»Hinübertreten in die Welt, die monden ist«. Die Bedeutung des Schlafes für Kinder

Von Susanne Altenried, November 2021

Wenn man frischgebackene Eltern fragt, was sie bewegt, hört man oft die Sorge, wie das wohl mit den Nächten werden wird …

Hinweis: Der Artikel erschien im Herbstheft 2021 der Zeitschrift »Frühe Kindheit«. Das Heft können Sie hier bestellen. Hefte, die älter als ein Jahr sind, stehen in unserem Archiv zum Download für Sie bereit.


Ein ungestörter Schlaf ist die Basis für einen gelingenden Tag und die gesunde Entwicklung des Kindes. Der Schlaf regeneriert Körper, Seele und Geist – beim Kind und beim Erwachsenen. Aber wodurch zeichnet sich guter Schlaf aus? Und wie bringe ich mein Kind dazu, einzuschlafen und vielleicht sogar durchzuschlafen? Viele Eltern kennen das: Der Tag geht zur Neige, war voller Erlebnisse und Ereignisse, alle sind müde, – jetzt noch schnell Abendbrot machen und dann ins Bett! Doch je näher das Schlafengehen rückt, desto häufiger geschieht es, dass etwas dazwischen kommt und Konflikte, Spannungen und Auseinandersetzungen die Pläne durchkreuzen, so dass an ein ruhiges Einschlafen nicht mehr zu denken ist. – Was passiert während der Nacht, wenn wir schlafen?

Vergiß, vergiß und laß uns jetzt nur dies
erleben, wie die Sterne durch geklärten
Nachthimmel dringen; wie der Mond die Gärten
voll übersteigt. Wir fühlten längst schon, wies
spiegelnder wird im Dunkeln; wie ein Schein
entsteht, ein weißer Schatten in dem Glanz
der Dunkelheit.
Nun aber laß uns ganz
hinübertreten in die Welt hinein
die monden ist.

Rainer Maria Rilke

Rainer Maria Rilke nennt die Nacht »die Welt, die monden ist«. Es ist eine Welt, die sich uns nicht in ihrer Gänze zeigt und sich auch nicht nüchtern erklären lässt, die ein »Vergessen«, ein Loslassen unserer wachen Tagwelt erfordert – ein »Übertritt« in eine andere Welt. Mit dem Schlaf tauchen wir in das Nachtbewusstsein ein. Einschlafen bedeutet also auch: Kontrollverlust, sich lösen können und sich vertrauensvoll auf diese »Himmelsreise« begeben.

»Schlaf nun selig und süß, schau im Traum’s Paradies.« (Achim von Arnim und Clemens Brentano)

Rudolf Steiner weist gleich im ersten Vortrag seiner Allgemeinen Menschenkunde darauf hin, dass es eine zentrale Aufgabe der Pädagogik ist, die Kinder dabei zu unterstützen, Wachen und Schlafen zu lernen, denn »das, was innerlich dem Schlafen und Wachen zugrunde liegt, das kann es noch nicht. […] Es kann nicht das, was es auf dem physischen Plan erlebt, hineintragen in die geistige Welt und dort verarbeiten und das Ergebnis der Arbeit wieder zurücktragen auf den physischen Plan.«

Auch die Schlafforschung hat inzwischen die Bedeutung des Schlafes für das Lernen und für die Verarbeitung der Tagesereignisse erkannt.

Erstaunen kann in diesem Zusammenhang, dass Rudolf Steiner von »Arbeit« spricht, – wo wir doch nachts vermeintlich nichts tun. Hier kann man etwas von den Geheimnissen des Nachtgeschehens erahnen. Wo sind wir denn, wenn wir schlafen? Immerhin »verschlafen« wir rund ein Drittel unserer Lebenszeit. Rudolf Steiner weist an vielen Stellen auf die seelisch-geistigen Vorgänge während der Nacht hin. Er beschreibt, wie wir während des Schlafes unser waches Bewusstsein verlieren und mit Seele und Geist in anderen Sphären weilen. Wir wachen als andere auf, als die wir eingeschlafen sind. Auch in Rilkes Gedicht klingt etwas von jener anderen Welt an, in der »die Sterne durch geklärten Nachthimmel dringen«. Diese Reise durch die Nacht ist essentiell für unsere Gesundheit, unser Wohlbefinden. Nicht selten kommen wir aus dem Schlaf mit einer Antwort auf eine Frage zurück, die wir mit in die Nacht genommen haben. Diese Qualität und Dimension des Schlafes müssen die kleinen Kinder erst erfahren und handhaben lernen. Dazu brauchen sie uns als Hilfe und Stütze, als vertraute Bezugsperson, die eine Brücke zwischen diesen Welten – hier und dort – baut. Zum Beispiel mit einem gemeinsamen Gebet, einem Schlaflied in einer Atmosphäre, die Geborgenheit und Wärme ausstrahlt und den Weg in die Nacht und den Schlaf erleichtert.

Wenn ich meine Augen schließe,
führt ein Engel mich hinaus
auf die stille Himmelswiese
vor das goldne Sternenhaus.

Und die Sterne, groß und kleine,
nehmen mich in ihren Tanz,
dass ich ihnen mich vereine
zu dem schönen Himmelskranz.

Michael Bauer

Umgebungsfaktoren

Ein harmonischer, rhythmisch durchgestalteter Tag mit aktiven und ruhigen Phasen lässt das Kind am Abend leichter in den Schlaf finden. Rituale und Gewohnheiten helfen in der sensiblen Phase des Zubettgehens. So paradox es auch klingt: Manche Kinder sind zu erschöpft, um gut einschlafen zu können. Man kann den Eindruck gewinnen, dass sie dann eher vor Erschöpfung fast zusammenbrechen als »einzuschlafen« und in der Folge während der Übergänge von einer Schlafphase in die andere aufwachen. Auch die Gestaltung des Raumes, Temperatur, Licht , Kleidung, Größe und Platz des Bettes, wirken sich auf das Einschlafen aus. Zu einem guten Schlaf gehören ausreichend Sonnenlicht am Tag und Dunkelheit in der Nacht. Mit kalten Füßen kann man nicht gut einschlafen. Ein wärmendes Fußbad kann hier wahre Wunder wirken. Hat das Kind vor lauter Kuscheltieren kaum Platz oder sind auf der Bettwäsche aufregende Bilder und Figuren, das Zimmer noch voller Spielsachen und atmet dort noch der Tag nach, kann es nicht zur Ruhe finden. Wenn wir gegen Abend gemeinsam mit dem Kind das Zimmer aufräumen und Ordnung schaffen, ist das ein deutlich nachvollziehbares Signal an die Kinder: Jetzt ist die Spielzeit vorbei.

Für Kinder ist es nicht ratsam, den Raum völlig zu verdunkeln, aber gerade jetzt im Sommer sind Vorhänge oder andere Möglichkeiten, zu verdunkeln, hilfreich. Nicht nur die Helligkeit, sondern auch die Lichtqualität tut ihre Wirkung: Lichtquellen mit starkem Blauanteil schütten im Gehirn Wach-Hormone aus, so dass LED-Licht vermieden werden sollte.

Schlafstörungen

Kann ein Kind trotz aller Versuche rhythmischer Tagesgestaltung, trotz der Rituale, Lieder und Gebete nicht schlafen, ist es ratsam, sich mit der Kinderärztin zu besprechen, es hinsichtlich möglicher medizinischer Ursachen untersuchen zu lassen und eventuell konstitutionell zu unterstützen. Gerade kleine Kinder reagieren oft noch sehr sensibel auf organische und körperliche Vorgänge. Auch müssen sie sich erst mit Hilfe der Eltern einen Schlafrhythmus erarbeiten. Schlafstörungen im Erwachsenenalter gehören mit zu den häufigsten körperlichen und seelischen Krankheitsursachen, und auch im Kindesalter verzeichnet die Medizin einen starken Anstieg von Schlafstörungen.

Der Tag hinterlässt seine Spuren in der Nacht

Kann ein Kind am Abend nicht gut einschlafen, lohnt es sich, einen Blick auf den Morgen zu werfen. Kommt das Kind gut in den Tag – wacht es richtig auf? Was hat es während des Tages erlebt? Ist das Kind während des Tages zu vielen Reizen ausgesetzt, wird seine »verträumte« Wahrnehmung der Welt ständig durch intellektuelle und aufweckende Angebote gestört, wirkt sich das oft auf die Schlafqualität aus. Das kennen wir Erwachsenen ja auch: Nach einem aufreibenden turbulenten Tag, oder während uns etwas beunruhigt und Sorgen macht, können wir oft nicht so gut schlafen. Dabei wäre dann der Schlaf gerade wichtig, um die Tagesereignisse verarbeiten und »verdauen« zu können.

Wir lernen im Schlaf

Die Qualität des Schlafes ist für die kleinen Kinder von entscheidender Bedeutung. Die zentralen Bereiche der Entwicklung wie Lernen, Gedächtnisbildung, auch die körperliche Reifung oder Heilungsprozesse, auf seelischer Ebene die Verarbeitung – das alles braucht den Schlaf. Auch auf das Immunsystem hat der Schlaf eine große Wirkung. Wenn das Kind älter wird, finden diese Prozesse hauptsächlich während des Nachtschlafes statt, für die kleinen Kinder ist auch der Tagschlaf wichtig für die Regeneration. Kinder im ersten Jahrsiebt sind umgebungsoffen, erleben intensiv, sodass sie diese Ruhe- und Schlafphasen brauchen.

Schlafphasen und ihre Bedeutung

Während der Nacht werden unterschiedliche Schlafphasen (Leicht-, Mitteltief-, Tiefschlaf und Traum/REM-Schlaf) durchlaufen. In Zyklen von etwa 90 Minuten wechseln sich die Rhythmen von REM-Schlaf (REM = Rapid-Eye-Movement) und Non-REM-Schlaf ab. Diese zeichnen sich durch unterschiedliche Tiefe, Dauer und Bedeutung für die Gesundheit aus. Der Tiefschlaf ist wesentlich für unsere körperliche Gesundheit, da sich während dieser Phase alle körperlichen Prozesse wieder in einen Rhythmus einschwingen und harmonisiert werden. Man kann sich vorstellen, dass ein rhythmisch gestalteter Tagesablauf unter diesem Gesichtspunkt gesunden Schlaf fördert. Für unsere Lernprozesse ist diese Phase von Bedeutung, weil hier unsere Erlebnisse, Wahrnehmungen und Gefühle vom Kurzzeitgedächtnis in das Langzeitgedächtnis übergehen.

Auf den Tiefschlaf folgt in der Regel eine REM-Schlafphase. Dieser Phase wird vom salutogenetischen Standpunkt aus große Bedeutung zugemessen. Hier ist die Zeit, in der wir träumen. »Die Augen, Ohren und Sprachorgane sind aktiv während des REM-Schlafes. Sie werden bewegt, und zwar ohne Intention wie im Wachzustand des Menschen. Man könnte es so ausdrücken: Der Traum bewegt die Organe der Wahrnehmung und Kommunikation« (Schoorel/Weerts). Dies kann 4-5 Mal in der Nacht geschehen. Im Tiefschlaf erholt sich unser Körper, während der REM-Phasen findet die geistige Erholung statt.

Interessant ist, dass sich die Schlafstruktur und das Verhältnis der Schlafphasen im ersten Jahrsiebt verändern. So wie es eine Wärmephysiologie der Neugeborenen gibt (siehe Frühe Kindheit Frühjahr 2021), kann man auch von einer Schlafphysiologie oder Schlafarchitektur (Schoorel/Weerts) sprechen. Bei deren Betrachtung wird deutlich, dass der Schlaf der Kinder im ersten Jahrsiebt bestimmte Entwicklungsphasen durchläuft und Veränderungen erfährt. Die REM-Phasen sind in den ersten Monaten ungefähr doppelt so häufig wie im Kindergartenalter. Die Schlafforschung geht davon aus, dass das Schlafbedürfnis der Kinder recht stark divergieren kann. Es kann bei Einjährigen bis zu fünf Stunden und bei 3- bis 6-Jährigen noch zwischen neun und 13 Stunden variieren. Hier stellt sich oft die Frage nach Veranlagung und Gewohnheit: Wie kann ich wissen, ob mein Kind genug geschlafen hat? Das zeigt sich meist im Verlauf des Tages. Ist das Kind gereizt, wenig belastbar, sind die Wangen rosig oder blass, ist es aktiv und initiativ oder wirkt es müde und schnell erschöpft? Der Kinderarzt Schoorel schlägt folgende Parameter für ausreichenden Schlaf vor:

  • Wacht mein Kind eine Woche lang selber auf (zum Beispiel in den Ferien)?
  • Wacht es am Wochenende zur gleichen Zeit auf?
  • Hat es eine halbe Stunde nach dem Aufwachen Hunger?

Oft erleben Eltern, dass mit dem Besuch einer Kita die Kinder wieder mehr Schlaf brauchen, denn der Krippen- und Kindergartenalltag ist herausfordernd und hinterlässt sehr viele Eindrücke, die während des Schlafes verarbeitet werden müssen (siehe Ruhen und Schlafen, Vereinigung der Waldorfkindergärten). Auch in medizinischer Hinsicht gilt: Während der Wachphasen bauen sich Cortisol und Adrenalin (sogenannte Stresshormone) auf, die sich während des Schlafens wieder abbauen können.

Die Tatsache, dass die Kinder heutzutage durchschnittlich bis zu fünf Stunden weniger schlafen als noch Ende des 19. Jahrhunderts, zeigt, dass Schlaflosigkeit auch ein gesellschaftliches Phänomen ist. Dies hat mit der Elektrifizierung und technischen Neuerungen zu tun und spiegelt die damit zusammenhängenden Freiheiten und Möglichkeiten wider. Doch wenn man bedenkt, wie wichtig ausreichender Schlaf für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden ist, kann uns dies zu denken geben.

Ein Kind, das gut ein- und durchschläft ist ein Geschenk. Hat ein Kind Probleme mit dem Einschlafen oder Durchschlafen oder hat es gar Schlafstörungen, ist das eine große Herausforderung für Kind und Eltern, die Kraft, Durchhaltevermögen, Empathie und manchmal auch professioneller
Hilfe bedarf.

Zur Autorin: Susanne Altenried ist Waldorferzieherin im Chiemgau, Fachberaterin und Dozentin am Seminar für Waldorfpädagogik und in der Erwachsenenbildung in München tätig. Sie ist Mitglied im Arbeitsfeld Forschung und Geisteswissenschaft der Vereinigung der Waldorfkindergärten.

Literatur: Arbeitsfeld Forschung Vereinigung der Waldorfkindergärten (Hg.): Ruhen und Schlafen, 2020 | M. Kramer, D. Gutknecht: Schlafen in der Kinderkrippe, Freiburg 2016 | E. Schoorel, N. Weerts: Schlaf und seine Bedeutung für einen gesunden Rhythmus, Stuttgart 2020 | R. Steiner: Die menschliche Seele in ihrem Zusammenhang mit göttlich-geistigen Individualitäten, GA 224, Dornach 1992 | Ders.: Allgemeine Menschenkunde, GA 293, Dornach 1992 | Chr. Rau: Wenn die kleinen Kinder beten, Dornach 2011

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