Der letzte Tag vor den Weihnachtsferien

Von Karin Joost, Dezember 2014

Ich komme am Morgen schon etwas eher als sonst in den Kindergarten, denn ich habe es mittlerweile verinnerlicht: Wie in der Eurythmie – immer einen kleinen Tick voraus sein – das macht es leicht und man ist gelassener. Mein persönliches Fazit daraus: dann habe ich die Dinge im Griff und nicht die Dinge mich.

Foto: © Charlotte Fischer

In diesem Sinne – also los: Hier und da ein Handgriff, damit alles bereit liegt: Band, Scheren, Sternchen … Noch eine letzte Kontrolle: Sind tatsächlich alle Päckchen beschriftet … ja, gut, dann kann ich das aus meinem Kopf streichen. Die Zutaten für die Frühstückszubereitung müssen noch an Ort und Stelle, sodass man nicht durch Aufstehen und »Holenmüssen« unnötig mehr Unruhe entstehen lässt. Ach ja, der Hausmeister und Jakob kommen ja auch noch ... die Päckchen stehen dort. Ich fühle eine gelassene Anspannung, dass alles zur rechten Zeit fertig wird und vor allem in Ruhe.

Die Kollegin kommt, bringt Dinge mit, die die Kinder nicht sehen sollen – fix alles nach oben gebracht. Ein paar Worte gewechselt – wir hören schon draußen die ersten Kinder – den Spruch aus dem Seelenkalender lassen wir dann heute einmal sein … Das Telefon klingelt … Upps, Maria und Josef müssen ja noch einen Schritt gehen, denn heute kommen sie im Stall an. Ganz wichtig – schnell gestellt – puhh, geschafft.

Die ersten Eltern und Kinder kommen … vorbildlich bin ich die Ruhe selbst, sitze im Gruppenraum und bereite das Frühstück vor – natürlich damit die Kinder sich gleich tätig zu mir gesellen können, aber auch – vor allem heute – weil wir dann vor dem Morgenkreis wenigstens schon damit fertig sind und alles andere schaffen können.

Morgenkreis

Nachdem das Müsli fertig ist und die meisten Kinder da sind, stellen wir die Stühle zum Morgenkreis. Es knistert heute schon überall ein wenig, denn es geht heute in die Ferien … zu Oma und Opa … ein Päckchen ist schon gekommen … der Weihnachtsbaum ist schon geholt … Ich höre zu, höre zu, höre zu … aber jetzt wollen wir anfangen … der Opa diskutiert noch mit seinem dreijährigen Enkelsohn in der Garderobe … dieser weint … Noah hockt auch noch in der Garderobe, er hat sich unter seiner Jacke versteckt, weil er meint seine Mutter hätte sich nicht ausreichend von ihm verabschiedet. »Weißt Du, was heute in meinem Adventskalender war?« höre ich von rechts. Nachdem das, was darin war, nun auch noch in mein Ohr gelangt ist und einen Platz in meinem Kopf gefunden hat, klappe ich meine Ohren zu und beginne zu singen (schon jetzt sind wir später dran als geplant …) Trotzdem, ruhig und gelassen wie immer, verteilen wir die Kerzenhalter, alles geht wie schon in den letzten zwei Wochen – nur das Knistern und Kribbeln war nicht so deutlich. Wir singen, die Kerzen brennen – heute bedarf es einer besonders hohen Aufmerksamkeit. Der Opa und sein Enkelsohn sind nun auch dabei. Noah unter seiner Jacke in der Garderobe ist in meinem Bewusstsein …

Naschrunde

Nach dem Morgenkreis werden Aufgaben verteilt: Kerzenhalter einsammeln, Stühle wegbringen, Tisch aufklappen (aus Platzmangel und aufgrund der ungünstigsten Raumaufteilung, die man sich denken kann, gibt es klare Ansagen, wer was macht). Die Kleinen werden in ihren Stühlchen an den Tisch geschoben, dort sind sie während des Räumens gut aufgehoben … Das Obst, das ja wegen des eurythmischen Gedankens schon gut vorbereitet auf der Fensterbank steht, wird zur gewohnten morgendlichen »Naschrunde« auf den Tisch gestellt. Das Naschen beginnt, obwohl wir eigentlich schon bei den Päckchen sein müssten … Ich höre von fern meinen Mann sagen: »Erst A dann B …« Ich antworte im Stillen: »Danke!« Also Ruhe und Freude beim Obst naschen!

Noah ist mittlerweile mit Hilfe der Kollegin auch schon bis in den Gruppenraum vorgedrungen und sitzt nun in der Ecke an der Tür – ich sehe ihn und er sieht, dass ich ihn sehe. Das ist gut. Blickkontakt mit der Kollegin – ach ja, Ole geht mir ihr in die Küche. Er war krank, kann aber heute noch sein Deckchen bedrucken, sodass er in der Abschlussrunde auch ein Päckchen hat. Das Obst naschen ist fertig, alle Reste in die Schüssel, das ganze »Geötzel« auf die mit blauen Tüchern schön gestaltete Fensterbank – egal, heute ist es so!

Päckchenpacken

Nun kommen die Päckchen dran: »Ich will noch einen Stern ausschneiden …« »Wo ist mein Päckchen?« »Ich kann meines nicht finden …« »Ich will auch sitzen …« Neben mir rollt Onno gerade meterweise das goldene Band von der Rolle … Ich atme tief durch und verteile Aufgaben, damit die fleißigsten Hände beschäftigt sind … und manch einer muss sich nun im Warten üben. »Noah in der Ecke« – immer noch in meinem Bewusstsein – bekommt nun ein Lächeln und eine besondere Aufgabe von mir. Er freut sich und kommt zu mir – er ist wieder da!

Alles Gebastelte und Bedruckte der letzen Zeit wird nun in die Päckchen gepackt – ein geschäftiges Treiben mit hoher Anforderung an die Aufmerksamkeit: hier noch das Deckchen … da der Stern … uhh, den Namen kann ich ohne meine Brille kaum entziffern. Da muss ich beim nächsten Mal deutlicher schreiben. Nun das goldene Band drum herum und die Klebesternchen drauf. Alles, was fertig ist, wird aus Platzmangel auch auf die schön gestaltete Fensterbank gestellt. Das, was »die Raupe« gerade rechts hinter mir alles zusammenkippt, nehme ich wahr und atme tief durch. Der kleine Tom (wir haben zwei Eineinhalbjährige in der Gruppe) beginnt laut zu johlen. Ich fühle gerade ein schlechtes Gewissen in mir aufsteigen … sind die Kleinen vielleicht doch überfordert in einer Familiengruppe? Schadet diese Unruhe vielleicht doch? Ich versuche, diese Gedanken wegzuschieben – nicht jetzt – schön bei der Sache bleiben … in welchem Buch stand das noch … aus dem Chaos ergibt sich wieder eine Form … na, hoffentlich! Die Päckchen sind fertig, einige Raupenfahrzeuge haben gerade Fahrverbot bekommen, ich bekomme einen Schreck: wo sind denn die Kleinen überhaupt? Doch die sitzen in der Ecke unter einem rosa Dach und räumen vergnügt die Klötze aus. Ich atme aus, schaue ihnen nur einen Augenblick zu – heute habe leider nicht mehr Zeit dafür – und muss zufrieden lächeln …

Ein Blick auf die Uhr – oh weh, jetzt aber aufgeräumt! Die Zeit drängt zur Windeseile, aber – Ruhe bewahren, wir machen es heute anders: »Leis, leis, leis, wir machen einen Kreis!« Die Kinder kommen schnell heran … die, die meinen, sie könnten sich mit Versteckenspielen einen Spaß machen, werden von mir eines Besseren belehrt. Heute geht es nicht und jedes Kind bekommt eine Aufgabe, bei der der Mund ganz fest zu ist. Ich setze mir Tom zu seiner Sicherheit auf meine rechte Hüfte und los geht's … Stück für Stück findet wieder seinen Platz. Fünfzehn Kinder und drei Erwachsene machen die Gruppe »weihnachtsfein« und bereit für das kleine Hirtenspiel von Wilma Ellersiek, auf das ich mich innerlich schon einstimme.

Dann geht es zum Händewaschen. Die Kollegin hilft dabei, während ich die Kleinen wickele. Die Kinder, die fertig sind, stellen schon die Bänke so, dass wir uns alle zum Goldtröpfchen setzen können – die provisorischen Räume, in denen wir zur Zeit noch untergebracht sind, verlangen immer und überall ein Herrichten der Dinge so, wie wir sie gerade brauchen. Ich setze mich, habe Tom auf dem einen Knie, da kommt Isabel und will auf mein anderes. Die beiden »unterhalten« sich – die anderen Kinder werden still, sitzen mittlerweile alle auf den Bänken und wir hören den beiden Kleinen zu. Ein besonderer Moment – ich atme aus – meine Kolleginnen und ich schauen uns an und lächeln …

Reigen

Nach dem Goldtröpfchen ziehen wir Hand in Hand »an einem goldenen Band« in den ersten Teil des Gruppenraumes. Ich bemühe mich, mich innerlich zu ordnen und einzustimmen, sodass bei dem anstehenden Reigen meine Bewegungen ruhig und klar sind und rufe mir den Text ins Gedächtnis, soweit es mir nach dem aufregenden und präsenzfordernden Morgen möglich ist. So »schreiten« wir durch die Garderobe in den Gruppenraum und stehen im Kreis, ich bin innerlich gefasst, geordnet und vorbereitet, diesen Reigen am letzten Tag vor den Ferien in einer besonders innigen, vorweihnachtlichen Stimmung führen zu können. Tom sitzt immer noch auf meiner rechten Hüfte, ich hebe eine Hand hoch und deute die Glocke an, mit der wir uns einschwingen wollen. Da schaut Tom mich mit großen Augen an und lacht. Ich lächle zurück. Dann schaue ich nach links – da haut's mich fast aus den Socken: Noah, fünf Jahre alt, blondes Lockenköpfchen, blaue Augen, manchmal meint man, er hätte einen Gummiball verschluckt, kann wütend werden wir ein Rumpelstilzchen und war Grund für einige Elterngespräche, lief bei der Adventsspirale, als ich ihm die Apfelkerze brachte, nicht »ordentlich« wie es die anderen Kinder gemacht hatten, hinter mir her zum »Eingang« der Spirale, sondern er lief genau entgegengesetzt, sodass ich einen Moment das Gefühl hatte, Teil einer Quadrillie zu sein – sieht mich an – und ich schaue auf zwei silberfarbene Klebesternchen, die mitten auf seinen Brillengläsern kleben. So stand ich dann da, fassungslos lachend … der Text war weg … die gefasste Stimmung war weg … meine Kollegin und ich schauten uns an und lachten … alle Kinder lachten … Tom lachte … Isabel lachte … Noah lachte … Dann haben wir den Reigen gemacht – so gut wir es konnten – der Text war so wie es gerade kam. Ich denke Wilma Ellersiek würde es uns verzeihen. Aber so freudig und echt wie an diesem Tag hatten wir das Dideldum-Tänzchen noch nie um das Christkind herum getanzt. Und noch nie war der Ruf vom Josef: »Haltet ein, es ist genug für's Kindelein!« so echt wie an diesem Tag. Das Ganze war ein wunderbares Erlebnis und ich danke Noah sehr für seine kleine »Showeinlage«, die uns zum einen in ein so freudiges Hirtenspiel gebracht hat, wie es auch mit der besten innerlichen Vorbereitung und der gefasstesten Haltung nie hätte werden können. Zum anderen hatten sich das Kribbeln und die Anspannung gelöst. Michel aus Lönneberga wäre dafür in den Schuppen gekommen! Warum eigentlich?

Einen Dank an Noah und alle originellen Kinder, die in manchen Kreisen auch als schwierig bezeichnet werden. Schön, dass es Euch gibt. Wir brauchen Euch!

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