Kleine Kinder und die Welt der Gefühle

Von Elke Rüpke, Januar 2023

Von Anfang an zeigen Kinder ihre Reaktion auf die Umwelt in Form von Gefühlsausdrücken. An ihrer Körperspannung, ihrer Gestik und ihrer Mimik lässt sich ablesen, ob sie sich wohl oder unwohl fühlen. Lange bevor sie sprechen, bekunden sie mit Schreien ihren Unmut oder ihr Unwohlsein, und schon wenige Wochen nach der Geburt zeigen sie durch ihr Lächeln und später durch Juchzen und Lachen ihre Freude.

Foto: © Charlotte Fischer

Hinweis: Der Artikel ist in der Winterausgabe der Zeitschrift »Frühe Kindheit« (04/2022) erschienen. Einzelne Ausgaben können Sie hier bestellen. Hefte, die älter als ein Jahr sind, stehen in unserem Archiv zum Download für Sie bereit.


Die scheinbar banale Alltagsbeobachtung weist auf eine wichtige Tatsache hin: Wir sind von Anfang an Wesen, die das, was mit ihnen geschieht, nicht einfach nur wahrnehmen und darauf mechanisch mit einem Reiz-Reaktions-Schema reagieren, sondern wir erzeugen in unserem seelisch-geistigen Innenraum Resonanzen zu den Wahrnehmungen in Form von Gefühlen. In unserem Inneren wächst heran, was uns zur unverwechselbaren Persönlichkeit macht. Auch die persönliche Freiheit, die wir uns nach und nach erringen. Unsere Gefühle bestimmen, ob wir uns Eindrücken freudig öffnen oder ängstlich vor ihnen zurückziehen. Durch sie stehen wir in einer zwischen Sympathie und Antipathie schwingenden Beziehung zur Welt.

Hätten wir keine Gefühle, würden wir pflanzenartig vor uns hinvegetieren oder wie ein Roboter mechanisch reagieren. Die Gefühle lassen uns unsere eigene Lebendigkeit und unsere Verbindung mit der Umwelt spüren. Sie geben uns Antrieb, Motivation und Dynamik. Sie machen unser Leben bunt und lebenswert.

Gefühle wirken auf unseren Körper und unseren Geist. Sie weisen über sich hinaus. Freude, Ärger und Angst zeigen sich im Pulsschlag und Atemrhythmus, in der Verdauung, der Körperspannung, der Bewegung usw., also in den Lebensprozessen und Körperfunktionen. Anthroposophisch gesprochen: im Ätherleib. Wiederholen sich ihre Wirkungen, erstrecken sie sich bis in den physischen Leib. Bei Kindern können sie den Aufbau und die Gestaltung der physischen Organe positiv wie negativ beeinflussen, während sie bei Erwachsenen eher Funktionsstörungen wie z.B. Rückenschmerzen, Schlafstörungen oder Magengeschwüre verursachen.

Aus der Bindungsforschung wissen wir, dass positive Gefühle bei Kindern die physische Stabilität und Resilienz – also die seelische Widerstandskraft gegenüber Herausforderungen – fördern. Die Wirkung der Gefühle auf den Geist bemerken wir am Duktus unseres Denkens (optimistisch oder pessimistisch) oder an der Art und Tiefe, in der Erlebnisse und Wissensbestände erinnert werden. Gefühle bestimmen nicht nur die Beziehung des Menschen zur Umwelt, sondern auch zu sich selbst. Das macht sich die Werbung zunutze, indem sie vermittels schöner Bilder, Klänge und Assoziationen unsere Gefühle anspricht. Um ihrer Manipulation entgegenzuwirken, sollten wir unser Gefühlsleben aufmerksam beobachten. 

Wie entwickeln sich Gefühle?

Dass auch Neugeborene Gefühle haben, ist lange Zeit kaum zur Kenntnis genommen worden. Da das Seelenleben nicht direkt beobachtet werden kann, glaubten Naturwissenschaftler bis weit in die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hinein, Säuglinge verfügten nur über Reaktions-

reflexe, aber nicht über differenzierte Gefühle. Entsprechend ging man mit ihnen um. Man trennte sie z.B. gleich nach der Geburt im Krankenhaus von der Mutter. Erst seit dem Ende des zwanzigsten Jahrhunderts werden Gefühle zunehmend als entwicklungsrelevant angesehen. Sie gehören in Form der »emotionalen Kompetenz« (mit den Teilbereichen Emotionswissen, Emotionsverständnis und Emotionsregulation) zu einem der pädagogisch zu fördernden Entwicklungsbereiche.

Nach vielen internationalen Studien ist man sich einig, dass Kinder nicht nur vorgeburtlich die Gefühlsstimmung der Mutter wahrnehmen und in ihrer Entwicklung von ihr beeinflusst werden, sondern dass sie auch eine gewisse Anzahl von Grundgefühlen oder »Basisemotionen« auf die Welt mitbringen und schon in den ersten Lebenswochen zeigen können.

Dazu gehören: Interesse oder Erregung, Freude, Angst, Ärger, Trauer und Ekel. Das Gefühlsleben erweitert und differenziert sich im Lauf der ersten Kindheitsjahre, je mehr das Kind ein Bewusstsein für sich selbst und die Weltzusammenhänge erwirbt. Ab dem zweiten Lebensjahr kommen in der Regel die Anfänge von Stolz, Scham, Schuld und Neid als sogenannte »sekundäre Emotionen« hinzu. Es sind Gefühle, die sich im und am sozialen Miteinander zeigen. Sie beruhen auf dem wachsenden Erlebnis, eine von Anderen unterschiedene Person zu sein. Viele weitere Gefühle und Gefühlsnuancen beruhen ebenfalls auf der Reifung der Persönlichkeit, benötigen aber zusätzlich Vorbilder, Anregungen und manchmal auch auslösende Erfahrungen. Beispiele sind die Gefühle Ehrfurcht, Dankbarkeit, Verantwortung, Hoffnung, Demut, Solidarität, aber auch Liebe und Hass. Die Gefühle des Menschen sind eine Art Spiegel seiner seelisch-geistigen Entwicklung und seiner Auseinandersetzung mit der Umwelt.

Empathie

Zur sogenannten emotionalen Kompetenz gehört die Empathie, die Fähigkeit, sich in andere Personen hineinzuversetzen. Schon bei Säuglingen ist das Phänomen der »Gefühlsansteckung« beobachtbar: Sie beginnen sofort zu weinen, wenn andere Kinder weinen. Von ihr ist aber die Fähigkeit des Einfühlens oder Mitfühlens zu unterscheiden. Die Empathie stellt keine mitgebrachte Basisemotion dar, die sich einfach von selbst zeigt. Sie muss in realen Erfahrungen feinfühligen Umgangs an empathischen Vorbildern erlebt und geweckt werden: Ein Kind, mit dem feinfühlig umgegangen wird, wird später selbst eher Feinfühligkeit und Empathie entwickeln können. Ab wann Kinder empathisches Verhalten zeigen können – ab dem vierten Lebensjahr oder schon deutlich früher –, wird kontrovers diskutiert. Empathie-Fähigkeit setzt voraus, dass ich den Anderen unbeeinträchtigt von meiner momentanen emotionalen Verfasstheit in seiner Gefühlslage wahrnehmen und verstehen kann.

Gefühlsleben im Wandel

Schaut man auf das Erscheinungsbild der Gefühle in der gesamten Kindheit und Jugend, so zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Jahrsiebten. Im ersten Jahrsiebt ist das Gefühlserleben noch maßgeblich an das eigene körperliche Erleben und Wahrnehmen sowie an die emotionale Stimmung in der direkten Umgebung gebunden. Die Gefühle des Kindes zeigen sich in der Regel eher wie »Strohfeuer«: heftig auflodernd, aber meistens von außen auch schnell zu beeinflussen oder umzulenken.

Im zweiten Jahrsiebt wird das Gefühlsleben zunehmend verinnerlicht und nachhaltiger. Wenn wir als Erwachsene angeregt werden, uns an Erlebnisse aus dieser Zeit zu erinnern, tauchen sie in der Regel sehr lebendig und gefühlsintensiv wieder auf, denn auch die Gedächtniskräfte gewinnen ab dem zweiten Jahrsiebt eine größere Tiefe. Die Kinder beginnen im zweiten Jahrsiebt auch, mit Gefühlen zu spielen und sie zu trainieren: Mutproben werden gesucht (Geisterbahnfahren, Klingelstreiche,

körperliche Geschicklichkeit usw.) und das Überwinden von Ängsten geübt. Es wird mit den Gefühlen von Geschwistern oder Klassenkameraden gespielt, indem sie bis zum »Ausrasten« provoziert werden. Das Schulkindalter spielt für die Entwicklung eines nicht nur reichhaltigen und tiefen, sondern auch beweglichen und schwingungsfähigen Gefühlslebens eine bedeutende Rolle.

Im dritten Jahrsiebt erfolgt nicht nur eine weitere Intensivierung und Vertiefung des Gefühlslebens: Die Gefühle werden nun vor allem individualisiert, was starke Schwankungen und Extreme mit sich bringt. Es erwachen die persönlichen Gefühle für den anderen Menschen und die Umwelt.

In der Regel entsteht erst jetzt die Sensibilität für Atmosphärisches, zum Beispiel im Wahrnehmen von Stimmungen einer Landschaft, eines Gesprächs, eines Gedichts usw.

So könnte man erweitern und weiterverfolgen, wie sich das Gefühlsleben im Laufe der gesamten Biographie bis ins hohe Alter verändert und jeweils sowohl einen anderen Zustand der persönlichen Reifung als auch der Verbundenheit des Menschen mit seiner Umwelt spiegelt.

Gefühlskultur entwickeln

Gefühle geben Auskunft über die Qualität, in der ein Kind sich mit der Welt verbunden fühlt, und sie geben ihm Impulse für das daraus folgende Verhalten. Hier ist es zunächst sinnvoll, zwischen Gefühl und Gefühlsausdruck zu unterscheiden. Während die Gefühle in ihren Grundformen bei jedem Menschen von Anfang an da sind und sich im Verlauf seiner Entwicklung ausdifferenzieren, wird die kulturell und gesellschaftlich akzeptierte Art, Gefühle auszudrücken und zu zeigen, in der jeweiligen Umwelt erlernt. Im interkulturellen Kontext kann es sinnvoll sein, das Kulturspezifische des jeweiligen Verständnisses emotionaler Kompetenz zu reflektieren.

Es geht hier zunächst darum, als Erwachsener die Gefühle des Kindes in ihrem Eigenwert grundsätzlich zu akzeptieren und dann altersangemessene Anregungen und Hilfestellungen für den Umgang mit ihnen zu geben. Alle Gefühle haben ihre Berechtigung und ihren Sinn, auch Wut, Trauer oder Angst, sie sollten in ihrer Wirkung aber niemanden überwältigen und niemandem schaden.

Konkret ist dabei zu bedenken:

• Je kleiner die Kinder sind, umso abhängiger sind sie in ihrer gesamten Gefühlswelt von ihrer Umgebung. Das gilt sowohl für die Ermöglichung positiver Gefühle durch die Befriedigung von Grundbedürfnissen (Schutz und Sicherheit, angemessene körperliche Versorgung, das richtige Ausmaß von Sinnesanregungen und Selbstwirksamkeitserfahrungen) als auch für die Wirkung der emotionalen Atmosphäre, in der das Kind lebt. Eine warmherzige, ausgeglichene, heitere Grundstimmung bildet die beste »Umgebungstemperatur« für das Kind im ersten Jahrsiebt.

Sich darum immer wieder zu bemühen, ist in unserer Zeit, die von vielerlei Ängsten und Sorgen durchzogen ist, sicher eine besondere Herausforderung! Darüber hinaus legen wissenschaftliche Studien den Schluss nahe, dass die Verbindung der kleinen Kinder mit den Gefühlen ihrer Bezugsperson noch sehr eng ist: Sie müssen mit ihr in direktem Augenkontakt stehen, um ihre emotionale Reaktion erkennen zu können.

• Besonders der Aspekt des achtsamen Wahrnehmens ist im Umgang mit Gefühlen von Bedeutung.

Wir kennen das auch als Erwachsene: Wenn meine Gefühle wahrgenommen werden, fühle ich mich nicht mehr so allein und weniger hilflos. Im emotionalen Kontakt zu sein bedeutet, sich intuitiv verbunden zu fühlen. Wenn das Kind in seinen Gefühlsäußerungen wertschätzend wahrgenommen und begleitet wird, baut es sichere Bindung und Resilienz auf, die später zur Grundlage eines stabilen und ausgeglichenen Gefühlslebens werden können.

• Ein weiterer Baustein liegt für viele Jahre im Gefühls-Vorbild der Bezugspersonen: Bemühen sie sich darum, authentisch und zugleich rücksichtsvoll mit ihren Gefühlen umzugehen? Bemühen sie sich darum, feinfühlig gegenüber anderen zu sein? Wenn wir an uns arbeiten und aus unseren Fehlern zu lernen versuchen, können wir für die Kinder in dieser Hinsicht gute Vorbilder sein.

• Bevor Kinder ihre Gefühle selbst regulieren können, benötigen sie die konkrete Hilfe durch körperliche Zuwendung ihrer Bezugspersonen. Ihnen Sicherheit zu geben, besonders bei Angst und Trauer, spielt eine herausragende Rolle. Wir beruhigen durch Trösten, Wiegen, auf den Schoß nehmen, Summen, Singen usw.

Nach und nach kommen, von den Kindern selbst ausgehend, neben eigenen Strategien auch trostgebende Stützobjekte dazu (Schnuller oder Schmusetier), und dann können zunehmend, auch im Kindergartenalter, Gewohnheiten, Rituale und Regeln (im Umgang mit Wut, Angst, Trauer oder Schmerz) unterstützend eingeführt werden.

• Während die Kinder sich durch das Sprechen ihre Erfahrungswelt »erobern«, können auch die Gefühle, die sie real erleben, durch die Bezugspersonen in der Alltagskommunikation benannt werden.

Gefühle benennen und dadurch auch mitteilen zu können, kann dem Kind helfen, ihnen nicht hilflos ausgeliefert zu sein.

Für einen späteren bewussten Umgang mit den eigenen Gefühlen bilden diese Anfänge des Gefühlswissens eine gute Grundlage.

• Besonders herausgefordert werden wir zur Zeit durch gesellschaftlich bedingte Gefühlslagen, in die die Kinder zu oft mit hineingeraten, seien es die Klimakrise, die Corona-Pandemie oder der Krieg in der Ukraine. Die oben angeführten Zusammenhänge können Richtlinien für das Leben mit kleinen Kindern geben: Genauso wie wir kleinen Kindern zunächst nur die Nahrung geben, die ihnen für den körperlichen Aufbau förderlich ist, und das in möglichst guter, gesunder Qualität, sollten sie auch im Seelischen im frühen Alter möglichst nichts Verstörendes erleben, sondern davor geschützt bleiben, indem wir sie möglichst wenig damit in Berührung bringen. Wo das aber nicht möglich ist und die Kinder belastet erscheinen, sollten sie mit ihren Gefühlen, Fragen und Verunsicherungen nicht allein gelassen werden, sondern altersgemäß Raum und Aufmerksamkeit für ein gemeinsames Anschauen des sie Belastenden bekommen.

Nehmen Sie auch hier die Gefühle aller Beteiligten ernst, beziehen Sie die Kraft ein, die das Empfinden von Gemeinschaft im geteilten Leid mit sich bringt. Suchen Sie für die Kinder, wenn sie Fragen haben, nach altersgemäßen Erklärungen, die ihnen Orientierung schaffen, und Perspektiven, die Orientierung geben, zum Beispiel in Form von Wegen des persönlichen Umgangs, praktischen Handlungen, die Ihnen möglich sind, nach kleinen Schritten in die richtige Richtung. Wenn Ihnen selbst das nicht möglich erscheint, sollten Sie Hilfe und Beratung einholen.

Grundsätzlich gilt: Durch die Art, wie der Umgang mit Gefühlen von Eltern und Erziehenden vorgelebt und angelegt wird, kann sich für Kinder die Möglichkeit eröffnen, selber – zunächst noch unbewusst und nach und nach immer bewusster – einen förderlichen Umgang mit Gefühlen zu entwickeln. Die Grundlagen dazu werden früh gelegt. 

Elke Rüpke ist Waldorferzieherin und Bildungsreferentin der deutschen Vereinigung der Waldorfkindergärten sowie für den Aufbau der Waldorf-Fachschule für Sozialpädagogik in Hamburg tätig.

Literatur: D. Weltzien, K. Fröhlich-Gildhoff, M. Rönnau-Böse, M. Wünsche: Gefühl und Mitgefühl von Kindern begleiten und fördern. Eine Handreichung zur Umsetzung des Orientierungsplans für Kindertageseinrichtungen in Baden-Württemberg, Freiburg 2017

O. Enderlein: Große Kinder. Die aufregenden Jahre zwischen 7 und 13, München 2012

»Erkennen, fühlen, benennen ...« Grundlagen der emotionalen Entwicklung

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