Haben Kinderkrankheiten (noch) einen Sinn?

Von René Madeleyn, Mai 2019

Zu den typischen Kinderkrankheiten zählen wir eine Gruppe von Infektionskrankheiten, die in der Regel im Kindesalter durchgemacht werden, und so ansteckend sind, dass sie meistens von Kind zu Kind übertragen werden und oft eine lebenslange Immunität hinterlassen, das heißt, im späteren Leben nicht noch einmal auftreten.

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Zu diesen Krankheiten werden die durch Viren hervorgerufenen Masern, Mumps, Röteln, Windpocken, aber auch weniger bekannte wie das Dreitagefieber oder die inzwischen ausgerotteten Pocken und die in ganz Europa und Amerika nicht mehr beobachtete Kinderlähmung gerechnet. Andere, wie Scharlach und Keuchhusten, werden von Bakterien übertragen und teilweise im Laufe des Lebens, auch im Erwachsenenalter mehrfach durchgemacht. Außer Scharlach und dem Dreitagefieber können diese Krankheiten durch Impfungen verhindert oder in ihrer Häufigkeit reduziert werden.

Über die Gefährlichkeit der Kinderkrankheiten müssen wir zu einem differenzierten Urteil kommen: Eine Krankheit wie das Dreitagefieber (Exanthema subitum) führt nach drei Tagen mit hohem Fieber regelhaft zu einem Ausschlag und gleichzeitiger Entfieberung. Ernstere Komplikationen sind extrem selten. Die Pocken wiederum galten als die große Seuche Europas nach den mittelalterlichen Pestepidemien und kosteten bis ins 20. Jahrhundert hinein bei einer Sterblichkeit von mehr als zehn Prozent der Erkrankten einer immensen Zahl von Kindern das Leben, wie überhaupt Infektionskrankheiten die Hauptlast der Schuld daran trugen, dass zu dieser Zeit der Tod eines oder mehrerer Kinder zum Leben einer Familie dazugehörte. Eine Mittelstellung nehmen die Masern ein, die zu ausgeprägt katarrhalischen Symptomen mit Bindehautentzündung, Husten, Schnupfen und nach einigen Tagen zu verstärktem Fieber mit einem Ausschlag, der sich vom Kopf aus über den ganzen Körper ausbreitet, führen. Bedrohlich kann in manchen Fällen eine Lungenentzündung, vor allem aber eine Entzündung des Gehirns sein. Lebensbedrohliche Verläufe traten gehäuft in Ländern mit ungünstigen Lebensbedingungen bei unterernährten Kindern auf, in hochzivilisierten Ländern wie den europäischen Staaten bei etwa einem von tausend erkrankten Kindern. Aufgrund breit angelegter Impfkampagnen finden sich Masern zum Beispiel in Nordamerika oder Skandinavien kaum noch, in Deutschland erkrankten in den letzten Jahren jeweils noch einige hundert Kinder. Die einzige Kinderkrankheit, die bisher durch Impfen ausgerottet werden konnte, sind die Pocken. Das gelang nach Einführung einer weltweiten Pflichtimpfung durch die WHO 1967, sodass der letzte Pockenfall 1977 in Somalia beobachtet wurde. Die Eradikation der Kinderlähmung steht demnächst an, die der Masern wurde bereits mehrfach verschoben, gilt jedoch unverändert als vorrangiges Ziel der Weltgesundheitsorganisation für Europa.

Das Immunsystem lernt ständig dazu

Wenn wir nach dem Sinn von Kinderkrankheiten fragen, die für das eine Kind harmlos, für das andere jedoch auch einmal bedrohlich verlaufen können, kommen wir mit Ärzten oder Gesundheitsbehörden, die ihre Aufgabe primär darin sehen, solche Krankheiten zu verhindern, schnell in einen Konflikt. Ist doch die Sinnfrage eine, die sich erst stellt, wenn in größeren Zusammenhängen und nicht nur im Blick auf eine spezielle Krankheit oder in einem religiösen Zusammenhang gedacht wird. So erscheint ein Kind, das gerade Windpocken hat, zunächst als leidend, hat Fieber, viele kleine Pusteln und Bläschen, die jucken und seinen Schlaf beeinträchtigen. Für den Rest des Lebens hat es aber etwas dazugelernt, kann die Krankheit »einschätzen«, sich in seinem Immunsystem dagegen wehren, wird sie nicht noch einmal bekommen. Während die meisten europäischen Länder in der Annahme einer relativen Harmlosigkeit der Windpocken keine allgemeine Impfempfehlung ausgesprochen haben, besteht diese in Deutschland seit 2004. Da eine Impfung nicht genügte, einen ausreichenden Schutz zu vermitteln, wurde wenige Jahre später eine zweite Impfung empfohlen. Die bereits damals befürchtete Folge eines Anstiegs an Gürtelrosen­erkrankungen in höherem Alter ist inzwischen eingetreten. Es handelt sich dabei um dasselbe Virus, das im Körper persistiert und eher reaktiviert wird, wenn natürlich zirkulierende Windpocken den Organismus nicht immer wieder daran »erinnern«, sich mit diesem Virus auseinanderzusetzen. Konsequenterweise wurde im Dezember 2018 jetzt eine allgemeine Impfempfehlung für alle über 60-Jährigen mit einem Tot-impfstoff gegen diese Viren ausgesprochen. Wir sehen daran, dass der Lerneffekt für das Immunsystem unterschiedlich ist, abhängig davon, ob geimpft oder eine Krankheit natürlich durchgemacht wird.

Nach diesem Blick auf eine klassische Kinderkrankheit soll der Blick jetzt aber auf die Rolle fieberhafter Infektionskrankheiten im Kindesalter allgemein und auf die rätselhaften Kleinlebewesen, die wir dabei finden, gelenkt werden.

Kein Leben ohne Viren und Bakterien

Wer das wissenschaftlich gut fundierte und hochinteressante Buch der jungen Ärztin Giulia Enders »Darm mit Charme« gelesen hat, wird über den doch irgendwie ekligen Darminhalt anders denken und möglicherweise eine heimliche Liebe zu der großen Fülle der darin beschriebenen Darmbakterien entwickeln. Schon wenige Gramm Kot enthalten mehr Mikro­organismen als Menschen auf dieser Erde leben und wir haben mehr Bakterien in uns als körpereigene Zellen. Die meisten davon nützen uns und Forschungsergebnisse der letzten Jahre haben zunehmend gezeigt, dass das Gleichgewicht dieser Mikroorganismen in der Verteilung von mehr als tausend Arten für die Funktionsweise unseres Immunsystems unerlässlich ist, unser seelisches Wohlbefinden beeinflusst und Allergien verhindert. Das Stillen und die Besiedelung des Neugeborenen mit Keimen der mütterlichen Vaginalflora nach einer natürlichen Geburt sorgen für eine gesundheitsfördernde Darmflora beim Kind. Noch viel häufiger als Bakterien sind Viren. Ihr Ursprung ist rätselhaft, sie sind Lebensprozessen verwandt, können sich aber nur in Gemeinschaft mit anderen Lebewesen vermehren. Vermutlich stehen sie mit Genen, die sich aus Zellen herausgelöst haben, in Beziehung, während wiederum ein beträchtlicher Teil unseres Erbgutes viralen Ursprungs ist. Nur etwa 3.000 Viren von wahrscheinlich mehr als 300.000 sind bisher klassifiziert.

Eine lange und fruchtbare gemeinsame Entwicklung von Mensch und Virus kann angenommen werden. Die Bedeutung des Viroms, der Fülle von Viren in unserem Körper, ist seit mehreren Jahren Gegenstand intensiver Forschung. Ein Beispiel sind Anelloviren, Ursache der häufigsten bisher bekannten Infektion. Fast alle Menschen sind damit infiziert, ohne es zu merken. Spannend ist nicht nur, dass diese Infektion für uns unschädlich ist, sondern insbesondere die Annahme, dass diese Viren ständig unser Immunsystem trainieren und bei Immunschwäche deren Konzentration ansteigt. Diese Tatsache stützt die These, dass harmlose Viren das Immunsystem auf die Abwehr gefährlicher Viren vorbereiten.

Hochinteressant ist auch die Existenz sogenannter Onkoviren. Das sind Viren, die dem Körper helfen, Krebszellen zu vernichten, weil sie eine Vorliebe für Zellen haben, die sich schnell teilen oder weil eine Gruppe von Krebszellen an ihrer Oberfläche Rezeptoren für bestimmte Viren hat, an die diese dann an­docken, um sie zu zerstören. Bekannt als Onkoviren sind u.a. Masernviren, Herpesviren, Polioviren und Adenoviren. Inzwischen sind die ersten Medikamente zugelassen, die auf diesem Wirkprinzip beruhen und mit Hilfe derer die Ansprechrate eines bösartigen Tumors in Kombination mit einer Chemotherapie verdoppelt werden konnte.

Natürlich darf nicht in den Hintergrund gedrängt werden, dass es lebensgefährliche Virusinfektionen gibt, so die im tropischen Afrika vorkommende Ebolavirusinfektion. An dieser Erkrankung war zuletzt die Hälfte der Infizierten verstorben, während in Europa insbesondere bei Abwehrschwäche zum Beispiel das Grippe­virus durchaus gefährlich sein kann. 

Ähnlich wie auch bei anderen Ökosystemen scheint es auch bei den Mikroorganismen auf eine Art Ökogleichgewicht anzukommen, von dem wir noch zu wenig wissen, um einfach einen vielleicht nur scheinbar schädlichen, im größeren Zusammenhang aber nützlichen Erreger auszulöschen.

So sei zuletzt erwähnt, dass Viren die Balance unter Bakterien kontrollieren und damit wiederum für unsere Darmbakterien eine wichtige Rolle spielen und gefährliche Bakterien in Schach halten können.

Alte und neue Seuchen

Seuchen sind Infektionskrankheiten, die massenhaft auftreten. Musterbeispiel sind die Pestepidemien des Mittelalters, später die Pocken, aber eben auch klassische Kinderkrankheiten wie die Masern oder die Windpocken. Da alle diese Krankheiten in Europa nicht mehr in dieser Form wie noch vor 100 Jahren auftreten, verwenden wir diesen Begriff eher in übertragenem Sinn für bestimmte Volkskrankheiten, die so häufig wie früher die echten Seuchen auftreten. Dazu gehören die Krebserkrankung, Herz-Kreislauferkrankungen und Allergien.

Im Juni 2016 veröffentlichte das Robert Koch-Institut als Zahl des Monats, dass 26 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland eine allergische Erkrankung wie Asthma bronchiale, Heuschnupfen oder Neurodermitis haben. Auch wenn längst nicht alle Verläufe bedrohlich sind, führen Allergien, zum Beispiel als anaphylaktischer Schock, zu mehr als 100 Todesfällen pro Jahr, das heißt zu mehr als an allen klassischen Kinderkrankheiten zusammen. Woran liegt das? Als der englische Arzt John Bostock 1819 erstmals den Heuschnupfen als Krankheit, die er selbst hatte, beschrieb, fand er trotz mehrjähriger Forschung im Umkreis von London nur eine geringe Zahl an Leidensgenossen. Im 20. Jahrhundert hat sich dann die Rate asthmakranker Kinder etwa alle zehn Jahre verdoppelt. Nicht viel anders war es bei den übrigen allergischen Krankheiten. Auf der Suche nach Ursachen dieses Phänomens ergab sich für die Mehrzahl der Forscher die sogenannte Hygienehypothese: Ein im frühen Kindesalter durch zu wenig fieberhafte Erkrankungen oder zu wenig Kontakt zu Mikroorganismen unterstimuliertes Immunsystem entwickelt eine Art Fehlfunktion und reagiert plötzlich auf Substanzen mit entzündlichen Abwehrreaktionen, die eigentlich gar nicht gefährlich sind, wie Kuhmilch, Haselnüsse oder Gräserpollen. Bildlich gesprochen ist das etwa so, wie wenn ein gelangweiltes Kind überreizt erscheint und beim geringsten Anlass überreagiert. Gestützt wird diese These durch eine Vielzahl wissenschaftlicher Studien, die ziemlich übereinstimmend ergaben, dass Kinder, die im frühen Kindesalter seltener fieberhafte Infekte gehabt haben oder mehr Antibiotika bekamen, später häufiger allergisch reagierten. Auch Kinder, die ländlich und auf einem Bauernhof aufwuchsen, hatten weniger Allergien als Großstadtkinder. Am besten geschützt erschien eine Gruppe von Kindern, bei denen die Mutter während der Schwangerschaft im Kuhstall gearbeitet hatte, Rohmilch trank, nach der Geburt das Kind mit in den Stall genommen und ihm nach dem Abstillen ebenfalls Rohmilch gegeben hatte.

All dies bedeutet für uns, dass Allergieprophylaxe für das kleine Kind wichtig ist. Sie kann darin bestehen, dass das Kind mehr Kontakt mit »Dreck« hat und nicht im Übermaß vor entzündlichen, insbesondere fieberhaften Infekten bewahrt wird.

Kinderkrankheiten und Entwicklung des Kindes

Das neugeborene Kind ist kein unbeschriebenes Blatt. Der Reichtum seiner Persönlichkeit »entzündet« sich, beeinflusst von den Vererbungskräften der Eltern, in einer ständigen Auseinandersetzung mit der Außenwelt. Die Eigenwärme des Kindes muss sich gegen die im Vergleich zum Mutterleib viel kältere Außenwärme behaupten. In der jetzt notwendigen Verdauung müssen Lebensmittel wie die Milch in ihrem Fremdcharakter überwunden und zu körpereigener Substanz werden, ein Prozess, der einem Entzündungsprozess verwandt ist. Über seine Sinnesorgane nimmt das Kind nachahmend die Welt wahr, erregt sich im ersten Fremdeln, in späteren Trotzreaktionen und anderen »Abgrenzungsmanövern« wie der Pubertät, um dann schließlich die Welt nach seinen Bedürfnissen umzubilden. Auch Kinderkrankheiten und im erweiterten Sinn die für das Kindesalter typischen fieberhaften Infekte können in diesem Sinne gesehen werden. Der Dichter Novalis schreibt in einem Fragment: »Krankheit gehört zur Individualisierung« und Goethe, der selbst eine Vielzahl an Kinderkrankheiten inklusive der Pocken durchgemacht hat, beschreibt sie zwar in seiner Autobiographie »Dichtung und Wahrheit« als Plage­geister, erlebt sie jedoch zugleich als Reifeschritte, die seinen »Hang zum Nachdenken vermehrten«. 

Inwieweit können also fieberhafte Krankheiten nicht nur zur Reifung und Stärkung des kindlichen Immunsystems beitragen, sondern zugleich dem Kind die Aneignung seines Körpers erleichtern? Das Fieber trägt als ein entscheidender Helfer der kindlichen Persönlichkeit dazu bei und sollte uns willkommen sein, wissen wir doch, dass Infektionen, bei denen Fieber unterdrückt wird, ungünstiger verlaufen. Auch die verschiedenen Hautausschläge, wie sie typisch für die meisten Kinderkrankheiten sind, weisen darauf hin, dass das Kind Ausscheidungskräfte aktiviert, um sich umzugestalten. Rudolf Steiner sah in einer Scharlacherkrankung einen Kampf gegen die Vererbungskräfte und beschreibt damit wiederum einen Prozess, der der Individualisierung des Kindes dient. Ich selbst habe immer wieder erlebt, wie Kinder nach Durchstehen einer fieberhaften Infektionskrankheit in der Folgezeit gesünder und gestärkt erschienen, andere vorher bestehende chronische Krankheiten sich besserten.

So sollten wir in den vielen »banalen« oder harmlosen fieberhaften Infekten des Kindes sinnvolle »Plage­geister« sehen, die wir dank der vorhandenen anthroposophischen und naturheilkundlichen Rat­geberliteratur meistens in Eigenregie behandeln können. Bei den klassischen Kinderkrankheiten und ernsteren Infektionskrankheiten muss sowohl in der Impfentscheidung als auch in der Behandlung ein von wechselseitigem Vertrauen getragener Weg mit dem Arzt gefunden werden. 

Hier ist es uns ein Anliegen, trotz zunehmend dominierender medizinischer Leitlinien, auch in Zukunft individuelle Entscheidungen fällen zu können.

Autor: René Madeleyn ist Kinderarzt und Neuropädiater in der Filderklinik in Filderstadt.

Literatur: M. Glöckler, W. Goebel, K. Michael: Kindersprechstunde. Ein medizinisch-pädagogischer Ratgeber, Stuttgart 2015 | M. Hirte: Impfen – pro und contra, München 2018 | J. Vagedes / G. Soldner: Das Kinder-Gesundheitsbuch, München 2008

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