Den Wort-Schatz heben

Von Lisbeth Wutte, Mai 2016

Beim Umgang mit kleinen Kindern sollten wir uns unserer Gefühle bewusst sein. Wir sollten fähig sein, Gefühle differenziert zu artikulieren. Wenn wir die Handlungen der Kinder mit beschreibenden statt mit wertenden Worten begleiten, wirkt unser Verhalten friedenstiftend.

Foto: © Charlotte Fischer

Wenn ein Kind geboren wird und sich in unserer Welt beheimatet, gehen wir wunderbar empathisch miteinander um. Diese beglückende Erfahrung nehmen wir zwar als Geschenk an, vergessen sie aber mit der Zeit. Wir verlieren sie im Alltag und schlittern wieder in die objektiv-sachliche, selbstbezogene Lebensweise unserer Zivilisation. Diese erachten wir zwar als überholt und zersetzend, praktizieren sie aber trotzdem weiter.

Die Sprache wandelt sich mit dem Gegenüber

Ist es nicht überraschend, dass uns alle – Eltern oder Singles, Junge oder Alte – die Unmittelbarkeit der Begegnung mit dem kleinen Kind so trifft und berührt, dass wir nahezu seelisch entrückt werden, ja sogar unsere sachliche Alltagssprache verlieren? Wir benutzen eine höhere Tonlage, weil das Kind diese besser hören kann, bevorzugen eine steigende Satzmelodie, weil diese fröhlicher und leichter ist, variieren die Klangfarben der Silben und Wörter, weil diese das Kind erfreuen, artikulieren langsam und genau und passen uns in der Lautstärke immer wieder seiner Stimmungslage an. Wir sind uns dessen nicht einmal bewusst, aber tun es selbstverständlich. Unsere Empathiefähigkeit hat also die Kraft, nicht nur unsere momentane Stimmungslage zu verwandeln, sondern selbst in tief verwurzelte Sprechgewohnheiten einzugreifen. Wer hätte gedacht, dass wir so anpassungsfähig sind!

Da das kleine Kind bis etwa zur Einschulung die Welt empfindend und intuitiv erfasst – es verwendet im Gegensatz zu uns hauptsächlich die rechte Gehirnhälfte – braucht es den Erwachsenen als einfühlenden und intuitiven Partner. Dadurch kann es sich durch uns unmittelbar mit der Welt verbinden. Gleichzeitig sind wir als Erwachsene Garant und Vorbild für die Qualität des Sich-Einfühlens, des Mit-Fühlens und des einfühlsamen Vorlebens. Diese ist das Lebenselixier des Kindes. Es will durch uns erfahren, dass es in der Welt willkommen ist. Kleinkindpädagogik ist also ohne den bewussten Umgang mit Empathie nicht denkbar.

Was ist Empathie?

Empathie hat zwei Seiten: Sie richtet sich sowohl auf uns selbst (Selbstempathie) als auch auf den Anderen (Fremdempathie). Werfen wir als erstes den Blick auf uns – wie auf einen Fremden gewissermaßen. Was nehmen wir wahr? Einen Strom von Gedanken, Gefühlen und Impulsen, der uns fortwährend durchzieht und in Bewegung hält. Dieses Geschehen – unabhängig davon, ob wir es als angemessen oder unpassend ansehen – können wir wahrnehmen, erkennen und gegebenenfalls umlenken oder auflösen. Wir sind der stille Beobachter, der im Wirrwarr der Gedanken und Gefühle stehenbleibt. Als solcher werden wir nicht von unserem inneren Bewegungsstrom beherrscht, sondern stehen ihm frei gegenüber. Nun sind wir vorbereitet, dem Kind offenen Sinnes und Herzens zu begegnen. Wir heben unsere Emotionalität ins Bewusstsein und projizieren sie nicht unwissend in die Kindesseele. Wir wenden uns offen dem Kind zu und verbinden uns mit der Sprache seiner Gesten, seiner Mimik und seines Blickes. Wir nehmen seine gesprochenen Worte auf und lauschen auf das, was zwischen den Zeilen und hinter den einzelnen Wörtern lebt. Wir sind für das Kind der Garant dafür, dass Empathie in der Welt anwesend ist, in der es aufwächst. Natürlich sollte ein empathisches Miteinander in der Kita nicht nur mit den Kindern, sondern auch im Kollegium und mit der Elternschaft angestrebt und gelebt werden; dass uns das nicht leicht fällt und wir immer wieder Rückschläge erleiden, wissen wir aus Erfahrung. Es ist aber schon hilfreich, im Kita-Alltag Akzente zu setzen, die die Sensibilität für Empathie pflegen. Wir müssen Momente der Stille und des Lauschens bewusst aufnehmen und schätzen – sei es beim Spazierengehen im Wald, bei Entdeckungen in der Natur oder beim Erzählen von Geschichten. Kinder ausreden lassen, ihnen wirklich zuhören und sich merken, was sie uns mitteilen, gehört auch hierher. Natürlich sollte man den allgemeinen Lärmpegel beobachten, ihn so niedrig wie möglich halten und versuchen, Stress zu vermeiden. Sich in den Anderen einfühlen bedeutet ja, sich selbst zu ergreifen und in einen offenen Ich-Du-Raum einzutreten.

Name it to tame it

Den Gefühlen wird in der Erziehung, aber auch in unserer Kultur, wenig Platz eingeräumt. Wir sind so aufgewachsen, dass wir nur extreme Lust- oder Unlustgefühle klar benennen und nach und nach bestimmte Grundgefühle in Wörter fassen. Die Emotionsforschung ist sich einig, dass es sich um etwa fünf Gefühle handelt: Überraschung, Freude, Trauer, Angst, Wut (Ärger) und Ekel.

Ein Kindergartenkind entscheidet beispielsweise, ob es einem wütendem Kind ausweicht oder aktiv auf es zugeht. Wie die Forschung zeigt, ist es in der Pubertät für das soziale Miteinander entscheidend, ob ein Jugendlicher zwischen Ekel und Ärger unterscheiden kann, oder nur vage etwas Negatives wahrnimmt, gegen das er sicherheitshalber schon einmal Position bezieht.

Für die »leisen« Gefühle haben wir dagegen kaum Worte. Wir nehmen sie nur vage wahr, sie wechseln überdies sehr schnell. Mit Ausnahme der Trauer verändern sie sich spätestens alle 40 Sekunden. Kein Wunder, dass wir sprachlich gerne allgemein bleiben. »Ich fühle mich schlecht« passt immer und kann vieles heißen. Aber nur, wenn wir vordringen zu: »ich bin enttäuscht, weil …, entmutigt, weil …, niedergeschlagen, weil …«, können wir nachfühlen, was »ich fühle mich schlecht« in der jeweiligen Situation bedeutet. Wenn wir für unsere Empfindungen und Gefühle die passenden Wörter suchen, werden sie uns bewusst. Und alles, was uns bewusst ist, können wir leichter verstehen und verändern.

Studien weisen darauf hin, dass »emotionales Feuer«, wie Ärger, Wut oder Eifersucht leichter abkühlt, wenn wir ihm den entsprechenden Namen geben. Name it to tame it!

Benenne es, um es zu zähmen! Die Fähigkeit, Gefühle benennen zu können, ist nicht nur für eine Streitkultur unentbehrlich, sondern entspannt und vertieft auch jede Beziehung. Sie ist Grundlage für das soziale Miteinander.

Wortschatzerweiterung und Wortschatzvertiefung in der Kita umfasst daher nicht nur die Sinnes- und Welterfahrungen, sondern bezieht sich auch auf das Zwischenmenschliche. Emotionen und Stimmungen sollten in der täglichen Kommunikation genau und differenziert benannt und Geschichten oder Kinderbücher auch unter diesem Gesichtspunkt ausgewählt werden. Vor allem auf die Adjektive sollte man achten. Wenn etwas nur gut, schön oder super ist, ist das wenig aussagekräftig.

Wertfreier Umgang mit Sprache

Im Bereich des Denkens befinden wir uns auf einer ähn­lichen Baustelle wie im Gefühlssektor. Wir denken gewöhnlich statisch, um die Welt messen, wiegen, zählen, strukturieren und noch effektiver beherrschen zu können. Das betrifft auch die Sprache.

Schon in den 1970er Jahren rief der amerikanische Sprachforscher Wendell Johnson dazu auf, unsere Sprache der sich verändernden Welt anzupassen. Warum? Weil sie zu sehr vom Wertekanon des industriellen Zeitalters durchsetzt ist. Sie ist prädestiniert, die Welt zu bewerten und zu beurteilen, aber weniger geeignet, differenziert Erkundungen anzustellen und Phänomene zu beschreiben. Wie schnell verteilen wir Etiketten wie unzuverlässig, überbemüht, durchschnittlich … ohne im Einzelnen zu zeigen, wann wir was wie wahrgenommen haben. Mit diesen allgemeinen Bewertungen werden wir dem Anderen nicht gerecht und wirken zerstörerisch im Sozialen. Das Wort in seiner beschreibenden Qualität zu verwenden – wie wir es in der Kinderbesprechung tun – ist uns aber im täglichen Umgang fremd und wir müssen es erst erlernen. Gleichzeitig ist diese Qualität unentbehrlich, wenn wir Unstimmigkeiten und Streit vermeiden und bereinigen wollen. Für eine gute Zusammenarbeit im Kollegium kommen wir nicht umhin, einen wertfreien Umgang mit der Sprache zu üben und uns diesen gegenseitig auch abzuverlangen.

Dem Kleinkind ist die beschreibende Qualität viel näher. Das können wir an den immer wiederkehrenden Selbstgesprächen wahrnehmen. Indem das Kind – für sich selbst – laut beschreibt, was es tut, sieht oder hört, werden ihm die einzelnen Handlungen aus dem Ablauf des Ganzen heraus nachvollziehbar und bewusst. Hier sind wir auch als Vorbild gefragt. Wenn wir im Kita-Alltag so sprechen, dass unsere Tätigkeiten oder die gemeinsamen Sinneserfahrungen mit dem Wort korrelieren, erfährt das Kind, dass es alles, was es tut oder sinnlich erfährt, mit und in Sprache fassen kann. Die Sprache wird ihm zum Instrument, die Welt feinsinnig zu erforschen und vorurteilslos zu verstehen. Das betrifft natürlich auch das Soziale. »Erhellende« Gespräche, wertfreies Betrachten von Erlebtem und »lautes« Mitdenken beim Lesen von Kinderbüchern sind hier gefragt.

Welche innere Haltung und welcher Umgang mit der Sprache dienen dem Kind, sich mit uns und der Welt neugierig und offen zu verbinden? Für das Kind ist ein anschaulich-bildhaftes Beschreiben dienlich, eine urteilende Bewertung hinderlich. Und unsere Gefühle? Sie wollen erkannt und benannt sein, sodass sie zähmbar werden.

Die durch unsere Lebenserfahrung entstandene Gedanken- und Gefühlswelt, derer wir nur teilweise uns bewusst sind, gilt es mit Bewusstsein zu durchdringen, wenn wir aus unserem tiefsten Menschsein heraus handeln wollen. Nur wenn wir aus ihrem Bann austreten, können wir uns in unserem innersten Wesen verankern und dem Kind begegnen – diese Begegnung ist existenziell.

Forschungen bestätigen, dass die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen, bis in die genetische Ausstattung hinein ihren Niederschlag findet, selbst im Erwachsenenalter. Ich finde es daher lebens-not-wendig, uns selbst und unsere Kinder durch das Wort zu einer verständnisvollen und friedenstiftenden Lebensweise zu befähigen.

Zur Autorin: Lisbeth Wutte ist als Theaterpädagogin und freischaffende Dozentin für Sprache und Wortkultur in verschiedenen anthroposophischen Einrichtungen bundesweit tätig.

Seit 2010 engagiert sie sich in der künstlerisch-therapeutischen Nothilfe in Krisengebieten und arbeitet spielerisch-szenisch mit Flüchtlingskindern und deutschsprachigen Jugendlichen.

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen