Keine Angst vor Doktorspielen. Wie kleine Kinder die Geschlechter entdecken

Von Elke Rüpke, April 2014

Die psychosexuelle Entwicklung des kleinen Kindes verläuft vielfach im Verborgenen und ist nur fragmentarisch an äußeren Handlungsweisen ablesbar. »Doktorspiele« entspringen dem Urbedürfnis der Kinder, die Welt kennenzulernen und weisen keineswegs auf eine verfrühte Sexualisierung des Kindes hin.

Illustration: © Renate Alf

Kommt ein Kind auf die Welt, dann ist eine der ersten Fragen, die von seiner Umgebung gestellt werden: Ist es ein Junge oder ein Mädchen? Für das Baby selbst ist diese Frage bedeutungslos. Seine Bedürfnisse sind allgemein menschlich: Es hat Hunger, Durst, braucht viel Schlaf, liebevolle Zuwendung, Wärme und körperliche Pflege, um sich wohlzufühlen, ganz gleich, ob Junge oder Mädchen.

Auch die Entwicklungsschritte, die das Kind in den ersten Jahren macht, lassen sich zunächst nicht eindeutig nach dem Geschlecht unterscheiden: die Art und Dynamik des Laufenlernens, des Sprechenlernens, der Entfaltung erster eigener Gedanken und die soziale Entwicklung, zeigen eher ein Stück seiner individuellen Persönlichkeit, als dass sie typisch weiblich oder männlich wären.

Deutlich und markant wirksam im Körperlichen und auch im Seelischen wird die Geschlechtszugehörigkeit erst mit dem Übergang vom Kindsein zum Jugendlichen in der Pubertät.

Das körperliche Merkmal dafür stellt das Einsetzen der Geschlechtsreife dar, das mit dem von Rudolf Steiner so genannten »Freiwerden des Astralleibs« einhergeht. Erst jetzt ist die Grundlage für ein inneres Erleben der eigenen Geschlechtlichkeit gegeben. Insofern kann und muss eine deutliche qualitative Unterscheidung zwischen dem Umgang mit Fragen der Sexualität im Jugend- und Erwachsenenalter und dem in der Kindheit gemacht werden. Dieser Entwicklungsschritt aber hat vielfältige Vorbedingungen und baut auf Vorerfahrungen auch schon in der frühen Kindheit. In welcher Form nun beschäftigen sich kleine Kinder mit Aspekten, die wir später der Geschlechtlichkeit und Sexualität zurechnen?

Die Neugierde und das Interesse für den eigenen und den fremden Leib

Wenn ein Baby im ersten Lebensjahr beginnt, gezielt zu greifen und zu tasten, ertastet und erforscht es nach und nach seinen ganzen Körper, soweit er ihm erreichbar ist, um ihn gut kennenzulernen.

Dazu gehört das Spiel mit seinen Händen und Füßen, dazu gehören auch die Genitalien, und das Kind ist dabei ganz unbefangen. Manche Kinder bemerken schon im Kleinkind­alter, dass ihre Genitalien besonders empfindsam auf Berührung reagieren und dass das Reiben daran für ein schönes, wohliges Gefühl sorgen kann. So kann die sogenannte »Selbstbefriedigung« ein Mittel sein, mit dem ein Kind sich selbst beruhigt oder sinnliche Wahrnehmung verschafft. Seit es vermehrt Ganztagskindergärten gibt, in denen die Kinder nach dem Mittagessen schlafen, wird das auch für die Erzieher und Erzieherinnen ein beobachtbares Phänomen. Zu der Neugierde, den eigenen Körper genau wahrzunehmen, gehört dann später das Interesse, andere Kinder oder auch Erwachsene einmal nackt anzusehen, und schließlich die bekannten »Doktorspiele«, die sich häufig bei den Fünfjährigen antreffen lassen. Bei alledem geht es für das Kind noch nicht um sexuelle Lust, sondern um das Grundbedürfnis, die Welt kennenzulernen. Warum sollte es bei so elementaren Aspekten wie dem menschlichen Körper und den körperlichen Verschiedenheiten der Geschlechter eine Ausnahme machen?

Vom zweiten Lebensjahr an beginnen Kinder zu verstehen, dass Mädchen und Jungen, Frauen und Männer sich unterscheiden und dass sie selber ein Mädchen oder ein Junge sind. Die von ihnen genannten Unterscheidungsmerkmale sind allerdings noch für mehrere Jahre eher äußerlich wahrnehmbare Faktoren wie die Bekleidung, die Haare und der Bart, die Stimmhöhe oder das Spielen mit bestimmtem Spielzeug. Auch halten sie es manchmal noch für möglich, dass jemand zuerst Junge und im späteren Alter dann Mädchen wird. Dies sind die ersten Schritte auf dem jahre­langen Weg zur eigenen Geschlechtsidentität.

Von Witzen und Schimpfwörtern

Zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr, individuell sehr verschieden, werden die meisten Kinder »trocken«. Sie beginnen von sich aus zu bemerken, wenn sie zur Toilette müssen, und fangen an, ihren Schließmuskel zu beherrschen. Darauf und auf ihre »Erzeugnisse« sind sie in diesem Alter oft regelrecht stolz. Sehr häufig geht damit einher, dass »Pipi« und »Kaka« in Kindergesprächen und -witzen ein großes und über längere Zeit anhaltendes Thema werden. Manche Kinder zeigen jetzt auch gerne zu Hause oder im Kindergarten in größerer oder kleinerer Runde mal ihren nackten Penis, ihre Scheide oder ihren Popo vor. Wie alles andere bisher Genannte sind das Entwicklungsphasen, die zwar längst nicht bei jedem Kind so vorkommen, aber in den Bereich der normalen psychosexuellen Entwicklung des Kindes gehören und in den meisten Fällen nach einiger Zeit von selbst wieder verschwinden.

Neu entwickelt sich irgendwann bei jedem Kind das Gefühl der körperlichen Scham, das zum Beispiel daran erkennbar ist, dass es beim Toilettengang die Tür nicht mehr offen lassen will oder sich im Schwimmbad lieber alleine in der Einzelkabine umzieht. Der Zeitpunkt dafür ist bei jedem verschieden, wie man bei Geschwistern gut feststellen kann: Von drei bis neun Jahren reicht bei Kindern die Bandbreite des ersten Auftretens des Schamgefühls. Dieses Gefühl ist aber auch stark von der Erziehung und den gerade herrschenden moralischen Vorstellungen der Herkunftskultur abhängig. Ein weiterer Bereich des Alltags mit Kindern, in dem Bezüge zur Sexualität zu finden sind, ist der Gebrauch von derben Ausdrücken und Schimpfwörtern oder womöglich das Nachspielen von Geschlechtsverkehr bei Kindern im Vorschulalter. Bei beidem kann man davon ausgehen, dass sie irgendwo etwas aufgeschnappt haben, das für die beobachteten Beteiligten einen gewissen Aufregungswert hatte und das sie nun nachahmen, ohne im Allgemeinen die genauere Bedeutung erfasst zu haben, auch wenn es mit viel Gekichere verbunden sein kann!

Die angeführten Aspekte können deutlich machen, dass die psychosexuelle Entwicklung des kleinen Kindes vielfach im Verborgenen verläuft und sich nur zum Teil an der beobachtbaren Oberfläche des Verhaltens zeigt. Für den Umgang damit gilt jedoch: Mit dem Wissen, dass die Beschäftigung mit Fragen der Geschlechtlichkeit beim Kind im Allgemeinen aus den Impulsen des Weltinteresses entspringt und keinesfalls mit dem Erwachsenenverständnis von Sexualität zu interpretieren ist, kann es in der Erziehung leichter fallen, bei Doktorspielen und ähnlichen Vorkommnissen gelassen zu bleiben. Das wiederum wird es den Kindern später erleichtern, einen guten und gesunden Umgang mit der eigenen Körper­lichkeit und Sexualität zu finden.

Zur Autorin: Elke Rüpke ist Dozentin am Waldorferzieherseminar in Stuttgart

Kommentare

hannah , 08.11.14 21:11

mein 5jähriger sohn merkt genau, dass er mich mit schimpfwörtern verletzt (blöde Mama, das berühmte Loch,...). Wie soll ich reagieren? ignorieren? fällt mir schwer. ich sag manchmal "ich bin noch nie von jemandem so beschimpft worden wie von dir". auch falsch wahrscheinlich, stimmt aber. vielleicht gibt's ja eine hilfreiche rückmeldung. lg h e

Doris Brunert, 15.08.15 20:08

Hier ein Gruß an die Autorin, werde nun Erzieherin, und freue mich über dieses Online-Portal.

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