Kinder tanzen Sprache. Eurythmie für die Kleinsten

Von Tille Barkhoff, Dezember 2020

Wir alle wissen, dass Kleinkinder noch viel lernen müssen. Bemerken wir aber auch, dass sie manches viel besser als wir Erwachsene können? Letzteres erlebe ich immer mehr, je länger ich mit Kleinkindern Eurythmie mache.

Hinweis: Dieser Artikel erschien in der Herbstausgabe 2020 der Zeitschrift »Frühe Kindheit«. Das Heft können Sie hier bestellen. Hefte, die älter als ein Jahr sind, stehen in unserem Archiv zum Download für Sie bereit.


Wie eine kleine Tanztheater-Aufführung

Die Kinder beenden gerade das Frühstück, als ich mit meinem Korb den Gruppenraum betrete. Einige, die schon fertig sind, kommen mir erwartungsvoll entgegen, um zu sehen, was heute in meinem Korb ist. Ich beginne dann in der Mitte eines vorher für die Eurythmie vorbereiteten Bereiches, einige Dinge aufzubauen, die zu der kleinen Geschichte der Kindergarteneurythmie passen. Für die Kinder sind sie etwas ganz Besonderes, »denn man darf sie nur ansehen – nicht anfassen«! Langsam kommen immer mehr Kinder neugierig dazu, bis die ganze Gruppe im Kreis um die von mir aufgebaute Mitte sitzt. Wenn dann alle, teils mit etwas Hilfe, ihren Platz gefunden haben, kann es losgehen. Alles geschieht in entspannter Atmosphäre und es wird langsam immer ruhiger. Nachdem es einen Moment ganz still geworden ist, stehen wir auf und gehen singend im Kreis. Nach dem Anfangslied beginne ich mit den ersten Eurythmiegesten, die von den Kindern wie selbstverständlich nachgeahmt werden, weil sie dies zum Beispiel vom Reigen her schon kennen. Anders als dort sprechen die Kinder in der Eurythmie aber nicht mit, um ganz in die Bewegung eintauchen zu können. Das erkläre ich ihnen aber nicht. Ich spreche einfach nur zu Beginn etwas leiser, unerwartet schnell oder unrhythmisch, dass es ihnen gar nicht gelingen kann, mitzusprechen. Diese kleinen ›Tricks‹ verwende ich natürlich sehr subtil und biete gleichzeitig klare eindeutige Bewegungen an, die sie gut nachahmen können. Damit lenke ich die Aufmerksamkeit der Kinder. Sie spüren dadurch direkt, dass es hier auf die Bewegung ankommt. Trotzdem stehen zu Beginn manche Kinder noch ganz verträumt da und schauen einfach nur zu. Dann können kleine Überraschungen ihr Interesse wecken und kräftigere Übungen (Stampfen, Springen oder sich Abklopfen) ihr Körpergefühl aktivieren. Beides ist notwendig, um nachahmen zu können. Wichtig ist mir vor allem, dass sie aus eigener Initiative einsteigen. Es sind ja Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren und jedes soll in meinem Angebot das finden können, was zu ihm und seinem Entwicklungsstand passt. Nur wenn Kinder aktiv stören, greife ich oder ein Erzieher behutsam ein. Begleitend zur Bewegung spreche ich kleine rhythmische und lautmalerische Verse, die in ihrer Folge eine kleine Geschichte ergeben, in der wir »Schlitten fahren« oder zu Blumen und springenden Pferdchen und kämpfenden Rittern werden. Das Ganze ist wie eine kleine Tanztheateraufführung, bei der sich jeder mitbewegen darf. Nach etwa fünf Wochen kommt ein neues »Mitmach-Programm«, das die neue Jahreszeit mit ihren Festen thematisch aufgreift. Unabhängig vom Inhalt wird in jedem »Programm« zuerst die Nachahmung geweckt, dann folgen Übungen, die Achtsamkeit und Geschicklichkeit fordern und danach ein lustiger, bewegterer Teil.

Den Ausklang bilden beruhigende Bewegungen, die den Atem vertiefen, sodass wir genauso gemütlich sitzend aufhören, wie wir begonnen haben.

Sprache und Bewegung sind eins

Die großartigen Fähigkeiten der Kinder, die ich anfangs erwähnte, erlebe ich, wenn ich sehe, wie empathisch sie mitmachen können und wie genau sie Nuancen meiner Gesten nachahmen und diese intuitiv bis in die damit verbundene Empfindung nachvollziehen. Trotz ihrer äußerlichen Verträumtheit nehmen sie blitzwach kleinste Details wahr und bemerken feine Untertöne meiner Sprache. Ich brauche dann nichts zu erklären, denn sie verstehen mich über meine Gestik und meinen Tonfall. Sie können sich auch viel mehr als wir Erwachsene am Klang der Sprache freuen. Sie empfinden die Sprache sinnlich, wie es manche Dichter oder Schriftsteller tun. Sie erleben, dass ein Wortklang lustig, auffordernd oder besänftigend sein kann und verstehen so viel mehr über die Prosodie (Klangmelodie) als über die gedankliche Aussage.

Dadurch spüren sie auch unmittelbar, dass die Eurythmie-Bewegungen zum Klang der Sprachlaute und Worte passen und sich nur sekundär am gedanklichen Inhalt der Texte orientieren. Dem K entspricht eine kräftige, harte, konturierte Bewegung, die dann für ein Wort wie »klopfen« oder Kante, prägend ist. Das M im Wort »murmeln« dagegen hat den viel weicheren, empathischen Bewegungscharakter der M-Gebärde.

Die Eurythmie hat für jeden Laut eine charakteristische Grundgebärde, die sich vielseitig variieren lässt. Ähnlich werden alle weiteren prosodischen Anteile der Sprache in Bewegungen übersetzt. Die Eurythmie umfasst noch viele weitere Aspekte, aber für die Kleinkindeurythmie sind besonders die Lautgebärden und der Sprachrhythmus relevant.

Entscheidend für die gemeinsame Bewegung ist es dann aber, dass ich gut wahrnehme, ob und wie ein vorbereiteter Bewegungsablauf bei den Kindern Resonanz findet, wann er sie zum Mitmachen motiviert. Beispielsweise hatten einige Kinder das Wort »Packpapier« – verbunden mit einer dreifachen P-Geste – besonders gern. Sie konnten darüber lachen, wie über einen Witz.

Auch folgende Situation mag veranschaulichen wie diese Resonanz auch aussehen kann: »Was ist das für ein Gemurmel, was ist das für ein Geraune ...?« so beginnt ein Gedicht über eine Frühlingszwiebel, die in der Erde langsam erwacht und sich fragt, was da draußen schon alles vor sich geht. Die Kinder hockten dabei mit mir auf dem Boden, hörten interessiert zu und ahmten etwas verträumt meine »murmelnde M-Bewegung« nach. Diese Geste, die eine gegenläufige Bewegung der Hände erfordert, war für sie ungewöhnlich und dadurch eine kleine Herausforderung. Deshalb probierten sie länger herum, um sie genau so wie ich zu gestalten. Ich gab ihnen die Zeit dazu und wiederholte deshalb die erste kleine Frage ein paarmal.

In diesem Moment konnte ich ganze Phantasiegeschichten in den Kinderaugen lesen. Jedes schien seine eigene Geschichte zu erleben – aber bei allen schien sie irgendwie geheimnisvoll zu sein. Vielen Kindern schien das Wort »Gemurmel« neu. Sie brauchten Zeit, um seine Lautmalerei gefühlsmäßig zu ergründen und um zu erahnen, was wohl damit gemeint sein könnte. Sie blieben relativ lange konzentriert bei der Sache. Dabei schien die M-Gebärde einerseits eine Herausforderung, andererseits aber auch eine Hilfe zu sein, diesen Begriff anfänglich zu verstehen.

Solche Momente zeigen, dass die Bewegung sie zu eigener Aktivität anregt und auch wie sinnlich, künstlerisch Kleinkinder Sprache erleben können, wenn man ihnen die Zeit und Ruhe dazu lässt.

Es geht um Freude an der Körper-Sprache

Unser Erziehungsangebot sollte den Kindern helfen, ihre Entwicklungsschritte gründlich und dadurch nachhaltig zu machen. So möchte ich durch differenzierte und vielfältige Bewegungen des ganzen Körpers, Grob- und Feinmotorik sowie Koordination, Geschicklichkeit und das Rhythmusgefühl der Kinder fördern. Als ganzheitliche Methode bezieht die Eurythmie außerdem viele Sinne aktiv mit ein, vom Gleichgewichts- und Eigenbewegungssinn bis zum Sehen und Hören. Die Kinder üben also, ihre Aufmerksamkeit einerseits gezielt nach außen zu richten und dabei trotzdem gut bei sich zu bleiben, denn die geformte eigene Bewegungsgestaltung fordert andererseits eine gute Selbstwahrnehmung. Diese ist eine wichtige Grundkompetenz für die Schule. Genauso wie die Fähigkeit, sich eigenständig in einen Gesamtzusammenhang einzufügen.

Auf sprachlicher Ebene unterstützt sie die Lautdifferenzierung, die eine wichtige Voraussetzung ist, um Schreiben zu lernen. Auch kann sie dazu beitragen, den Wortschatz zu erweitern. Vor allem möchte ich aber, dass die Kinder Freude an der Sinnlichkeit der Sprache haben können und erleben, dass sie Ausdruck des ganzen Menschen bis in seine Körperlichkeit ist.

Zur Autorin: Tille Barkhoff ist Eurythmistin und Heileurythmistin. Sie war in der Eurythmieausbildung Hamburg und5 Jahre in Russland beim Aufbau der Ausbildungen in Moskau und St. Petersburg tätig. Künstlerisch arbeitete sie in Bühnenensembles in Hamburg und Stuttgart und seitdem freiberuflich. Zur Zeit unterrichtet sie an einer Schule und in verschiedenen Kindergärten in Hamburg.

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