Eine Michaels-Kämpferin für das kleine Kind

Von Ingrid Weidenfeld, Februar 2022

Zum 100. Geburtstag von Wilma Ellersiek.

Wilma Ellersiek

Hinweis: Der Artikel erschien in der Winterausgabe der Zeitschrift »Frühe Kindheit« (04/2021). Einzelne Ausgaben können Sie hier bestellen. Hefte, die älter als ein Jahr sind, stehen in unserem Archiv zum Download für Sie bereit.


Am 15. Juni 1921 wurde Wilma Ellersiek in einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein geboren. In den Wohnstuben gab es weder Radio noch Telefon, ganz zu schweigen vom Fernseher oder Geräten wie PC und Smartphone. Ob die Welt deshalb besser war, können wir nicht beurteilen; sie war jedenfalls anders.

Vermutlich hat keine Generation solche Wandlungen erlebt wie jene, die in den ersten 30 Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Licht der Welt erblickte.

Wilma Ellersiek hatte das Glück, in einem gebildeten Elternhaus aufzuwachsen. So konnte sie ein Gymnasium besuchen und die Schulzeit mit dem Abitur abschließen – wahrlich keine Selbstverständlichkeit in der damaligen Zeit. Um ihr 20. Lebensjahr herum begegnete Ellersiek der Anthroposophie, die ihr zur Lebensgrundlage wurde. Auf die Schule folgte ein Studium, damals eher ungewöhnlich für eine junge Frau – und erst recht zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Dieser war dann auch der Grund, dass Ellersiek ihr Studium der Germanistik, der Kunstgeschichte und der Schulmusik abbrechen musste. Sie erlebte eine schlimme Zeit mit Verschüttung und Flucht.

Nach den Kriegswirren nahm sie ihr Studium wieder auf, jedoch mit gänzlich anderen Fächern: Ihre Wahl fiel auf Sprecherziehung und Rhythmik. An der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart schloss sie ihr Studium mit Auszeichnung ab und erhielt dort aufgrund ihrer besonderen Begabung sofort einen Lehrauftrag.

Als Lehrerin war Ellersiek immer bemüht, auch noch die allerletzte Reserve aus den Studenten herauszuholen. Ihr Unterricht war spannend, oft sehr spontan und führte nicht selten zu großen Überraschungen bei den Teilnehmern. Sie erwartete im Gegenzug absolute Präsenz und konnte mit außerordentlicher Härte auf ein ihr ungenügend erscheinendes Engagement reagieren. Auch wenn es manchmal schwer war, die hohen Anforderungen zu erfüllen: der Ertrag aus Ellersieks Unterricht war unvergleichlich hoch.

Sprache und Hand hängen zusammen

Einige Absolventinnen der Sprecherzieher-Ausbildung erlebten in ihren Praxen, dass sie bei Kindern mit verzögerter Sprachentwicklung nicht den gewünschten Erfolg hatten und wandten sich hilfesuchend an Ellersiek. Sie nahm die Herausforderung an. Entscheidend schien ihr der Einbezug der Mütter, die sie »zum Mitmachen« einbestellte.

Aufgrund ihres anthroposophisch-menschen-kundlichen Wissens war ihr klar, dass Sprache durch Nachahmung gelernt wird »und dass eine Beziehung zwischen Sprechfunktion und Handbewegung besteht«. Also bot Ellersiek Märchen und kleine Gedichte mit Handgesten an, die zur Nachahmung anregen sollten. Von diesen im Sitzen angeleiteten Handgesten-Märchen ging es dann in die Raumbewegung.

Ellersiek selbst war sprechendes und bewegtes Vorbild. In diesen Gruppenstunden wechselten sich in Reimen gesprochene Passagen mit freien Textteilen ab.

Bald aber revidierte sie die Methode, da ihr die frei gesprochenen Phasen, »wie ein Einbruch« erschienen, »aus dem man nur schwer wieder das Niveau der Wirkung durch die sprachlich gestalteten Spiele erreichen konnte. ... Die Spannungen in der Sprech- und Bewegungsmuskulatur, die Atemstauungen wurden wirksamer gelöst, wenn das Spiel in der Komposition durchlaufend gestaltet war, das Strömen nicht unterbrochen wurde, alles durchatmet blieb«.

In der Folge begann Ellersiek eigene Texte zu schreiben. Der Erfolg gab ihr Recht: Er »sprach sich bei Eltern, Ärzten, Therapeuten schnell herum, es gab eine fruchtbare Zusammenarbeit«.

Ohne Eltern geht es nicht

Der neu entwickelte therapeutische Ansatz war dann auch ausschlaggebend dafür, dass innerhalb des Rhythmik-Seminars ein vom Land Baden-Württemberg unterstützter, vier Semester umfassender Studiengang »Rhythmik im Vorschulbereich« eingerichtet wurde.

Ellersiek wechselte jetzt gänzlich in den Kleinkindbereich. Zusätzlich verfolgte sie die Idee, eine Elternschule zu gründen.

Zusammen mit Herbert Hahn, einem Lehrer aus dem Gründungskollegium der Waldorfschule an der Uhlandshöhe, arbeitete Ellersiek ein Konzept aus. Die Eltern sollten von Hahn menschenkundlich unterrichtet werden und von Ellersiek Anleitung zu ihren Spielen erhalten. Mit dieser Schule wollte sie erreichen, dass die jungen Eltern selbst in die Lage versetzt würden, mit ihren Kindern rhythmisch-musikalische Spiele durchzuführen. Leider wurde dieses Angebot nur wenig angenommen.

Ellersiek zog daraus die Konsequenz, innerhalb ihres Studienganges Mutter-Kind-Gruppen mit ihrem neu entwickelten, rhythmisch-musikalischen Sprech-, Sing- und Bewegungs-Angebot zu unterrichten oder von Studenten unter ihrer Leitung unterrichten zu lassen. Diese Gruppenstunden waren ein voller Erfolg.

Unterstützung und steten Ansporn erhielt Ellersiek von ihrer engen Freundin Klara Hattermann, einer der ersten Waldorferzieherinnen. Sie war es dann auch, die den Versuch unternahm, Ellersieks künstlerisch gestaltete Gestenspiele in der Waldorfkindergarten-Ausbildung zu etablieren.

Die Handgestenspiele – ein geistiger Impuls

Ende der 1960er Jahre tauchten allenthalben die diversen Früherziehungsmethoden auf. Ellersiek sah darin eine Missachtung der kindlichen Entwicklung und fühlte sich nur noch mehr angespornt, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Ihre insgesamt schwache physische Konstitution zwang sie jedoch zu einer langen beruflichen Pause.

Diese Zeit nutzte sie, um eigene Spiele zu komponieren. 1975 nahm sie die Arbeit an der Hochschule wieder auf. Zusammen mit den Studenten rang sie in den verbleibenden sieben Berufsjahren um die Verfeinerung und Anerkennung ihres Impulses. Ihre Spiele nannte sie in Absprache mit Klara Hattermann »rhythmisch-musikalische Sprech-, Sing- und Bewegungsspiele«.

Für Ellersiek stand stets das Kind in seiner unantastbaren Würde im Vordergrund. Von den Erwachsenen, die mit Kindern umgingen, forderte sie Selbstlosigkeit. Von ihren Handgestenspielen sagte sie, diese könnten nur wirken, »wenn sie mit größtmöglicher Selbstlosigkeit, also ungetrübt vom Persönlichen, weitergegeben werden. ... Die Spiele sind ein Schulungsweg zur wahren Individualität.«

Kaum ein anderes Angebot vermag Kinder in unserer von elektronischen Medien geprägten Zeit so tief zu beglücken, wie ihre Handgestenspiele. Um so bedauerlicher ist es, dass sie nicht mehr praktiziert werden. Immer weniger Menschen wollen sich der Mühe unterziehen, sie zu erlernen.

Wer sich jedoch auf den Weg macht, kann tatsächlich erleben, dass die Spiele »ein Schulungsweg zur wahren Individualität« sind.

Was sie von anderen forderte, übte Ellersiek auch selbst. Daher konnte Helmut von Kügelgen, der Initiator und langjährige Leiter des Waldorfkindergartenseminars in Stuttgart, sie in einem Brief zu ihrem 70. Geburtstag auch als »Michaels-Kämpferin für das kleine Kind« bezeichnen.

Mit 79 Jahren entschied sich Ellersiek, ihre Spiele im Verlag Freies Geistesleben zu veröffentlichen. Kurz nach ihrem 80. Geburtstag erlitt sie einen schweren Schlaganfall, bis zu diesem Tag hat sie intensiv an ihrem Werk gearbeitet. Dankbar nahm sie noch das Erscheinen der ersten fünf Bände ihres Werkes wahr. Sie starb am 27. Oktober 2007 in ihrem 86. Lebensjahr.

In einem Brief vom 13. Oktober 1994 schreibt Ellersiek: »Was mich persönlich betrifft, so habe ich schon viele Male darauf hingewiesen, dass ich es nicht erwarte, dass man von mir erzählt. Für mich zählt nur, dass man meinen geistigen Impuls aufnimmt, dann bin ich ja mit denen, die das tun, verbunden.«

Zur Autorin: Ingrid Weidenfeld hat in Stuttgart an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst die Fächer Rhythmik und Violine studiert. Sie gab die Werke von Ellersiek heraus und leitet seit 2012 eine berufsbegleitende Ausbildung zum Rhythmikpädagogen in Stuttgart. www.handgestenspiele.de

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