Den Leib ergreifen lernen

Von Philipp Gelitz, September 2016

Wenn von Bildung im frühen Kindesalter gesprochen wird, zuckt man mitunter innerlich zusammen, weil es allein um das frühe Lernen geht. »Förderung« heißt das dann wohlmeinend.

Foto: © Charlotte Fischer

Bildung bedeutet allerdings in den Jahren vor der Schule etwas ganz anderes, als ein Ausnutzen von Ressourcen oder ein Anhäufen von Fertigkeiten und Wissen. Wir brauchen ein lebendiges inneres Bild vom Wesen kleiner Kinder, das aus einem spirituellen Verständnis heraus gebildet wird, um die Kinder altersentsprechend umhüllen und anregen zu können.

Alles ist offen

Die Entwicklung des Säuglings und Kleinstkindes geht in den ersten zwei bis drei Jahren so rasant vonstatten wie in keiner nachfolgenden Entwicklungsphase. Trotzdem kann das Kind zu Beginn des Lebens all das noch nicht, was wir eigentlich als unverwechselbar menschlich betrachten: eine konstante Körpertemperatur halten, verdauen, aufrecht gehen, sprechen sowie Vorstellungen entwickeln und Erfahrungen gedanklich verknüpfen. Zwar ist die neuronale Vernetzung in der allerersten Lebenszeit am stärksten, das heißt, es wird am meisten »gelernt«, aber das Kind muss mit vergleichsweise wenig angeborenen Kompetenzen ins Leben starten. Tiere kommen da viel kompetenter zur Welt: Kein Fisch muss ein Jahr »lernen«, um schwimmen zu können, und kein Pferd muss monatelang sich drehen, robben und krabbeln, bis es endlich frei stehen kann.

Trotz dieses anfänglichen Unvermögens in Bezug auf motorische und kognitive Fähigkeiten umweht jedes Neugeborene ein geheimnisvoller Zauber. Da ist nämlich noch mehr! Da will sich ein seelisch-geistiges Wesen in einem nicht festgelegten, in einem nach allen Richtungen hin offenen Körper beheimaten. Und das nehmen wir eben auch wahr, wenn wir einen Säugling sehen. (Fast) nichts ist hier schon vorherbestimmt, (fast) alles ist noch offen.

Er ist viel weniger von der Vererbung determiniert als jedes Tier und kann unendlich viele Fähigkeiten hinzugewinnen. Und so sehen wir im Säugling immer auch die Potenz des zukünftig Möglichen. Wir sehen sein menschliches Potenzial, wir sehen die werdende Person! Das Wort Person leitet sich übrigens vom lateinischen personare = durchtönen ab – welch eine Perspektive!

Angekommen im Leib

Kurz nach der Einschulung: Das Kind läuft Stelzen, springt Seil, schwimmt im kalten See und ist danach sofort wieder warm. Es kann alles essen, einwandfrei sprechen, erkennt Buchstaben wieder und beherrscht den Zahlenraum bis Zwanzig sicher, oft bereits darüber hinaus. Kaum jemand kommt nun noch auf die Idee, auf Zehenspitzen ins Kinderzimmer zu gehen oder leiser zu sprechen. Eine besondere Rücksichtnahme ist eigentlich kaum noch auszu- machen.

Was ist passiert? Über die Jahre scheint da etwas in den Leib eingezogen zu sein. Das Kind ist mehr und mehr direkt ansprechbar. Die Individualität ist zu Beginn der Schulzeit fest im Körper angekommen. Das Kind hat sich selbst beheimatet. Es tönt nun anders durch seine Erscheinung hindurch.

Kein unbeschriebenes Blatt

Das Kind kommt nicht als unbeschriebenes Blatt auf die Welt. Es inkarniert sich aus einem vorirdischen Dasein, es bringt seinen Geist ins Fleisch hinein. Große Fragen nach Freiheit und Schicksal werden hierdurch aufgeworfen. Dem Kind seinen eigenen Schicksalsweg zu ebnen, der mehr mit ihm selbst, als mit den Erwartungen der Umgebung zu tun hat, ist ein Leitmotiv der Waldorfpädagogik. Diesem Motiv dienen letztlich die Themen: freies Spiel, Sinnespflege durch natürliche Spielmaterialien und rhythmischer Tagesablauf. Sie helfen, dass das Kind sich mit seiner Individualität im Leib verankert, um sich dann im Laufe des Lebens seelisch-geistig entfalten zu können.

Dies ist die Innenseite der Waldorfpädagogik, die mit der Außenseite von Bio-Essen und Holzspielzeug untrennbar verbunden ist.

Der geöffnete Vorhang

In Form der Sixtinischen Madonna Raffaels, die in fast jedem Waldorfkindergarten hängt, ist ins Bild gebracht, worüber nicht immer gesprochen wird: eine Anschauung vom Weg des Menschen aus dem Himmel auf die Erde. Auf dem Gemälde ist der Vorhang zwischen irdischer Welt und geistiger Welt geöffnet. Hinter der Mutter mit dem Kind sind schemenhaft Gesichter in der Welt hinter dem Vorhang zu sehen. Und im Vordergrund warten die Repräsentanten der irdischen Welt nicht etwa mit Bildungseifer und Schulbüchern auf das Kind, sondern mit Ehrfurcht und Zurückhaltung.

In den meisten Waldorfkindergärten wird zudem immer wieder zum Geburtstag jedes Kindes eine Geschichte erzählt, die folgendermaßen – oder so ähnlich – beginnt:

»Vor nunmehr (…) Jahren trug es sich zu, dass ein Engel in den größten Himmelssaal gesandt wurde – dort, wo die vielen kleinen Kinder spielen. Er ging umher, bis er das Eine fand, und nahm es behutsam mit sich. Als die Mitternachtsstunde gekommen war, schaute das Kind hinunter bis auf die Erde: Und es sah Steine und Berge, Blumen und Bäume, die Seen, Flüsse und Meere, die vielen Tiere und die Menschen. Und über alles breitete die Sonne ihre warmen Strahlen aus. Und unter den Menschen sah das Kind eine Mutter und einen Vater, die wünschten sich so sehr ein Kind. Sie hatten auch schon alles vorbereitet. Da stand ein Bettchen, und das Kind konnte sehen, dass das Bettchen noch leer war. Es lagen Hemdchen und Höschen im Schrank bereit und Windelchen, und das Kind wünschte sich sehnlichst dorthin. – Dort möchte ich wohnen – sprach es zum Engel, und der nickte und sagte – dann musst Du mir folgen. (…)«

Auch in dieser Geschichte wird deutlich, wie sehr die Waldorfpädagogik die spirituelle Seite des Menschen einbezieht. Der Mensch hat nicht nur eine leibliche Herkunft, sondern auch eine seelisch-geistige Heimat.

Die Hüllen des werdenden Leibes

Dieses Ankommen auf der Erde – und damit die Beheimatung der Individualität im eigenen Körper – beginnt natürlich bereits in der Schwangerschaft. Zuerst treten in den ersten Tagen nach der Einnistung der befruchteten Eizelle in der Gebärmutter besonders das Amnionbläschen und der Dottersack in Erscheinung. Diese beiden Hüllen umgeben in der zweiten Woche nach der Befruchtung den eigentlichen Körper des Kindes, die sogenannte Keimscheibe, wie zwei Ballons, bevor sie dann ab der dritten Woche teilweise wieder in den sich differenzierenden Körper hereingenommen werden. Diese zwischen den Hüllen liegende und relativ zur Gesamtgröße recht kleine Keimscheibe differenziert sich erst ab der dritten Woche langsam aus.

Außerdem tritt neben diesen beiden Hüllen um den eigentlichen Körper besonders die Entwicklung der Plazenta hervor. Im Verlauf der embryonalen Entwicklung gewinnt dann zwar der Fötus im Verhältnis zu seinen Hüllen stark an Größe, dennoch schwimmt der Embryo bis zur Geburt im Fruchtwasser unter der schützenden Haut der Fruchtblase und bleibt auch bis zuletzt über die Nabelschnur mit der Plazenta verbunden, die von Beginn bis zum Ende der Schwangerschaft den kleinen Leib ernährt und viele Schadstoffe filtert. Der Start ins Leben findet also unter schützender Umhüllung statt, unter einer pflegenden Hülle, die die Natur im Mutterleib bereitstellt.

Hüllende Erziehung

Nach der Geburt sind wir als Erziehende aufgefordert, altersentsprechend zu pflegen, zu schützen und zu umhüllen – und im rechten Moment loszulassen, was geboren werden will. Das Ankommen auf der Welt hängt davon ab, wie wir als Erwachsene nun eine pflegende Hülle um das Kind herum gestalten. Jetzt nicht mehr von Natur aus, sondern aus einem Bewusstseinsprozess für einen gesunden Beginn des Lebens; sozusagen von Kultur aus.

Ein rhythmischer Tagesablauf und freies Spiel helfen beim Ankommen – intellektuelle Ansprache und Bewegungsmangel sind potenziell hinderlich. So wie das Kind vor der Geburt leiblich umhüllt war, so ist es nun die Aufgabe der Erziehenden, die Lebenskraft des Kindes zunächst noch der leiblichen Aus- und Umgestaltung zu lassen. Diese Lebenskraft – in der anthroposophischen Terminologie: der Ätherleib – sollte noch nicht durch explizites Lernen, Appelle an die Erinnerung oder Vernunft sowie durch Reizüberflutung abgezogen werden. Sie wird auf dem Inkarnationsweg in den eigenen, immer geschickter werdenden Körper hinein noch für den Leibaufbau gebraucht.

So kann Bildung im frühen Kindesalter – entgegen der gewöhnlichen Definition – als etwas aufgefasst werden, das mehr mit einer leiblich gedachten Selbst-Verwirklichung zu tun hat als mit der Entwicklung kognitiver Fähigkeiten. ‹›

Zum Autor: Philipp Gelitz ist staatlich anerkannter Erzieher und Waldorferzieher und arbeitet als Kindergärtner im Waldorfkindergarten des Bildungshauses Freie Waldorfschule Kassel.

Literatur: M.-L. Compani / P. Lang (Hrsg.): Waldorfkindergarten heute, Stuttgart 2015; R. Steiner: Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft, Dornach 2015

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