Der digitale Wahnsinn und seine irreparablen Schäden

April 2019

Fragen an die Neurobiologin Prof. Dr. Gertraud Teuchert-Noodt, die den Bereich Neuroanatomie an der Fakultät für Biologie von 1979-2006 an der Universität Bielefeld leitete. Ihre Forschungsschwerpunkte gelten den aktuellen wissenschaftlichen Befunden aus der Neuroplastizitäts-, Transmitter- und Hirnrhythmusforschung.

Foto: © altanaka/photocase.de

Frühe Kindheit: Wie wirken sich digitale Medien auf die kindliche Entwicklung aus?

Gertraud Teuchert-Noodt: Das Gehirn des Neugeborenen entspricht einer fast unbeschriebenen Landkarte. Im Großhirn sind lediglich Landesgrenzen für sensorische, motorische und assoziative Felder und die Hauptstraßen für Sehen, Hören, Riechen, Gleichgewicht und Bewegung genetisch festgelegt. Die Sinnesbahnen befinden sich in Startposition, um alsbald die Rindenfelder mit spezifischen Reizen aus dem Umfeld der Mutter zu aktivieren. Die heute omnipräsenten digitalen Medien nehmen unweigerlich bleibenden Einfluss auf diese Geschehnisse. Aber welchen Einfluss nehmen sie?

Einst waren offene Wälder und Buschsavannen Afrikas die Wiege der Menschheit, und das hatte sich über viele Millionen Jahre hin in das menschliche Genom einprogrammiert. Deswegen haben frühkindliche Raumerfahrungen höchste Priorität, um die Landkarte von Kleinhirn und Motorkrotex raumbezogen zu organisieren und mit realen Inhalten zu füllen. Das geschieht durch Strampeln, Krabbeln, Klettern, Balancieren und Schaukeln, später durch Sandkastenspiele, Ballspiele, Malen, Basteln und Musizieren. Gleichzeitig bereiten ausgedehnte Ruhe- und Schlafphasen und intensive Mutter-Kind-Interaktionen den limbischen Kortex für lebenslang tragende emotionale und soziale Funktionen vor.

Das Handy in der Hand von Mama, digitale Medien im Kinderzimmer und der Fernseher in der elterlichen Wohnstube wirken alldem diametral entgegen. Sie erzeugen für das Kind eine Zwangsjacke, in die Grundbedürfnisse des kindlichen Gehirns eingewickelt werden. Die Mutter wird die geschenkte Pause nicht lange genießen können. Denn alsbald erzeugt das im Baby Reifungsblockaden für die natürliche Emotions- und Bewegungsentwicklung und führt zu ungeordneter Verknüpfung von Nervennetzen in primordialen Rindenfeldern. Pathophysiologische Auswirkungen auf die Bewegungs- und Sprachentwicklung sind vorprogrammiert. Darüber hinaus wird das kindliche Gehirn an der Anbahnung geistiger Fähigkeiten gehindert und entwickelt psycho-somatische Reifungsverzögerungen. Die Verhaltensdefizite lassen sich später nur unter intensivem therapeutischen Einsatz auflösen. Dem Kind wird – genau umgekehrt als es mediale Absatzmärkte ständig propagieren – der Weg in die digitalisierte Arbeitswelt der Erwachsenen versperrt.

FK: Wirkt der elterliche Medienkonsum sich schon während der Schwangerschaft auf die ungeborenen Kinder?

GTN: Diese wichtige Frage lässt sich mit Blick auf das elterliche Medienverhalten heute noch nicht wirklich beantworten. Aber die Hirnforschung hat grundsätzlich hinreichend viele Aspekte zu förderlichen bzw. schädigenden vorgeburtlichen Einflüssen zusammengetragen, die sich jede werdende Mutter ins Lebensbuch einschreiben sollte. Man sagt es so daher, das »Leben beginnt mit dem ersten Schrei« bzw. das Kind kommt mit einer »fast unbeschriebenen Landkarte« zur Welt. Stattdessen sind die vitalen Funktionen eines neugeborenen Menschen bereits fortgeschritten ausgereift. Sie bilden das Fundament für das ganze Leben und nehmen pränatal bereits viele Umwelteinflüsse in sich mit auf. Das gilt für die Organisation der Hirnrhythmen, wie den foetalen Traum- und Tiefschlaf und die kurzen Wachphasen. Das gilt weiterhin für Primär-Reflexe (z.B. den Moro) und die hochkomplexen Produktionsstetten der Neurotransmitter, also die adrenerge »Chemieküche« des Hirnstamms, und die von dort startenden Transmitterbahnen zum Großhirn. Alles das sind essentielle Vorbereitungen für das nachgeburtliche Leben auf einem Planeten Erde, der sich aus Raum-Zeit und nicht aus digitaler Technologie definiert.

Zur umweltbezogenen Reifung endogener Zeitgeber sei hinzugefügt, dass ausschliesslich die langsamen Rhythmen für eine vor- und nachgeburtliche Entwicklung förderlich sind. Denken wir an den wiegenden Schritt der Schwangeren auf Park- und Waldwegen, an ein befriedetes Umfeld und harmonische partnerschaftliche Beziehung. Alles das sind Geheimtipps, um ein intelligentes Kind werden zu lassen. Aber wo findet man noch die Wiege als Einschlafkoje für das Baby? Die industrielle Revolution hat den Motor des Autos als schädigenden Kompensator eingeschaltet. Aber, die digitale Revolution überschleunigt das im Arm der Mutter scheinbar ruhende Kind über die so friedlich glänzende Scheibe des Smartphones ins Unermessliche. Ja, das Maß ist voll. Digitalstress verschont auch die Schwangere nicht vor drohendem Burnout. Alles das kann sich fatal auf die Hirnreifung des Foeten auswirken. Eine vor wenigen Jahren mit der Verhaltenstherapeutin Angelika Schlotmann/Hirschberg in BW durchgeführte epidemiologische Studie ergab, dass diverse belastende Lebensumstände zu signifikant abgesenkten schulischen Leistungen im Alter von 6 bis 10 Jahren führten. Der seitdem ständig angewachsene Medienkonsum dürfte sich in die erhobene Datenbank negativer Effekte einreihen. Es ist nachgewiesen, dass Hirnfunktionen eine hohe Empfindlichkeit gegenüber den schwachen natürlichen und künstlichen Elektromagnetischen Feldern haben. Dementsprechend sollte sich die fortschreitende »elektromagnetische Umweltverseuchung« (durch Handy, digitale Haushaltshilfen und fortschreitende WLANisierung unseres Landes) auf das werdende Leben zunehmend erschwerend auswirken. Gibt es doch bereits eine Fülle von Publikationen zu strahlenbedingten Erkrankungen.

FK:Welche Folgen hat der eigene Umgang mit digitalen Medien auf die Kinder?

GTN: Das Kind ist als biologischer Nesthocker von Geburt an auf das Vorbild der Eltern angewiesen und saugt sämtliche Informationen wie mit der Muttermilch auf. Die moderne Neurobiologie gibt uns Hinweise darauf, dass sich die Eltern-Kindbindung vorrangig im limbischen Kortex verankert. Ursache ist ein embryonales Keimlager, aus dem zeitlebens Nervenzellen in den limbischen Hippocampus nachreifen. Wie wir in meinem Labor in einer quantitativen Lebenszeit-Studie herausfanden, ist die Zahl täglich nachreifender Nervenzellen und synaptischer Kontakte frühkindlich außerordentlich hoch. Umweltreize nehmen ungefiltert Einfluss auf die Struktur-Funktionskopplung der reifenden limbischen Rinde. Hier startet das Tagebuch des Kindes mit einer unauslöschlichen Lebensgeschichte. Sobald sich zwischen die notwendigerweise zugewandten Mutter-Kind-Kontakte das Smartphone schiebt, löst das Beziehungskonflikte aus und bahnt Probleme an.

Selbst im Grundschulalter spielt das Lernen durch Nachahmung eine Hauptrolle. Lernen und Entwicklung bleiben die zwei Seiten einer Medaille. Die unmittelbare Beziehung zu Eltern, Geschwistern, Freunden und Pädagogen – beider Geschlechter – sind für die Entwicklung des Sozialverhaltens elementar wichtig. Der elterliche Umgang mit digitalen Medien im Privatleben kann gar nicht ohne Folgen für das Kind bleiben. Sobald sich die digitale Welt die Intimsphäre des Kindes einfügt, wird das Kind in ein zwanghaftes Begehren versetzt. Eltern tun gerade auch im Eigeninteresse gut daran, das außerberufliche Leben im herkömmlichen Sinn analog zu gestalten und der medialen Beschleunigung in jeder Hinsicht entgegenzuwirken.

Präpubertär öffnet sich ein erster Türspalt für begriffliche Inhalte. Aber das bedeutet überhaupt nicht grünes Licht für ein Kinder-Smartphone. Im Gegenteil, nun kommt es darauf an, den Assoziationskortex wirklich zum Denken anzuregen. Das Wischen über das Tablet führt automatisch zu einer überschleunigten Neugierde und verhindert das Stirnhirn daran, erste assoziative Aktivitäten wirklich in Gang zu setzen und Gedächtnisspuren anzulegen. Ein frühes Nachdenken einzuüben und zu strukturieren, das kann hirnpyhsiologisch gar nicht stattfinden. Wenn heute bereits 40-60% der Siebenjährigen mit einem digitalen Gerät ausgestattet sind, dann zieht das eine kolossal kopflose junge Generation heran.

FK: Sind die Schäden durch Medienkonsum irreparabel?

GTN: Frükindlicher Medienkonsum führt nicht nur zu folgenschwerer Kopflosigkeit, sondern die Schäden sind noch umfassender. Mut, Ausdauer, Flexibilität, Empathie, Angstbewältigung, das alles sind Eigenschaften, die jedes Kind durch handfeste Erfahrungen in sich verankern muss. Natürlich ist auch das alles dem neuronalen Lernen unterstellt und wird in vielen thalamisch-limbischen Relais-Stationen und Hirnwindungen vernetzt und synaptisch verschaltet. Jedes kindliche Gehirn legt auch dafür unter dem Einfluss alltäglicher Erfahrungen Gedächtnisspuren an, die als wegweisender Ariadnefaden die Richtung des Lebens bestimmen. Das Handy in der Schultasche verhindert als »digitale Nabelschnur« die psycho-soziale Abnabelung von der Mutter und kann ein inzwischen bereits verbreitetes »symbiotisches Angstsyndrom« erzeugen. Das wiederrum kann die Grundlage für die Ausbildung einer Depression werden. Zudem kann sich im digitalen Kinderzimmer und beim Smartphonen in sozialen Netzen heimlich manche traumatische Erfahrung einstellen. Wir wissen ja, dass ein frühkindlich erfahrenes Trauma erst in der Adoleszenz oder später zutage tritt und tragische Folgen hat. Diese Aussage hirnphysiologisch durch Studien zur Neuroplastizität von Nervenzellen und Transmittern zu begründen, hat mein Forscherleben bestimmt und eine über die Jahrzehnte anhaltend hohe Zahl junger Nachwuchswissenschaftler in Anspruch genommen.

FK: Sind heute schon Spätfolgen absehbar?

GTN: Da wir die Frühschäden an Schulkindern schon deutlich erkennen und die Alarmglocken längst anschlagen, werden Spätfolgen nicht ausbleiben. Bleiben wir zunächst bei den Frühschäden.

Durch kindlichen Medienkonsum erkannte Frühschäden betreffen eventuell eine sprachliche und körperliche Retardierung, Beeinträchtigung der Hand-Koordination und damit der Schreibfähigkeit, auffällige Konzentrations- und Antriebsschwächen, Lernprobleme und Schlafstörungen oder/und eine autistoide Symptomatik. Hinter all diesen Symptomen stehen defizitärer Kontaktbildungen in höheren Hirnfeldern und zusätzlich eine weitreichende Fehlsteuerung der Reifung von Neuro-transmittern. Das haben uns quantitative immunhistochemische Analysen offenbart. Zusätzlich haben Elektrophysiologen in jüngster Zeit herausgefunden, dass sich oszillatorische Aktivitäten pathologisch verändern und Hirnrhythmusstörungen auslösen. Somit beruhen jegliche Verhaltensauffälligkeiten gleichzeitig auf strukturellen, neurochemischen und oszillatorischen Störungen. Die Komplexität der Schäden macht es so schwer, Spätfolgen erfolgreich zu therapieren.

Ein Beispiel aus der Grundlagenforschung mag das an dieser Stelle konkretisieren: Bereits vor einem halben Jahrhundert haben zwei experimentierfreudige Neurobiologen herausgefunden, dass reizreiche bzw. reizarme Lichteinflüsse auf das Auge von Versuchstieren die Nervenzellen der Sehrinde entsprechend reichhaltig bzw. vermindert mit synaptischen Verknüpfungen ausstatten. Die übergeordnete Bedeutung war sofort erkannt, und die Wissenschaftler bekamen dafür 1981 den Nobelpreis. Vielleicht ist die Einrichtung von Waldkindergärten aus diesen Erkenntnissen geboren worden. Dementsprechend lässt auch das Wischen über ein Tablet raumbezogene Rindenfelder nur vermindert reifen. Wir selber haben an diesem Umweltmodell die Reifung von Nervenzellen und ihren Transmittern in Feldern des für allerhöchste Funktionen der Gedächtnisbildung und des Bewusstseins zuständigen Stirnhirns analysiert. Es hat sich herausgestellt, dass soziale Deprivation die natürliche Reifung von den Transmittern Dopamin, Glutamat und GABA beeinträchtigt und sich dies zu einem schweren Schaden für die psycho-kognitive Verhaltensentwicklung auswachsen kann.

Wie heute bereits sichtbar wird, erzeugt eine digitale Deprivation durch den hohen Medienkonsum im Kindes- und Jugendalter narzistische und autistoide Symptome und später eine geringe Belastbarkeit im Berufsleben. Die Zunahme von psychischen Erkrankungen im Jugendalter und der gewaltige Anstieg von Patienten mit Depressionen und Burnout-Syndrom sollten doch endlich zu einer ersten Konsequenz führen, nämlich den privaten und schulischen Digital-Wahn zu bremsen.

FK: Gibt es Unterschiede zwischen den Folgen von Computer- und Fernsehnutzung?

GTN: Mir ist nicht bekannt, ob es dazu fundierte Vergleichsstudien gibt. Ganz allgemein kann man davon ausgehen, dass alles was der Mensch aktiv betreibt, vom neuronalen Einsatz der Senso-Motorik getragen wird. Grundsätzlich zählt auch die Computernutzung, in allerdings begrenztem Maß, dazu. Damit verbindet sich automatisch eine höhere Beanspruchung von hirneigenen Mechanismen als bei einer nur auf die Sensorik gestützten Fernsehnutzung. Das Fernsehen verführt alsbald zu einer Absenkung des hirneigenen Stoffwechsels und einer generellen Abflachung von neuronalen Aktivitäten. Das wiederrum erzeugt einen abgeflachten Zustand des Bewusstseins. Selbst wenn eine Kinder-Sendung noch so spannend anfängt, ist sie doch gewiss nur als Sandmännchen-Story geeignet. Der Einschlafeffekt beruht nicht nur darauf, dass sich die hirneigenen Aktivitäten des Kindes auf ein geistloses Hinsehen und Hören reduzieren. Vielmehr spult sich das filmische Geschehen auch im Kopf des Kindes als chancenlos ab, in das Geschehen eingreifen zu können. Das frustriert und erzeugt alsbald Lustlosigkeit und unterdrückt Eigeninitiativen. Jede von einer Person vorgelesene oder frei erzählte Geschichte ist geeigneter, im Kind Neugierde und Phantasie zu wecken und eine Erlebniswelt aufzubauen, aus der heraus sich automatisch Gedächtnisspuren anlegen können.

FK: Warum lernt das Kind nichts, wenn es mit dem Finger über das Display wischt?

GTN: Zur Beantwortung dieser Frage verweise ich auf obige Ausführung zur reizreichen bzw. -armen Umwelt und der angepassten Ausbildungsdichte von synaptischen Kontakten in den zugehörigen Rindenfeldern. Und ich verweise auf ein kürzlich erschienenes hervorragendes Buch mit dem Titel »Wer nicht schreibt, bleibt dumm.« (M.-A. Schulze Brüning, 2017), in dem umfassend dargelegt wird »Warum unsere Kinder ohne Handschrift das Denken verlernen« (so der Untertitel). Die neuronalen Hintergründe lassen sich knapp auf den Punkt bringen: Brot und Wasser sind zum Leben nötig – Aktivitäten zum Lernen und Denken. Je mehr Aktivitäten den Nervenzellen im Großhirn des Kindes alle Tage wieder zuströmen, desto differenziertere Verschaltungen können sich in den reifenden Nervennetzen anlegen und desto besser können sich das Gedächtnis und das Denken entwickeln. Deswegen wird das Kleinkind von klugen Eltern über Fingerspiele und Basteln dafür vorbereitet, als Schulkind das Schreiben und Lesen spielerisch erlernen zu können.

Es ist ein fauler Kompromiss, das Kind zwei Stunden draußen rumtoben zu lassen, um ihm dann eine Computerstunde frei zu geben. Denn sobald das Kind über das Display wischt, werden im Gehirn zwei unangemessene Vorgänge in Gang gesetzt: (1) die jeweils kurzen Zeitfenster für das Reifen von Nervennetzen – für Sprechen, Schreiben, Lesen, Rechnen und zunehmend für Denken und kreatives Planen – können nicht optimal genutzt und nicht hinreichend strukturiert werden. Denn das neuronale Fenster schließt sich alsbald mit fortschreitender Entwicklung und kann die Ausfälle später nur äusserst erschwert nachholen. (2) Eine digitale Verarbeitung beschleunigt die hirneigenen Zeitgeber speziell in dem für das Lernen zuständigen limbischen Kortex. Hier befindliche Leitungsbahnen und ihre Taktgeber führen ein Wischen über das Tablet einem sich selbst beschleunigenden und verstärkenden Schaltkreis zur Suchtentstehung zu. Das kindliche Gehirn kann es willentlich nicht verhindern, eine geistlose Lust am Wischen zu entwickeln. Sein Gehirn wird regelrecht vergewaltigt und der digitalen Abhängigkeit überlassen. Nur das Stirnhirn könnte das verhindern wollen. Aber Einsicht und Wille brauchen noch viele Jahre bis sie ihr Zeitfenster der Reifung soweit geöffnet haben, vernunftbezogen handeln zu können. Jede halbe Stunde am Display ist eine halbe Stunde zuviel, denn die geheimen Verführer wie YouTube haben u.a. über die Taste autoplay längst dafür gesorgt, dass die Begierde heftiger wird, lieber Surfen als Rumtoben zu wollen.

Die Verantwortung der Erwachsenen gebietet uneingeschränktes Handy-Verbot für Kinder und Jugendliche bis zum 16. Lebensjahr. Schließlich hat die Dekade der Hirnforschung alle die hier angerissenen wissenschaftlichen Fakten bereits um die Jahrtausendwende der Öffentlichkeit übergeben. Eltern, Pädagogen, Kinderärzte und Krankenkassen sind in die Verantwortung genommen.

FK: Was sind ideale Lernbedingungen düe Kinder?

GTN: Es galt früher als selbstverständlich, dass Kinder auf Bäume klettern und viel herumtoben. Dann hat uns die Hirnforschung darüber aufgeklärt, dass dies der positiven Stimulation und Reifung von raum-zeitlich strukturierten Funktionssystemen und somit der Bahnung einer vielseitigen Begabung dient. Raum und Zeit erwiesen sich als die existenziellen Stützpfeiler des Gehirns, aus denen menschliche Hirnleistungen immer wieder hervorgehen. Diese Stützpfeiler sind uns nicht angeboren, sondern sie werden über den Einsatz kindlicher und jugendlicher Körperaktivitäten in hochplastische Nervennetze einprogrammiert. Das leisten die vielseitigen körperlichen Bewegungen des Kleinkindes und die sportlichen Tätigkeiten des Jugendlichen. Selbst die rhythmischen Wander- und Laufbewegungen des Erwachsenen stimulieren nach wie vor diese kindlich erworbenen motorischen Schaltkreise und versorgen Transmitter und Synapsen lebenslang für Lern- und Denkprozesse. Angemessene Konzepte, Kinder in natürlichen Umwelten aufwachsen zu lassen, können vor diesem Hintergrundwissen unschwer abgeleitet werden. Schließlich haben uns die Pädagogik von Maria Montessori und Rudolf Steiner hervorragende Methoden zur Hand gegeben.

FK:Wie können wir unsere Kinder so begleiten, dass die digitale Welt ihnen nicht schadet?

GTN: Es gibt einen für Kinder immer wieder sehr einprägsamen Zweizeiler, der sich in erweiterter Form folgendermaßen liest:

»Messer, Gabel, Schere, Licht – sind für kleine Kinder nicht,
auch vor Tablet und Smartphone – man Kinder verschohn«!

Die gezielten Verbote technischer Geräte im Kindesalter haben unseren Vorfahren den Nutzen eingetragen, im Erwachsenenalter mit den besagten Gegenständen sinnvoll umgehen zu können. Auch die Digitaltechnik reiht sich da ein. Es ist einfach blanker Unsinn zu behaupten, Kinder müssten frühzeitig an diese Technik herangeführt werden, um sie später zu beherrschen. Auch der Umgang mit digitalen Medien ist nicht schwerer zu erlernen als der Umgang mit Messer und Gabel bei Tisch. Aber Medien sind erheblich gefährlicher, denn ein vorzeitiger Einsatz wird die geistige und seelische Entwicklung des Kindes und Jugendlichen schwer beschädigen.

FK:Digitalpakt – meinen Sie, dass sich dieser noch abwenden lässt – oder, was müssen wir tun, damit das möglich wird?

GTN: Der Digitalpakt wird sich wohl auch nicht mehr durch den noch ausstehenden Beschluss des Bundesrats abwenden lassen. Die Basisarbeit für Lehrer und Eltern ist ab jetzt um so schwieriger geworden. Schauen Sie über die Landesgrenzen in Länder wie Südkorea, die Niederlande, einige US-Bundesstaten, Australien, Türkei, in denen man seit mehreren Jahren Erfahrungen zum schulischen Umgang mit Tablets eingeholt hat und sie jetzt wieder aus den Schulen herausholt.

Kinder sollten ohne jegliches digitale Spielzeug aufwachsen und bis zum 16. Lebensjahr möglichst ohne Tablet und Smartphone durch die Schule gehen, damit sie ihre geistige Begabung auch und gerade für den späteren sinnvollen Umgang mit digitalen Medien wirklich erst ausbilden können. Wenn Schule nur ein anderer Begriff für Lernen bleiben soll, dann erübrigen sich digitale Techniken, weil sie Oberflächlichkeit, Denkschwäche, Kreativitätsverlust und Sucht fördern und das Lernen geradewegs blockieren. Es gibt nur einen Ausweg, nämlich alle verfügbaren Kräfte und Mittel dafür einzusetzen, Kitas und Schulen technikfrei und lebenswert zu erhalten und zu Lernoasen mit Spielflächen, Erholungs- und Ruhezonen auszubauen. Der Digitaltopf sollte dazu verwendet werden, mehr gut ausgebildete Lehrkräfte und qualifizierte Ganztagsbetreuungen zu organisieren.

Die Fragen stellte Ariane Eichenberg.

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