Das transparent ummantelte Ich

Von Fabrizio Venturini, November 2012

Wenn es im Herbst früh dunkel zu werden beginnt, dann sieht und hört man sie wieder: Kinder, die mit ihren Laternen singend durch die Straßen ziehen. Oft erklingt in ihren Liedern die Geschichte von Sankt Martin, besonders in Süddeutschland. Das eigene Tragen der Laterne in der Gruppe ist aber das Wichtigste.

Die Sankt Martins-Zeit leitet etwas ein, das weit über Weihnachten hinausgeht. Foto: Charlotte Fischer

In katholischen Gegenden steht der auf einem Schimmel einherreitende Heilige mit seinem roten Mantel im Mittelpunkt. Dort spielen vielerorts Laiendarsteller seine legendäre Tat nach und verteilen im Anschluss daran das Martinsbrot, das jeder, der es bekommt, mit dem Nächsten teilt. Das christliche Vorbild dominiert, das Lichtmotiv ist untergeordnet. Umgekehrt im protestantischen Norden. In Worpswede gibt es von Paula Modersohn-Becker viele Kinder-Laternenumzugs-Gemälde, die einen sofort in die Novemberstimmung versetzen. Nebelbänke durchziehen das Land und unheilvolle Gestalten verbergen sich dahinter, aber die fröhliche Kinderschar hellt zumindest in nächster Nähe die Umgebung und das Gemüt des Betrachters auf. Sankt-Martins-Bilder dagegen hat Modersohn-Becker nie gemalt. 

Was steckt hinter dem Brauchtum?

So stellt sich die Frage: Was haben die Motive von Sankt Martin und der Laterne miteinander zu tun? Haben sich hier lediglich zwei verschiedene Traditionen einander genähert oder gibt es eine geistige Verbindung zwischen beiden? Was steckt hinter diesem Brauchtum? In welcher Weise lässt es sich heute gestalten? Ist es nicht veraltet? Was ist der Sinn oder das pädagogische Ziel dabei? Wären die Zeitverhältnisse nicht finster, dann bräuchte es keine Erhellung. Wäre das Ich im kalten Wind des Unsozialen in der Welt nicht gefährdet, dann bräuchte es keine schützende Hülle. Daraus ergibt sich sofort die anhaltende Aktualität.

Am Materiell-Äußerlichen wird symbolisch eine innere Haltung geübt. Wer als Kind eine Laterne vor sich herträgt, bereitet sich vor, auch innerlich ein Lichtträger zu sein. Wer als Kind an einem Vorbild erlebt hat, dass es durch eigenen freien Entschluss möglich ist, einem Bedürftigen zu helfen, der entschließt sich vielleicht, tätig barmherzig zu sein und nicht bloß davon zu reden.

Erfassen die Kinder, die singen »Dort oben leuchten die Sterne und unten, da leuchten wir« nicht den tiefsten Sinn unseres Menschseins, Licht in die Finsternis zu bringen? Der Mensch als ein »Licht-Träger«, wie Nietzsche es in seinem Gedicht »Ecce Homo« formuliert hat:

»Ja! Ich weiß woher ich stamme!
Ungesättigt gleich der Flamme,
Glühe und verzehr’ ich mich.
Licht wird alles, was ich fasse,
Kohle alles, was ich lasse,
Flamme bin ich sicherlich! «

Mit Schiller könnte man sagen: Das »Erden-Ich« (Kind) trägt sein »geistiges Ich« (Flamme) vor sich her. »Jeder individuelle Mensch, kann man sagen, trägt, der Anlage und Bestimmung nach, einen reinen, idealischen Menschen in sich, mit dessen unveränderlicher Einheit in allen seinen Abwechslungen übereinzustimmen die große Aufgabe seines Daseins ist« (Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen).

So kann das einfache Kinderlied: »Ich geh mit meiner Laterne / und meine Laterne mit mir« – zum Lebensmotto werden: Man trägt das Ziel, dem man folgen will, selbstgesetzt vor sich her! Das Laternenlicht wird zum Bild für den inneren Leitstern. Es ist berührend, die jüngeren Kinder ihr »Licht-Ich« vor sich her tragen zu sehen: Man weiß zuweilen nicht, ob die Laterne vom Kind getragen oder ob dieses vom vorangehenden Licht gezogen wird. Ist es mit den Idealen im Leben nicht ebenso?

Das Laternenlicht-Ich symbolisiert das idealische Selbst des Menschen, das mit der Welt und dem Kosmos verbunden ist. Sonne, Mond und Sterne treten in der Laterne auf; sie auf »Sternenbahnen« zu tragen gleicht ihrem kosmischen Umlauf. Diese Sphärenharmonie sollte deshalb von Singen, nicht von Schwatzen begleitet sein.

Die Verehrung von Sankt Martin ging ursprünglich mehr vom Volk als von der Kirche aus, was diesem Brauchtum eine allgemeingültige, überkonfessionelle Bedeutung verleiht. Dessen Symbolik ist unabhängig von Herkunft und Glauben und lässt uns nach dem tieferen geistigen Inhalt fragen.

Die Ich-Flamme in jedem Menschen ist in der geistig finster werdenden Welt gefährdet; die Mächte der Dunkelheit wollen sie auslöschen – deshalb muss sie geschützt werden, deshalb braucht sie eine Hülle. Aber diese Hülle darf das Leuchten des Ichs nicht zudecken, sie muss durchlässig, durchsichtig, transparent gemacht werden. Dafür muss die Seele geläutert werden. Sie muss sich von allen egozentrischen irdischen Interessen befreien, um in Selbstlosigkeit das Ich hindurchstrahlen zu lassen.

So wird die Transparenz der von den Kindern vorher mit Aquarellfarben gemalten Bilder, die zur Laternenhülle werden, durch Einstreichen mit Öl erreicht. Öl ist »flüssiges Sonnengold«. Tiefe Symbolstränge verbinden sich im echten Brauchtum und die Festmotive greifen ineinander über. Das Tragen des Lichts in die Finsternis ist ein erkennbar michaelisches, das Anzünden ein weihnachtliches, das Einstreichen mit »Sonnengold« ein angedeutetes Dreikönigsmotiv. Kein Fest steht für sich allein. Nicht zufällig wird die lichtdurchlässig gemachte Papierhülle »Laternenmantel« genannt. Das Mantelmotiv aber ist die Brücke zur Verehrung von Sankt Martin.

In Erkenntnis, Mitgefühl und Tat zeigt sich das vorbildliche Ich

Sankt Martin wird im Lied in jeder Strophe drei Mal angerufen. Ihn kennzeichnet, dass er den Unbehausten, Frierenden, Bedürftigen, den der »im Dunkeln sitzt«, sieht, dass er bereit ist, von seinem »hohen Ross« herab sich ihm zuzuneigen, und dass er ihm von seinem schützenden »Eigentum«, dem Mantel, den halben Teil schenkt.

Einsicht, Zuwendung und Schenken sind Gesten des freien Ich. Ein Ich, das nicht im Ärmsten den Menschenbruder erkennt, das sich von seinem Stand nicht herab bewegt, ein Ich, das keine eigene Mantelhülle gebildet hat, kann dem Bedürftigen nicht helfen. Erkenntnis, Mitgefühl und eigenständige Tat gehören zusammen. In der Einheit der Dreiheit zeigt sich das zum Vorbild taugliche Ich.

Martin überwindet in der Begegnung mit dem Armen das ihm von seinem Vater aufgedrängte »Soldatsein« (wörtlich »gegen Bezahlung arbeiten«) und wird, indem er von seiner eigenen Wohlstands- und Wissenshülle, dem »Mantel«, die Hälfte abgibt, zum »Heilenden« (das ist das ursprüng­liche Attribut eines »Heiligen«). Durch diese freie Tat tritt er die Nachfolge Christi an. Für das Kindergartenkind sollte nicht der Schwerthieb der Mantelteilung im Vordergrund stehen, sondern dass dieser Mantel (»man-tellum«, wörtlich das Zelt des Menschlichen) eine Wärme- und Lichthülle bedeutet, die der gütige Mensch dem nicht bloß körperlich Frierenden abgibt. Im Brauchtum der Laterne mit den Liedern, die auf Sankt Martin Bezug nehmen, kommt dies besser und altersentsprechender zum Ausdruck als in vielen kostümierten Martinsumzügen, bei denen die römische Art und Tracht stark in den Vordergrund rückt.

Noch nicht so sehr mit dem Verstand, sondern empfindungsmäßig kann das Kindergartenkind an das menschlich Vorbildliche der Gestalt des Sankt Martin hingeführt werden. Dafür ist es wichtig, dass an das Wirken des Heiligen, der den dafür Empfänglichen als »Lichtgestalt« nach seinem Tode erschien, angeschlossen wird und nicht an den historischen Bischof Martin. Deshalb knüpft das Martinsbrauchtum an dessen geistige Gestalt ab dem dritten Tag nach seinem Tod und somit an den 11. November und nicht an den eigentlichen Todestag am 8. November an.

Mit dem 11.11., dem Beginn der Karnevals- und Faschingszeit, rückt auch der Bezug ins Licht, dass Martin seine Tat als Vorbereitung auf die christliche Taufe, die er anstrebte, verstand. Die Fastenzeit, an deren Ende früher die Taufe stand, dient dazu, auf Ostern, also auf das zentrale Christusgeschehen, vorzubereiten. Karneval und Fasching mit ihren »fetten Tagen« sind darin bloß Ausgleichsphasen.

Die Sankt Martins-Zeit leitet etwas ein, das weit über Weihnachten hinausgeht.

Es ist für kleine Kinderfüße ein großer Schritt, das Ich als etwas zu tragen, das »von oben her« entzündet wird, und das in der Gemeinschaft eine Auflichtung der »Finsternisse« (im Äußeren und Inneren) bewirkt.

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