Eine Feuerwehr für Familien

Mai 2020

Claudia Schüler ist Bereitschaftspflegerin. Sie nimmt Kinder auf, die in akuten Notsituationen sind und nicht in ihren leiblichen Familien bleiben können, bis sie ein neues Zuhause gefunden haben. Unser Gespräch fand in einer Pause statt – in Kürze wird ein neues Baby zu ihr kommen, das alle Aufmerksamkeit und Zuwendung benötigt.

Foto: © Charlotte Fischer

Frühe Kindheit | Was impliziert Ihr Beruf »Bereitschaftspflege«?

Claudia Schüler | Bereitschaftspflege ist eine Art Feuerwehr für Kinder in akuten Notsituationen. Wir sind pädagogische Fachkräfte, die über das Stadt-jugendamt Kinder aufnehmen, die in ihrer leib-lichen Familie nicht aufwachsen können, die z.B. zur Adoption freigegeben werden, oder deren Wohl gefährdet ist. Es sind Kinder, die von Vernachlässigung, Drogen, Gewalt und Missbrauch bedroht oder gar betroffen sind. Sie bleiben so lange in der Bereitschaftspflege, bis auf allen Ebenen geklärt wurde, wie es für sie weitergehen kann. Das kann im besten Fall die Rückführung in die Familie sein, oder die Unterbringung in eine Vollpflege-familie – das heißt Familien, die die Kapazität für ein weiteres Kind haben und dieses bis zur Voll-jährigkeit begleiten –, bis hin zur Unterbringung in ein Kinder-heim oder eine heilpädagogische Einrichtung – je nachdem, was in der jeweiligen Situation als das Richtige erscheint. Wir als Bereitschaftspfleger sind dann wieder frei für das nächste Kind.

FK | Wie alt sind die Kinder, die zu Ihnen kommen?

CS | Sehr klein, ein paar Monate nur. Oft handelt es sich auch um Neugeborene. Kinder, die zur Adoption freigegeben werden, sind gleich nach der Geburt acht Wochen in Bereitschaftspflege. Es ist die Zeit, die die Mutter hat, um sich für oder gegen eine Freigabe zu entscheiden. Hat sie die Unterschrift beim Notar geleistet, hat sie keinerlei Ansprüche mehr. Das Kind wird weitervermittelt. Heutzutage versucht man allerdings, offene Adoptionen zu machen, das heißt, den Kontakt zu der leiblichen Mutter zu halten, so dass das Kind möglichst früh ein Bewusstsein davon hat, dass es zwei Mütter hat. Die meisten der Fälle sind mit wahnsinnig viel Schmerz verbunden. Ein Baby, das geboren wird, das nie gewollt war, ist einfach traumatisiert, und das merken wir, selbst wenn es nur acht Wochen bei uns ist.

FK | Sie machen diese Arbeit mit Ihrem Mann zusammen?

CS | Ja, er unterstützt mich sehr. Ohne ihn ginge das gar nicht. Ich mache zwar alle Dinge, die das Kind anbelangen, als verlässliche, erkennbare Bindungsperson, aber der Laden muss weiterlaufen. Es muss eingekauft, gekocht, sich ausgetauscht und auch seelisch unterstützt werden.

FK | Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?

CS | Eigentlich waren Kinder immer schon mein Thema. Ich hatte seit kleinauf eine enge Verbindung zu Kindern, doch das war für mich so normal, dass ich nie daran dachte, daraus einen Beruf zu machen. Dann hat sich mein Leben über verschiedene Wege zu einem Punkt hingeschlängelt, so dass ich meinen Beruf – ich war damals beim Bayerischen Rundfunk im Konzertmanagement tätig – aufgegeben habe und mich mit der ADHS-Thematik und Indigo-Kindern eingehend befasste. In der Folge kamen auch Eltern zur Beratung, wir haben geredet, die Probleme angeschaut, aber ich hatte das Gefühl, dass mit den Kindern eigentlich nichts wirklich falsch war. Da kam ich auf einen verrückten Gedanken: Diese Kinder müsste man einfach einmal für ein paar Wochen bei mir lassen, dann würde das schon wieder werden. – Aus dieser Idee, den Kontext zu ändern, Situationen aufzubrechen und eine neue Szenerie zu schaffen, aus der ordnende Impulse für den weiteren Verlauf entstehen können, ist dann der Kontakt zum Jugendamt entstanden. Dass diese Kinder noch ganz andere Themen mitbringen würden, die weit in tiefe seelische Abgründe reichen, das habe ich damals nicht geahnt. Nach der Aufnahme meines ersten Pflegekindes habe ich nach Konzepten gesucht, die mir ein tieferes Verständnis und den richtigen Ansatz vermitteln würden, um diesen besonderen Schicksalen noch gerechter zu werden. So bildete ich mich zur Waldorferzieherin und Elternberaterin für die frühe Kindheit am IPSUM-Institut aus, machte die SAFE-Ausbildung bei Karl-Heinz Brisch und beschäftigte mich eingehend mit der Bindungsforschung, Traumaforschung, der Gehirnwissenschaft und den Arbeiten von Dr. Pikler. Ich fühle mich heute gut aufgestellt und doch lerne ich mit jedem Kind dazu.

FK | Was muss bei den Pflegekindern besonders beachtet werden?

CS | In allen Situationen müssen wir wissen, dass das gesamte System brüchig und fragil ist. Jede Handlung muss innerlich durchdacht und gestaltet sein. Die Pflege sollte heilend sein. Man wickelt nicht nur, bringt ins Bett, füttert, sondern es kommt darauf an, dass das Kind in jedem Moment absolute Zuwendung spürt, so dass es wieder erleben kann: Die Welt ist gut! So, wie es ist, ist es gut! Wenn ich sagen würde: »Ach Gott, du tust mir so leid! Das ist ja so schrecklich, was dir passiert ist!«, dann ist das für das Kind gar keine Hilfe. Wir müssen vermitteln können, die Situation war lebensbedrohlich, aber wir kriegen das hin! Wir stehen das zusammen durch. Das Kind muss spüren können, da ist jemand ganz für mich da. Er gehört zwar leiblich nicht zu mir, aber er ist immer anwesend und fängt mich in jeder Situation auf. Der macht das sogar ganz freiwillig nur für mich. Dieses Vertrauen wiederherzustellen, ist das Wichtigste überhaupt. Es ist die Grundlage für alle weitere Entwicklung. Krisen können dann durchlebt werden und wirken nicht zerstörerisch. Das, was die Kinder erlebt haben, können wir definitiv nicht rückgängig machen. Die Erfahrungen, ich bin geschlagen worden, ich habe Drogen oder Alkohol abbekommen, sind unumkehrbar; aber der gute Umgang mit ihnen ist erlernbar.

In letzter Zeit sind viele fötale Alkoholembryopathien bekannt geworden, so dass man einen genaueren Blick auf diese Kinder hat. Die Schädigungen am Gehirn sind sehr groß. Da kann man nicht einfach sagen: Jetzt schauen wir mal, was da kommt. Da muss man ganz bewusst vorgehen, Handlungen anlegen, durchführen, beenden, Impulse wahrnehmen, reagieren, korrigieren. Diese Kinder haben sehr oft fehlende Impulskontrollen. Und da kommt es darauf an: Wie gehe ich damit um? Wie binde ich das Kind ein, zum Beispiel beim Wickeln. Lasse ich es einfach liegen und es hat irgendwie ein Mobile über sich oder verlange ich mit meiner Aufmerksamkeit, dass es mitmacht, dass es lernt, die Abläufe zu verstehen, meine Gesten zu verstehen, um dann zu erkennen: Ah, jetzt machen wir das, ich bin da gefragt, das wird nicht an mir gemacht und ich bin kein Opfer. Denn alles, was mit Opfer zu tun hat, kennen die Kinder und kann ganz schnell getriggert werden. Dieses Zum-Mitmachen-aufgerufen-Sein ist sehr entscheidend.

Dann gilt es im hohen Maß Klarheit, Regelmäßigkeit und Geborgenheit zu leben. An den sogenannten Schreikindern ist das unmittelbar spürbar. In einem Kurs am IPSUM-Institut hatte uns eine Krankenschwester vermittelt, dass es in den meisten Fällen keine Schreikinder gäbe. Sie hat uns einen ganz speziellen Umgang gelehrt. Ich dachte, wenn das stimmt, ist ganz vielen Kindern geholfen. Ich hatte zu der Zeit den Eindruck, dass ganze Jugendamt ist voll mit Schreikindern. Also habe ich mich sofort für so ein Baby beworben. Es dauerte keine zwei Wochen und wir hatten ein Kind, das wirklich nur schrie, nicht schlief. Ich habe daraufhin drei Punkte in der Wohnung fixiert, einen fürs Schlafen, einen fürs Füttern und einen fürs Liegen und Spielen. Über diese drei Punkte sind wir die erste Zeit nicht hinausgegangen. Jede einzelne pflegerische Handlung habe ich mit einem maximalen Aufwand an Aufmerksamkeit und liebevoller Zuwendung gestaltet. Es hat keine Woche gedauert und das Kind hat geschlafen, immer länger am Stück, hat aufgehört zu schreien und hat sich gefreut, wenn es die Wiege gesehen hat, hat sich entspannt und hat sich in den Schlaf fallen lassen. Es hat erlebt: »Ich weiß genau, was da kommt, und es überrascht mich nichts mehr und wenn ich aufwache, bin ich nicht allein.« Dieses Wissen hat das Kind ganz schnell aus der Panik heraus geholt. –

FK | Inwiefern spielen die verschiedenen biographischen Erlebnisse in die Erziehung mit hinein?

CS | Kinder, die früh starke Verluste erleben mussten, haben es schwer, unbeschwert neue Dinge zu ergreifen. Alle Übergänge – vom Schlafen ins Wachen, von drinnen nach draußen, von der Familie in den Kindergarten – sind neuralgische Punkte, an denen nochmals eine leichte Irritation hochkommen kann. Das muss man respektieren. Man kann nicht sagen: »Mensch, das kannst du doch! Du weißt doch, was da kommt! Jetzt reiß dich mal zusammen!« Diese Kinder sind keine Feiglinge, auch wenn sie manchmal ganz lange Zeit brauchen für etwas und sich nur langsam einlassen können. Das hat einen Grund.

Liegt eine starke Bindungsstörung vor, vielleicht bei einem dreijährigen Kind, dann erfordert dies, besonders lange auf die Beziehungsbildung zu achten. So kann es durchaus sein, dass dieses Kind sich sofort anpasst, alles sofort mitmacht, offen ist und ohne Probleme in den Kindergarten geht. Auf einmal, nach einem Jahr, beginnt es zu fremdeln. Das ist dann genau der Punkt, an dem eigentlich die Beziehung angefangen hat, Früchte zu tragen. Dann kommt das, was bei anderen Kindern gleich am Anfang geschieht. Dann müssen alle, inklusive Erzieher, sagen: Jetzt machen wir die Anbahnung, auch wenn das Kind schon ein ganzes Jahr da ist. Die Mutter kommt also mit, setzt sich mit hinein … Das, was auf der Gefühlsebene nicht stattgefunden hat, wird also nachgeholt.

Die Geschichte des jeweiligen Kindes zu wissen, ist also äußerst wichtig. Von Babyklappenkindern weiß man natürlich nichts. Da muss man vom Aller-schlimmsten ausgehen oder davon, dass alles in Ordnung war. Gleichwohl würde ich versuchen, das »Thema« des Kindes zu finden und in einem Satz, auf ein Wort reduziert, bei allem, was ich mit dem Kind tue, dieses ein wenig im Hinterkopf zu haben.

FK | Ist es nicht schwierig, jedes Mal neu sich auf immer wieder neue Kinder einzulassen – oft mit dem Wissen, sie bleiben nur für kurze Zeit?

CS | Gerade das erlebe ich als eine Herausforderung. Ich empfinde es als besonders, dass man immer wieder andere Fälle hat, immer wieder andere Geschichten hört, an anderen Schicksalen und Biografien teilnehmen darf. Entscheidend ist, dass man nicht auf Sparflamme fährt, weil man weiß, das Kind geht in drei Monaten sowieso wieder. Umgekehrt: man muss sich eigentlich 200-prozentig einbringen, da man sozusagen die Mutter und den Verlust ersetzt. Man muss einfach diese Liebe zu der Situation, zu der Sache haben, jetzt sofort. Und es ist egal, wie lange sie dauern wird. Es ist gleichgültig, was in drei oder in fünf Jahren sein wird, welches Instrument das Kind spielen, welchen Sport es treiben wird. Es geht nur ums Jetzt mit aller Bewusstheit und allem Einsatz! Das ist der Fokus. Kommt die Trennung, dann entsteht natürlich Schmerz. Der Abschied ist schlimm, das ist wie Liebeskummer. Ich habe allerdings gelernt, die Trauer und den Schmerz zuzulassen, auch weinen zu dürfen und doch nicht vollständig darin zu versinken. Die Welt geht nicht unter – es geht weiter. Ich glaube, dass die Kinder, die kommen, das auch wissen: Unbewusst wissen sie, dass sie nur eine Weile bei uns sind. Auch sie lassen sich voll ein, aber ein Teil von ihnen weiß: Ich bin noch nicht angekommen. Wir wissen beide, dass etwas Neues kommen wird.

FK | Schreibt diese erneute Trennung nicht genau das schon einmal erlebte Trauma – Trennung von den Eltern – fort?

CS | Wir versuchen alles, dass das nicht passiert. Die Trennung wird ganz bewusst gestaltet und ganz behutsam eingeleitet. Wenn eine Mutter sich wider Erwarten nach der Geburt doch für ihr Kind entscheidet, dann können wir auf die leibliche Verbindung zurückgreifen und gehen so vor, dass das Kind möglichst reibungslos in das alt-neue Nest eingebettet werden kann. Ich arbeite viel mit den Müttern vor. Dabei ist wichtig, zu wissen, was die Mütter brauchen, um der Aufgabe gewachsen zu sein. Sind fortan Familienhilfen notwendig oder auch Kinderkrankenschwestern? Es gibt ein großes Hilfesystem, mit dem die Mutter und das Kind weiter begleitet werden können. Wenn das Kind in eine ganz neue Familie hineinkommt, dauert der Übergang viel länger. Die zukünftigen Eltern kommen zu Besuch, täglich für ein paar Stunden, so dass das Kind mit ihrer Anwesenheit vertraut wird. Dann bleiben sie immer länger. Handelt es sich um ein Baby, pflegen wir gemeinsam das Kind. Zuerst sind die zukünftigen Eltern in meinem Windschatten, dann wechseln wir peu à peu und sie übernehmen immer mehr pflegerische Handlungen. Dabei bin ich immer im Hintergrund – fürs Kind. Da ist es wichtig, dass die zukünftigen Eltern damit kein Problem haben, denn es geht jetzt nur ums Kind. Läuft es gut, bleiben die neuen Eltern immer wieder auch allein mit dem Kind. Ich gehe hinaus, bin aber immer noch im Haus und in fühlbarer Reichweite. Gut ist, wenn das Kind noch ein paar Krisen in meiner Anwesenheit durchstehen kann und die neuen Eltern uns dabei beobachten können, um dann beim nächsten Mal nicht unvorbereitet zu sein. Wenn so ein Kind seinen ganzen Kummer rausschreit, muss man das erst einmal aushalten können. Wenn ich merke, die neuen Eltern und das Kind fühlen sich miteinander wohl, erfolgt der Wechsel in die neue Wohnung. Aber auch dieser ist nicht abrupt. Ich komme vorbei, bin da, ziehe mich aber immer mehr zurück. Das ist dann die schwierigste Zeit für mich. Denn jetzt muss ich alles abgeben. Ich darf nicht mehr trösten, nicht mehr halten, bin nicht mehr zuständig, sondern schaue mir alles nur noch an. Das ist eine Herausforderung. Wenn das aber gelingt und ich den Stab weitergeben kann, dann zeigt mir das Kind auch immer, wann es gut ist. Es ist, als ob es mir sagen würde: Jetzt ist es gut. Ich bin Zuhause!

FK | Sind Kinder, die Sie aufgenommen haben, später als Erwachsene noch auf Sie zugekommen?

CS | Nein. Die meisten sind auch noch nicht richtig erwachsen. Sie gehen jetzt erst einmal ihren eigenen Weg. Das muss aber nicht so sein. Ich habe eine Kollegin, die sagt, sie habe dauernd das Haus voll. Immer, wenn ein Geburtstag eines Pflegekindes ist, dann rücken alle an. Ich glaube, das kann sehr unterschiedlich gestaltet werden. Wir haben eigentlich immer eher gesagt: Wenn unser Verhältnis beendet ist, dann sollen die Kinder auch weiterziehen kön-nen. Man muss die Vergangenheit nicht mit sich herumschleppen. Aber, wenn mal irgendjemand vor der Tür steht und fragt: Wie war das eigentlich bei euch?, dann ist das schon spannend. –

Manchmal denke ich mir aber auch: Ich will es gar nicht so genau wissen. Man gibt da viel hinein, und andere machen es anders weiter. Und es ist vielleicht auch nicht immer so, wie man es gerne hätte. Ganz loslassen zu können, zu vertrauen, dass alles so seine Richtigkeit hat, dass es gut ist, auch wenn es mir nicht entspricht, das ist nicht einfach. Aber gerade diese Offenheit kennzeichnet die Bereitschaftspflege. Geht das Kind, dann ist auch wirklich etwas zu Ende. Da muss man dann auch tapfer sein und sagen: Wenn du nicht mehr zuständig bist, dann musst du es den anderen überlassen!

Das Gespräch führte Ariane Eichenberg

www.claudia-schueler.de

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