Die Macht der Worte

Von Käthe Bleicher, September 2022

Wie achtsam sind wir bei der Wortwahl, wenn wir über unser eigenes Kind sprechen und welche Auswirkung hat sie auf sein Selbstwertgefühl?

Foto: © Charlotte Fischer

Hinweis: Der Artikel ist in der Sommerausgabe der Zeitschrift »Frühe Kindheit« (02/2022) erschienen. Einzelne Ausgaben können Sie hier bestellen. Hefte, die älter als ein Jahr sind, stehen in unserem Archiv zum Download für Sie bereit.


Immer wieder sprechen wir im Alltag mit anderen Personen über unsere Kinder.

Wir reden darüber, was sie tun, Neues können oder vielleicht Lustiges angestellt haben. Und nahezu immer hören uns unsere Kinder dabei zu. Auch dann, wenn wir vielleicht denken, dass uns unser Kind gerade nicht hören kann.

Wie achtsam sind wir im Alltag bei der Wortwahl, wenn wir über unser eigenes Kind sprechen?

Sprache besitzt Macht. Sprache wirkt. Auch mit Sätzen, die wir scheinbar als unbedeutend, vielleicht sogar als gar nicht schlimm erachten, können wir bei unserem Gegenüber durchaus etwas Negatives auslösen.

Wie wirkt unsere Sprache auf die Kinder und warum ist hier unsere Sorgfalt besonders gefordert, vor allem dann, wenn wir im Beisein unserer Kinder über sie sprechen?

Sorgfalt, die auch dadurch entsteht, dass wir uns unserer selbst sicher sind und vor allem den machtvollen Einfluss der gesprochenen Worte auf andere verstehen. Oder wenn nicht verstehen, so doch in Rechnung stellen und entsprechend sorgfältig unsere Worte wählen.

Nachdenklich, ohne Hast und immer wieder auch dem Gesagten anschließend nachspürend. Ganz besonders dann, wenn die Worte im Zorn oder auch nur in großer Eile gesprochen wurden.

Welchen Einfluss haben unsere Worte auf das Selbstbild und die Selbstwahrnehmung unseres Kindes?

»Ach schau mal, die kleine Maus, ist die nicht niedlich. Wie hübsch sie doch aussieht!«

»Ich glaube er hat heute schlechte Laune, der ist schon den ganzen Morgen so bockig!«

»Wir kommen jeden Morgen deinetwegen zu spät in den Kindergarten, weil du immer so trödelst! Alle anderen Kinder sind schon da, jetzt bist du mal wieder die letzte!«

»Das ist immer das gleiche mit meinem Kind.

Es muss jedes Mal auf die Toilette, wenn wir gerade ankommen. Ich verstehe nicht, warum es nicht einfach mal auf Toilette gehen kann, bevor wir das Haus verlassen.«

»Jetzt stell dich doch nicht so an, du bist doch kein Baby mehr!«

Solche Aussagen hören wir täglich, wenn Erwachsene über Kinder oder mit Kindern im Beisein anderer Personen sprechen. Aussagen, die der Erwachsene vielleicht nicht böse meint, vielleicht nur vor sich hin spricht, ohne besonders über das Gesagte nachzudenken. Aber sie haben natürlich eine Wirkung. Besonders dann, wenn ein Kind solche Sätze immer und immer wieder hört, dringen die Botschaften bis in sein seelisches Empfinden hinein.

Ob es nun die lapidare Bemerkung morgens im Kindergarten gegenüber der Erzieherin ist, dass man mal wieder zu spät dran sei, weil das Kind in der Früh einfach nicht aus dem Haus komme. Oder ob es sich um die lustige Anekdote handelt, die man der besten Freundin beim gemeinsamen Familienausflug über die Tollpatschigkeit des eigenen Kindes erzählt. In all dem sollten wir Erwachsene eines nie vergessen: Unsere Kinder hören häufiger mit, als wir uns vorstellen. Sie können uns verstehen und sie werden die Botschaft unserer Worte abspeichern – positive ebenso, wie negative. Denn unsere Kinder lernen in ihren ersten Lebensjahren nicht nur jeden Tag neue Wörter dazu, sie eignen sich damit auch an, wie und wo man Sprache im Alltag einsetzt. Die verbale zwischenmenschliche Kommunikation dient ja nicht nur dazu, Dinge zu benennen, etwa den Apfel oder das Auto, sondern bringt vor allem auch Gefühle, Wahrnehmungen, Beobachtungen, Erlebnisse und Vieles mehr zum Ausdruck. Worte sind ein Ausdruck unseres Seelenlebens, unseres Ich-Empfindens und unseres Selbstwertgefühls. Dank der Sprache sind wir dazu in der Lage, auch unser tiefstes Empfinden mit anderen Menschen zu teilen. Nur benötigen wir hierfür Vertrauen. Ein achtsames Gegenüber, das uns interessiert zuhört und uns ernst nimmt. Bei dem wir Wertschätzung und Respekt erleben.

Im Buch »Dein selbstbestimmtes Kind« von Jesper Juul findet sich eine schöne Beschreibung: »Ob Wut, Angst, Trauer oder Enttäuschung – Kinder müssen in einer Umgebung aufwachsen, in der diese Gefühle mit Empathie begrüßt, anerkannt und respektiert werden. Dies ist der ideale Nährboden für die Entwicklung eines gesunden Selbstgefühls.«

Damit Kinder lernen können, auch ihr Innerstes mit uns zu teilen, müssen sie sich von uns angenommen und geliebt fühlen. In ihrem Wesen ebenso, wie in ihrem Tun.

Die Art und Weise, wie wir über unser eigenes Kind sprechen, wird einen Einfluss darauf haben, wie sich unser Kind selbst wahrnimmt, was es dabei empfindet und vor allem auch, wie es sich von uns, in seinem Umfeld angenommen und willkommen fühlt. Das Kind formt sich ein Bild von sich selbst anhand unseres sprachlichen Vorbildes, anhand der Worte, die wir wählen, wenn wir sein Verhalten, sein Wesen und ganz besonders seine Gefühle beschreiben und benennen.

Das, was ein Kind von seinen Eltern, von seinem Vorbild, täglich gespiegelt bekommt, hat unausweichlich einen großen Einfluss auf sein eigenes Selbstbild, seine Selbstwahrnehmung.

Ein Kind, das ständig im Zusammenhang mit seiner Persönlichkeit, seinem Benehmen oder Tun bestimmte Eigenschaften vermittelt bekommt – etwa immer nervig zu sein, zu laut, zu still, zu schüchtern, zu wild oder einfach nur süß – wird diese Eigenschaften, die ihm durch unsere Wortwahl zugeschrieben werden, mit der Zeit als Teil von sich selbst annehmen und verinnerlichen – ganz gleich, ob unsere Beschreibung, die Wahl unserer Worte nun richtig oder falsch waren. Was können wir als Eltern tun, damit wir achtsam bei der Wortwahl sind?

Wir sollten uns als Erwachsene, als Eltern, unserer Verantwortung und unserer Vorbildfunktion stets bewusst sein und unsere Worte gegenüber unseren Kindern mit Bedacht und Achtsamkeit wählen und auch deren machtvolle Wirkung nicht vergessen.

Erlebt unser Kind an uns eine respektvolle, feinfühlige und mit Bedacht gewählte Kommunikation und vor allem ein wertschätzendes Beschreiben und Benennen seiner Persönlichkeit, seiner Gefühle und seines Verhaltens, die im besten Falle wertfrei sind, so helfen wir ihm nicht nur dabei, ein positives Selbstbild zu entwickeln, sondern wir schulen damit auch seinen Sinn und seine Fähigkeit für eine respektvolle Wortwahl und Kommunikation.

Und wenn es uns doch einmal passiert, dass wir im Zorn oder in der Eile des Alltags ein unachtsames Wort wählen? Dann können wir das korrigieren und uns im Nachhinein auch durchaus beim Kind entschuldigen – besonders dann, wenn wir es mit unseren Worten verletzt haben. So wie wir ja auch bei unserem Partner oder einem guten Freund unser Bedauern zum Ausdruck bringen würden, wenn wir uns im Wort vergriffen haben.

Gleichzeitig erlebt hier das Kind auch, dass wir wahrhaftig sind und uns selbst und unser Verhalten gegenüber anderen Personen reflektieren und ihm nachspüren können.

Worte haben zwar Macht, aber wir als Menschen besitzen die Fähigkeit, sie positiv zu lenken und zu nutzen.

Zur Autorin: Käthe Bleicher ist Waldorfpädagogin, SAFE®-Mentorin und B.A.S.E.®-Gruppenleiterin und absolvierte eine Weiterbildung in der Bindungsbasierten Beratung und Bindungspsychotherapie (BBT). Sie arbeitet als freie Autorin, Elterncoachin und bietet Workshops und Onlineberatungen für Fachpersonen mit dem Schwerpunkt der sanften Eingewöhnung in die Krippe an. Sie lebt in München und ist Mutter eines Sohnes.

www.kaethebleicher.de

Literatur: J. Juul: Dein selbstbestimmtes Kind. Unterstützung für Eltern, deren Kinder früh nach Autonomie streben, München 2022

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