet, ganz Ich. Das kindliche Ich ist ausgebreitet, mehr »draußen« als »drinnen«; es zieht eine Rolle, eine Umgebung, eine Situation an seinen Horizont heran. Man kann vom sphärischen Ich des kleinen Kindes sprechen. Willst du sein Ich erreichen, musst du sein Umfeld erspüren, in dem es sich gerade bewegt.

Dieser Satz kann zum Schlüssel werden für eine Förderung des Ich beim kleinen Kind. Man sollte nicht mit dem Finger auf seine Brustmitte zeigend geradlinig-direkt auf es zugehen, sondern eher sanft von außen über sein Köpfchen streichen, sich ihm behutsam umhüllend nähern. Das Ich des kleinen Kindes muss man als Umkreis, nicht als Punkt wahrnehmen lernen.

Vier Entwicklungsschritte

Vier Schritte kennzeichnen seine Ich-Entwicklung bis zum Alter von etwa drei Jahren (rückläufig betrachtet).

Das Erwachen des Selbstbewusstseins – ich kann von mir selbst als »Ich« sprechen – ist ein Geschehen in einem Augenblick: Ein »Einleuchten«, das eines Tages plötzlich über mich kommt, meistens zwischen zwei und drei Jahren. Vorher spricht das Kind über sich selbst wie über eine andere Person.

Vorausgegangen ist das Denkerwachen, die Fähigkeit, denkerisch etwas zu verknüpfen. Wie hat das Kind denken gelernt? – Indem es immer wieder sinnvolle Zusammenhänge in seiner Umgebung gesehen und erlebt hat! Schuhe verlieren sich nicht beim Laufen, wenn man sie nach dem Anziehen zubindet. Die Spieluhr macht Musik, wenn man am Faden zieht. Im oberen Schrank sind die leckeren Sachen; indem ich den Schemel auf den Stuhl stelle, reiche ich hin. Mama kommt zu mir, wenn ich die Rassel wegwerfe und schreie.

Das Kind testet Folgen und Wirkungen aus; es probiert Kombinationen; es freut sich, wenn etwas funktioniert; es will das Zusammenbinden selber lernen. Das Denken des Kindes ist nahe an der Praxis, weit entfernt vom Intellektuellen. Sein Ich betätigt sich konkret an dem, was in einer Situation aus den Dingen heraus aufkeimt, es wird in seinem Tun noch nicht von Erinnerungsvorstellungen und bewussten Zielsetzungen geleitet.

Schon vorher übt es das Sprechen. Wie hat das Kind sprechen gelernt? – Es beginnt in der Regel als Mittönen mit den gehörten Klängen oder Lauten der Umgebung. Es ahmt nach und identifiziert sich mit dem, was es nachahmt. Der »Krabkrab« ist der Zwieback, das »Dingeling« Mutters Handy, der »Wauwau« der Hund. Dazu kommen die Wortübernahmen von einer geliebten Person, die es sprechen hört. Nach kurzer Zeit wiederholt es fremdsprachige Worte des neuen ungarischen Kindermädchens, das es mag, spürt aber genau ab, wie die Umgebung darauf reagiert. Das Sprechen ist von Gefühlen durchtränkt, in welchen das Ich des Kindes mitschwingt; es ist stark mit der Beziehungsaufnahme oder mit dem Ausdrücken einer Beziehungsqualität verbunden. Auch die Bedeutung der Worte wird stark mit dem Gefühl abgetastet. Das Kind klebt beim Hören also nicht nur an unseren Lippen, es wogt auch mit unserer Seele mit. Sein Ich ist noch nicht völlig abgegrenzt.

Bedeutsam ist beim Sprechen- und beim Wahrnehmen-, Denken- und Kombinierenlernen die besondere Empfänglichkeit des Kindes für Feinheiten sowie seine Furcht vor Grobem. Das Kind empfindet die feinsten Nuancen. Es kann die Art des Schlüsseldrehens an der Türe beim Vater von dem bei jedem anderen Familienmitglied unterscheiden. Es vernimmt jede Unsicherheit in unserem Tonfall oder in unserer Geste. Es spürt besonders schon die kleinste Moralität oder Amoralität in einem Tun oder bei einer Gestalt, von der wir ihm erzählen. Das Ich des Kindes ist viel feinmaschiger mit allem verbunden, es kann sich nicht so abschotten wie der Erwachsene. Eine schwach lasierte Farbe an der Wand kann auf es stärker wirken als eine dick aufgetragene. Die Ich-Qualität des Kindes ist anders als im späteren Alter.

Schauen wir auf das Aufrichten und Gehen lernen. Das Stehenwollen geht nicht von den Füßen, sondern vom Kopf aus. Sobald das Kind sich der Welt zuwenden will, versucht es zuerst, das Köpfchen zu heben. Später sind dazu noch die Hände vorne dran. Die Hände sind beim kleinen Kind vorwiegend nach oben gerichtet; sie folgen den Intentionen des Ich, das schon bei den Dingen ist, zu denen das Kind seinen Leib hinbewegen will.

Mit allen Begehrkräften ist das Kind schon bei der Keksdose auf dem Regal, das es mit seinen Händen dann ergreifen will, so robbt es hin zum Schrank, richtet sich an ihm auf – und wenn es dann doch nicht ganz hinreicht mit den hoch gestreckten Armen und in dem Moment die Mama kommt, dann kann es sein, dass es sich umwendet und seine ersten freien Schritte zu ihr hin tut, mit den Armen voraus. Sein Körper folgt dem Ich-Zentrum nach, das immateriell noch ein Stück vor seinen Händen und seiner Stirn dem Kind vorangeht und schon mit dem Ziel verbunden ist, auf das es sich richtet.

Das Ich geht der Seele und dem Körper willentlich voran und zieht es zu sich wie ein Magnet aus dem Umkreis.

Zum Autor: Fabrizio Venturini ist selbstständiger Dozent und arbeitet an einer Dissertation zur Bedeutung des Ich in der Pädagogik.

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