Fürsorgliche Rabeneltern – oder geht es auch anders?

Februar 2020

Wir fragten den Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch, wie es Eltern gelingen kann, nicht in die »Verwöhnungsfalle« zu tappen.

Frühe Kindheit | Seit Rousseau hat sich das Verständnis von Erziehung immer wieder geändert. Was verstehen Sie unter Erziehung?

Albert Wunsch | Kinder und Jugendliche zu befähigen, mit etwa 25 Jahren emotional, sozial und finanziell auf eigenen Beinen zu stehen. Das klingt banal, aber um dieses Ziel geht es. Eltern und andere Erziehungskräfte haben demnach die Aufgabe, auf diese Wirklichkeit vorzubereiten, in der das Kind dann leben wird. Dazu ist seine ureigene Individualität in den Blick zu nehmen und es daraufhin entsprechend zu fördern.

FK | Sie gehen von der Einzigartigkeit des Kindes aus. Heißt das, dass Erziehung für jedes Kind in ein und derselben Familie ganz anders aussehen kann?

AW | Ja, das überrascht viele Eltern bei Erziehungsproblemen. Wenn sie argumentieren, wir haben doch jedes Kind gleich erzogen, wie kann es denn nur sein, dass es bei diesem schiefgeht? Dann muss ich antworten: Genau das war der Grund, dass es nicht richtig klappte. Dies schließt nicht aus, dass es auch einige allgemeinverbindliche Regeln gibt.

Eltern brauchen dazu viel Rückgrat, denn Kinder argumentieren gerne: »Mama, der darf das, aber ich nicht, das ist ungerecht« – dem standzuhalten und zu ver­treten: »Ja, hier scheint das zu passen und bei dir nicht«, fällt den meisten Eltern ausgesprochen schwer.

FK | Setzt ein solcher Erziehungsansatz nicht eine genaue Beobachtungsgabe voraus – eben keine Erziehungsraster, sondern Geistesgegenwart und Wandlungs­fähigkeit?

AW | Ja! – Einer meiner Kollegen sagte einmal: »Das Vermögen mit der größten Rendite ist das Wahrnehmungsvermögen.« Voraussetzung für eine exakte Wahrnehmung ist aber, dass ich mich von meinen eigenen Bildern und Vorstellungen löse. Das ist umso schwieriger, je mehr ich in mir selbst befangen bin. Aber wir können uns den Umgang mit den Kindern von vertrauten Menschen spiegeln lassen. Dabei geht es nicht um falsch oder richtig, sondern darum, was ich am ehesten so oder ein wenig anders machen könnte. Nur aus einer solchen Offenheit kann Verbesserung und Wachstum entstehen.

FK | Unsere Kinder wachsen heute sehr kontrolliert auf. Über Handy sind sie ständig erreichbar, werden von ihren Eltern überall hingebracht und abgeholt. Womit hängt diese Entwicklung zusammen?

AW | Erst mal gehe ich davon aus, dass Kinder bis zum zehnten Lebensjahr von Handys verschont werden. Aber auch darüber hinaus lässt sich eine Erziehung zur Eigenverantwortung nicht mit einer ständigen Kontrolle in Einklang bringen. Weiter hilft, einer ständigen Besorgheit – meist eine Mischung aus einer eigenen Grundangst und einem ausgeprägten Kontrollwahn –, keinen Nährboden zu bieten. Sonst geraten Eltern schnell in die Position, mehr oder weniger unbewusst Besitz- und Machtansprüche über das Kind auszuüben. Letztlich wollen sich Eltern durch ein solches Verhalten Lebenssinn und Selbstver­wirklichung verschaffen. So ist es meist ihr Wille, dass das Kind diesen Sport macht oder jenes Musikinstrument lernt. Hinzu kommt die ständige Sorge, den Kindern könnte »auf freier Wildbahn« etwas passieren. Auch wenn in der Regel die meisten Eltern das Beste für ihr Kind wollen, wird selten überprüft, was denn wirklich für dieses oder jenes Kind förderlich wäre. Denn oft versucht man, eigene Lebensideale im Umgang mit den Kindern zu verwirklichen.

So werten die Eltern es beispielsweise positiv, dass sie die Kinder überall hinkutschieren. Es gibt ihnen irgendwie ein gutes Gefühl. Was dabei komplett ausgeblendet wird, ist, dass sie damit ihren Kindern die Möglichkeit nehmen, immer mehr in ein eigenständiges und selbstverantwortliches Leben lernend hineinzuwachsen. Jedes unangemessene Elternverhalten schwächt die Kinder unglaublich und vereitelt den notwendigen Entwicklungsraum.

So verdeutlichte eine Untersuchung vor einigen Jahren, dass die Wegstrecke von 26 Prozent der Kinder, die mit dem Auto zur Kita gebracht wurden, unter 800 Metern lag. Eine »tolle Mitgift« für das weitere Leben unserer Kinder, auch unter ökologischen Gesichtspunkten.

FK | Es ist schwer, sich diesem Fürsorgewahn zu entziehen, ohne als Rabeneltern zu gelten. Fühlt sich ein Kind nicht ausgegrenzt, wenn es nicht so wie die anderen bemuttert wird?

AW | Ja, das ist nicht leicht. Eltern und Kinder müssen lernen, kreativ mit solchen Situationen umzugehen. Wird ein Kind angemacht, weil es nicht zum Sportverein gebracht wird, sondern stolz ist, für die bekannte und ungefährliche Wegstrecke das Fahrrad zu nutzen, dann müssen wir ihm Perspektiven eröffnen, damit locker umzugehen. Eine passende Antwort wäre zum Beispiel: »Ich muss nicht mehr mit Pampers und Schnuller hier an der Halle abgegeben werden. Ich kann das alleine.« In der Regel ist dann Ruhe. Ein liebevolles Elternhaus, in dem Mutter oder Vater sich dem Kind zuwenden, in dem etwas gemeinsam unternommen wird – das schafft Stabilität. Kinder brauchen keine Chauffeurdienste. Auf der anderen Seite können Eltern anderen Eltern darin Vorbild sein, dass es auch anders geht – nicht in der Konfrontation, sondern wie beiläufig: »… diese ständige Fahrerei zum Sport, Musikunterricht, Ballett – das reduziert die Eigenständigkeit unseres Kindes und das wollen wir als Eltern nicht.« Solch eine kleine selbstbewusste Anmerkung kann zur Erlösung für die anderen werden. Denn Beziehungszeit sollte nicht über Fahrdienste abgewickelt werden.

FK | Wie unterscheidet man Verwöhnung von Zuwendung?

AW | Zuwendung orientiert sich am anderen. Ich wende meine gesamten Sinne meinem Gegenüber zu. Was ist ihm wichtig? Wie kann ich was fördern? Meistens sieht man gar nicht den anderen, sondern nur sich selbst. Dann ist ein Blickwechsel nötig!

Das Wort »verwöhnen« ist im Zusammenhang mit Erziehung eindeutig negativ besetzt. Niemand wird jemals sagen: »Oh, wie schön, da kommt ein verwöhntes Kind, da freuen wir uns aber.«

FK | Wann verwöhnt man also?

AW | Verwöhnung ist Verwahrlosung im Glitzerlook. Wir schütten die Kinder mit Konsumgütern zu oder ersticken sie mit unserer unkontrollierten Emotionalität, die oft ein Ausdruck des eigenen Zuwendungsmangels ist.

Verwöhnen vollzieht sich immer als:

  • falsches Helfen,
  • fehlende Begrenzung und
  • ausbleibende Herausforderung.

In allen Fällen werden so Nichtkönnen, Abhängigkeit und Anspruchshaltungen begründet. Erlernte Hilflosigkeit und Entmutigung ist das Resultat von Verwöhnung und schafft Menschen, die alles wollen, aber nichts geben (können)!

Wenn ein Kind mit acht Monaten etwas intensiver quäkt, Mutter und Vater sofort laufen und das Kind hochnehmen, um zu schauen, was es hat, dann haben die Kinder keine Möglichkeit, seelische Muskeln zu entwickeln. Dazu gehört, dass man damit umgehen lernt, dass Dinge auch anstrengen, unangenehm sind oder sogar weh tun.

Wenn ein Kind erleben darf, dass es nicht der Anfang einer tödlichen Verdurstungsgeschichte ist, wenn es einmal nicht sofort etwas zu trinken bekommt, sondern dass es manchmal etwas dauert, dann hat es die Chance, den lebenswichtigen Bedürfnisaufschub zu erlernen.

Es geht nicht darum, keine Emotionen zu zeigen, kalt zu sein, die Kinder nicht zu trösten. Es geht um die Begrenzung eigener Unsicherheitsgefühle, sonst entwickeln Kinder automatisch ein emotionales Star-Verhalten und fühlen sich als Mittelpunkt der Welt. Dann kommen sie in die Schule und dort gibt es einen Prinzen- und Prinzessinnen-Auflauf.

Viel zu viele Kinder sind heutzutage das Ein und Alles ihrer Eltern. Sie kommen unter die Glasglocke, ständig kontrolliert und überwacht oder mit einem Alarmgerät versehen, damit sie nicht »geklaut« werden. Ein eigenständiges Leben ist so nicht möglich.

FK | Weicht ein Kind in seinem Verhalten von der Norm ab, wird rasch therapiert. Es darf nicht komisch, sensibel, traurig, aggressiv oder wütend sein. Was sind die Gründe für diese Inflation der Therapien?

AW | Je umfangreicher die Kinder vom alltäglichen Leben abgekoppelt sind, desto mehr müssen sie das, was sie ganz natürlich erfahren könnten, gesondert lernen. Wachsen Kinder mit anderen Kindern auf, so machen sie untereinander jede Menge Konflikterfahrungen. Mal setzt sich dieser, ein anderes Mal jener durch und hier konnten Kompromisse gefunden werden. Sie müssen sich später keinen Konflikt-Coach einkaufen. Ein Kind, das alleine aufwächst, ist automatisch in der Situation, keine typischen Konflikte auf selbstverständliche Weise in seinem Alltag zu erleben. Und wenn es ein überzogenes Selbstbewusstsein an den Tag legt, dann wird es auch im Kindergarten keinen Konflikt ausleben können, da es sich immer behaupten muss. Es hat zwar Konflikte, setzt sich aber jedes Mal durch. Reicht das nicht, schaltet sich die Mutter ein und bittet die Erzieherin, sich gesondert um ihr Kind zu kümmern. Frustrationstoleranz und Konfliktlösungsmanagement kann so nicht erlernt werden. Je intensiver uns Beratungsdienste und Fördereinrichtungen weismachen, dass es für das Kind richtig sei, es permanent und speziell zu fördern, desto stärker fallen wir darauf herein. Wir kaufen Nahrungsergänzungsmittel, anstatt nahrhafte Gerichte zu kochen. Wir haben Winter, also kaufen wir die Vitamin C-Tabletten. Ist doch einfacher, als eine Apfelsine zu schälen und dann auch noch zu essen. Kinder möchten mit Eltern und Geschwistern (falls vorhanden) das Leben erlernen und werden stattdessen zwischen Ergo- und Sprachtherapeuten und Spezialförderung hin und her geschoben.

Nicht wenige Eltern leiden schon im Kleinkindalter unter der Angst, ihr Kind könnte nach dem Schulabschluss, weil es ja so ein besonderes Kleinod ist, keine angemessene Stelle bekommen. Es ist tragisch: Es setzt bei den Eltern ein Förderwahn ein, um dem Kind den optimalen »Anschluss« zu ermöglichen. Daher soll es schon frühzeitig in einen zweisprachigen Kindergarten und mit vier bis fünf Jahren einen Computer bedienen können, um später in der global vernetzten Berufswelt gut aufgestellt zu sein. Nur bei der Fähigkeit, die Medien-Aus-Taste zu betätigen, hapert es kräftig.

FK | Wie machen wir also Kinder stark? Inwiefern bildet Resilienz eine Basis für die Persönlichkeitsentwicklung?

AW | Das stabil-resiliente Ich ist die Grundvoraussetzung zur Führung eines eigenständigen Lebens. Kinder mit diesen Voraussetzungen können dann von sich und eigenen Bedürfnissen auch mal absehen und betrachten sich nicht als Zentrum der Welt.

Der Religionsphilosoph Martin Buber formuliert: »Der Mensch wird am Du zum Ich.« Und gute 70 Jahre später ergänzt der Soziologe Ulrich Beck: »Ohne Ich kein Wir.« Das gebende Du ist somit der Dreh- und Angelpunkt für die Entstehung eines stabilen Ich, das wiederum die Voraussetzung für das Wachsen von Zusammengehörigkeit und Verbundenheit im Wir ist.

FK | Was fördert die Resilienz, was behindert sie?

AW | Einmal fördert alles, was zu einem satten Urvertrauen führt, die Entwicklung von Resilienz. Die Krippe gehört nicht dazu: Sie ist eher ein Resilienz-Verhinderer. Denn die Eltern sind in dieser entscheidenden Phase als Hauptbezugspersonen für die Entwicklung eines stabilen Selbst unersetzbar. Das Kind muss spüren, ich bin geborgen, Mama und Papa sind für mich da. Dann kann das Kind die lebenswichtige Ichstärke entwickeln. Wenn ich einen sicheren Hafen habe, dann kann ich mich aus diesem herauswagen und bei Sturm immer wieder in ihn zurückkehren. Die Eltern als verlässlicher Ur-Hafen sind die Voraussetzung, dass Kinder auf andere Menschen, neue Situationen zugehen, Dinge ausprobieren und so die Welt sehend und lernend erobern können.

Kinder brauchen demnach reichlich altersgemäße körperliche und emotionale Herausforderungen zur Bildung von Resilienz. Dazu müssen Eltern und andere Erziehungskräfte wieder lernen, Herausforderungen zuzulassen oder gar zu schaffen. Die Voraussetzung dafür, solch eine starke Persönlichkeit bei Kindern zu fördern, ist eine auf Selbstwirksamkeit und Eigenverantwortung ausgerichtete Grundhaltung aller Beteiligten. Denn ohne eine mentale Ermutigung gibt es kein Lernen, kein positives Zusammenleben, kein gesellschaftliches Wachstum. Das alles erfordert starke, konsequente, einplanbare, handlungsfähige und liebevoll sorgende Eltern. Resilienten Kindern (und Erwachsenen) widerfährt sicher auch nicht immer das Beste, aber sie machen das Beste, aus allem, was ihnen widerfährt.

Die Fragen stellte Ariane Eichenberg.

Zum Interviewpartner: Albert Wunsch ist Diplom-Sozialpädagoge, Kunst- und Werklehrer, Psychologe und promovierter Erziehungswissenschaftler. Er lehrt seit vielen Jahren an der Universität Düsseldorf sowie der Hochschule für Ökonomie und Management (FOM) in Düsseldorf/Neuss und arbeitet in eigener Praxis als Erziehungs- und Konfliktberater sowie als Supervisor und Coach.

albert-wunsch.de

Literatur: A. Wunsch: Abschied von der Spaßpädagogik, München 2007; ders.: Die Verwöhnungsfalle, München 2013; ders.: Mit mehr Selbst zum stabilen Ich! – Resilienz als Basis der Persönlichkeitsbildung, Berlin/ Heidelberg 2018; ders.: Boxenstopp für Paare, … damit Ihre Beziehung weiter rund läuft, Berlin 2018

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